Nahrungsergänzungsmittel Riskante Fitmacher

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Eine Datenbank warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln, die bedenkliche Wirkstoffe enthalten – manche davon sind nicht einmal zugelassen. Und überhaupt: wirklich nötig sind diese Kapseln, Pillen und Dragees meist nicht.

  Foto: Michael Steinert
  Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt. Vor allem im Internet wird eine breite Palette an Produkten angeboten, welche die Potenz erhöhen, die Gesundheit fördern oder ganz allgemein das stressige Leben erträglicher machen sollen. Doch manchmal können diese Mittel gerade das Gegenteil bewirken, etwa wenn sie gesundheitlich bedenkliche Stoffe enthalten. Die von der pharmakritischen Arznei- und Gesundheitszeitschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ zusammengetragene Datenbank über „gepanschte“ Produkte hat jetzt 20 Mittel neu aufgenommen und damit die Tausendergrenze erreicht. Damit setzt sich ein Trend fort, den die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bereits vor zwei Jahren festgestellt hat: „Fast jedes dritte Nahrungsergänzungsmittel ausländischer Herkunft, das Figur- und Fitness-Fans online bestellten, enthält für Käufer nicht erkennbar illegale und hochgradig gesundheitsschädliche Substanzen“, lautete das Ergebnis einer Marktuntersuchung.

Warum diese häufig als natürlich und pflanzlich gepriesenen Mittel so beliebt sind, erläutert Wolfgang Becker-Brüser, Mitherausgeber von „Gute Pillen – Schlechte Pillen“: „Es wird das versprochen, was sich die Menschen wünschen, aber die Medizin nach derzeitigem Stand nicht bieten kann.“ An erster Stelle dieser Nahrungsergänzungsmittel (zur Erläuterung siehe 2. Seite) stehen dabei Potenzmittel, gefolgt von Schlankheitsmitteln und Produkten, die zur allgemeinen Stärkung dienen. Aber auch angeblich natürliche Mittel gegen Rheuma, Gelenkleiden und andere gesundheitlichen Probleme sind beliebt – und oft gepanscht.

Hinters Licht geführt werden dabei vor allem Menschen, die bewusst auf chemische Mittel verzichten wollen und – etwa bei zu hohem Körpergewicht oder Schmerzen in den Gelenken – auf vermeintlich harmlose natürliche Produkte bauen. Als jüngste Beispiele sind in der Datenbank von „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ verschiedene angeblich natürliche Produkte zum Abnehmen aufgeführt, etwa Bethel 30, Slimdia Revolution sowie Xiyouji Qingzh Kapseln. Sie enthalten den appetithemmende Wirkstoff Sibutramin (Handelsname Reductil), der in Europa wegen Herz-Kreislauf-Gefahren verboten ist.

Angeblich pflanzliche Produkte enthalten den Viagra-Wirkstoff

Besondere Gefahr droht von manchen angeblich pflanzlichen Potenzmitteln. So warnte erst kürzlich das schleswig-holsteinische Gesundheitsministerium vor den Nahrungsergänzungsmitteln Herbal men plus der Firma World Media Trading BV und Powerpills der Firma Funline International. Der Zusatz „Herbal“ – englisch für: pflanzlich – signalisiert, dass in den Potenzmitteln eigentlich keine chemisch hergestellten Wirkstoffe enthalten sein sollten. Das wird auch durch die Kennzeichnung als Nahrungsergänzungsmittel mit natürlichen Inhaltsstoffen suggeriert. Doch das ist keineswegs so: Untersuchungen im Landeslabor Berlin-Brandenburg hätten ergeben, dass in beiden Produkten Sildenafil beziehungsweise dessen Abkömmlinge (Derivate) „in nicht unerheblicher Menge vorhanden“ seien, berichtete das Ministerium. Damit enthielten sie „nicht deklarierte chemische Bestandteile, die strukturelle Verwandtschaft zu einem Wirkstoff des Fertigarzneimittels Viagra zur Behandlung von Erektionsstörungen“ hätten. Die Einnahme dieser Bestandteile könne zu erheblichen Gesundheitsschäden führen, so die Warnung.

