Wer am vergangenen Donnerstag das VVS-Kundenzentrum im Göppinger Bahnhof betrat, konnte sich nur wundern. Statt einer Schlange an Menschen, die ihre Anliegen an die Angestellten am Schalter richteten, standen dort die Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi, die Landtagsabgeordnete Sarah Schweizer und der Göppinger Landrat Markus Möller (alle CDU) im Halbkreis. Mit dabei war der VVS-Geschäftsführer Jan Neidhardt, auf dessen Einladung die Runde zusammenfand. Es sollte ein Tag werden, in dem der Geschäftsführer über Entwicklungen spricht, der Busfahrer des Jahres gekürt wird und im Gespräch Fragen beantwortet werden.
Doch bereits mit seinen ersten Worten bestimmte der Landrat den Takt für den Tag. So mahnte er: „Der öffentliche Personennahverkehr steht nach einer Phase der Ausweitung vor einer wirklich schwierigen Zeit, jetzt müssen wir schauen, wie wir Kosten und Angebot in Einklang bringen.“
14 000 Zeitkarten im Kreis Göppingen
Die Halbjahresbilanz des VVS listet 168,2 Millionen Fahrten im gesamten Verbund auf – und damit nahezu so viele wie im Vorjahr. Neidhardt fügt hinzu, dass der VVS 14 000 Abonnements im Landkreis verwalte, viele davon für Schulkinder. Doch was dem Geschäftsführer Sorgen bereitet, ist der Finanzierungsbeschluss des Bundeskabinetts zum Deutschland-Ticket: Drei Milliarden Euro sind von Bund und Ländern für die Finanzierung im kommenden Jahr vorgesehen. Das sei schlicht zu wenig. „Dem Landkreis tut dieses Finanzierungsloch weh“, betont er. Landrat Möller pflichtet ihm bei. Da der Landkreis sogenannter Aufgabenträger ist, ist dieser verantwortlich für die Finanzierung des Busverkehrs. „Wir sind jedes Jahr im Obligo“, sagt Möller und meint: „Wir stehen jedes Jahr in der Kreide.“
Die Kosten im Nahverkehr seien ohnehin hoch, vor allem wegen der Personal- und Energiekosten. Andere Kosten dürften deshalb nicht „davonlaufen“. Als Beispiel nennt er auch das Klinikdefizit. Dennoch – trotz knapper öffentlicher Mittel – habe der Landkreis bei der aktuellen Ausschreibung für die Busversorgung „nichts abbestellt“. Es gehe ihm vielmehr darum, das System zu erhalten, aber effizienter zu gestalten.
Müssten die Schulen flexibler sein?
Ein weiterer Tagespunkt des Sommergesprächs des VVS ist der Besuch im Rathaus Gruibingen. Auch um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, den ländlichen Raum nicht zu vernachlässigen – als Landkreis die Daseinsfürsorge seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu erfüllen. Hinter dem Lenkrad des Vans, der die Politikerinnen und Politiker in das Örtchen im oberen Filstal fährt, sitzt Jörg-Michael Wienecke. Er ist Amtsleiter für Mobilität und Verkehrsinfrastruktur im Landkreis. Auf dem Weg referiert er über einen weiteren Kostenpunkt: „Was unsere Verkehre so teuer macht, ist, dass wir zur ersten, zweiten und sechsten Unterrichtsstunde eine unglaubliche Kapazität an Bussen bereitstellen müssen.“ Im Grunde bedürfe es engerer Zusammenarbeit mit Schulen, um Unterrichtsstunden und somit Stoßzeiten zu entzerren. Das würde Kosten einsparen.
Laut Landrat Möller könne auch eine Erweiterung des On-Demand-Verkehrs eine Lösung darstellen. So erklärt er: „Innerhalb der einzelnen Linien können wir sagen, hier haben wir weniger Gäste, hier fahren wir on demand“, also auf Anfrage. Im Rathaus in Gruibingen angekommen, empfängt der Bürgermeister Roland Schweikert die Gäste. Es wird über fast leere Busse geredet, die durch Gruibingen fahren. Das sei auch bereits dem Kreistag aufgefallen. Der Landrat wiederholt daraufhin mantraartig: „Wir müssen schauen, dass der ländliche Raum gut versorgt ist und trotzdem ein Ticken effizienter wird.“
Bedeutet effizienter passgenauer?
Landesministerin Razavi beteuert daraufhin, dass es darauf ankomme, für Stadt und Land die gleiche Lebensqualität aufrechtzuerhalten. „Da kann es nicht nur um Effizienz gehen“. Am Ende des Tages fragt die Landesministerin noch einmal nach, fast als wolle sie sich vergewissern: Das Angebot solle passgenauer und effizienter werden – im Sinne dessen, was die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis benötigen und zu welchem Zeitpunkt sie es benötigen? Landrat Möller und der Geschäftsführer des VVS Neidhardt nicken beide. Dann zieht Neidhardt einen Vergleich: Der öffentliche Personennahverkehr sei wie ein Obstbaum. „Vielleicht trägt er mehr Früchte, wenn man ein paar Triebe abschneidet“.