Das Beispiel zeigt ein gravierendes Problem dieser gepanschten Nahrungsergänzungsmittel: „Die Menschen rechnen nicht damit, dass solche chemischen Mittel drin sind“, sagt Becker-Brüser. So wollen manche Männer beispielsweise auf vermeintlich harmlose pflanzliche Potenzmittel zurückgreifen, weil für sie der in Viagra enthaltene Wirkstoff Sildenafil in Kombination mit bestimmten Herzmitteln lebensgefährlich werden kann.

Heimtückisch sind auch die häufig zugesetzten chemischen Varianten von Sildenafil. Bei einer aktuellen Überprüfung entsprechender Produkte in den Niederlanden hätten fast 75 Prozent solche experimentellen Wirkstoffe enthalten, berichtet „Gute Pillen – Schlechte Pillen“. In 42 Prozent der gepanschten Produkte, die in der Datenbank der Zeitschrift aufgelistet sind, wurden unerlaubtes Sildenafil und diesem Mittel ähnliche Wirkstoffe nachgewiesen. Besonders auffällig: ein Produkt namens Mojo Nights enthält neben Sildenafil noch das ähnlich wirkende Tadalafil (im Handel als Cialis) sowie drei chemische Varianten dieser Wirkstoffe. Über die vielfältigen Nebenwirkungen solcher – bei Überprüfungen schwerer nachweisbaren und zudem klinisch meist nicht getesteten – Stoffe ist noch viel zu wenig bekannt.

Beanstandete Produkte werden immer wieder umbenannt

Gerade chinesische Namen sind bei den Anbietern solcher Nahrungsergänzungsmittel beliebt: „Sie sollen den Nimbus der Weisheit der alten chinesischen Medizin vermitteln“, meint Becker-Brüser. Als besonders krasse Beispiele wird derzeit weltweit vor Schlangenpulverkapseln sowie zwei weiteren Mitteln gewarnt, die gegen Rheuma und Gelenkschmerzen helfen sollen. So abenteuerlich lang der Name „Long Ren Tang Fu She Gu Rang Jiao Nang“ ist, so umfangreich ist auch die illegale Zutatenliste: Das Mittel enthält gleich acht stark wirkende Substanzen, darunter Schmerz- und Rheumamittel wie Diclofenac und Naproxen. In einem ähnlichen Präparat wurden sogar zehn teils verschreibungspflichtige, teils nicht zugelassene Wirkstoffe gefunden. Dass solche Pillen in ihrer völlig ungewöhnlichen Wirkstoff-Kombination womöglich lebensgefährliche Nebenwirkungen haben können, liegt auf der Hand.

Aber auch natürliche Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln können zu gesundheitlichen Problemen führen, wenn sie in zu hoher Konzentration enthalten sind. So stellte beispielsweise das für die Lebensmittelüberwachung zuständige Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart in seinem jetzt veröffentlichten Jahresbericht 2012 fest, dass zwei Selenpräparate hiesiger Firmen „aufgrund einer zu hohen Selendosierung als gesundheitsschädlich beurteilt werden“. Und ein Algenprodukt enthielt „eine solch hohe Menge an Jod, dass eine Gesundheitsschädigung auch mit Warnhinweisen nicht ausgeschlossen werden konnte“. Das Produkt wurde daher vom Markt genommen.

Doch selbst solch ein drastischer Schritt hilft nicht immer, wie „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ betont. So lehre die Erfahrung, dass beanstandete Produkte immer wieder einfach umbenannt würden. Daher seien chemisch-synthetische Arzneistoffe in angeblich pflanzlichen Produkten auch keine versehentlichen „Verunreinigungen“, sondern Betrug.

Offeriert werden solch bedenkliche Produkte zumeist von ausländischen Firmen im Internet. „Angebote, die in heimischen Apotheken und Drogerien vermarktet werden, sind in aller Regel sicher“, meint Becker-Brüser. Aber im gleichen Atemzug weist er – wie andere Experten auch – darauf hin, dass Nahrungsergänzungsmittel in aller Regel überflüssig seien.