Frank Burkhardt fährt regelmäßig von Großingersheim mit dem Bus der Linie 444 oder 446 zum Freiberger Bahnhof und von dort mit der S-Bahn weiter zu seinem Arbeitsplatz. Dass er den eigentlich laut Fahrplan und App vorgesehenen Zug noch erreicht, ist schon seit Monaten fast so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. „Sieben Minuten sind eigentlich zum Umsteigen geplant, davon bleibt meistens nur noch eine, weil der Bus sechs Minuten Verspätung hat“, ärgert er sich. Das ist, weil man auch noch die Gleise über die Treppen unterqueren muss, allenfalls für einen Sprinter zu schaffen, aber nicht für normale Menschen und schon gar nicht für ihn mit seiner Schwerbehinderung. „Ich sage dem Fahrer jedes Mal, dass ich die S-Bahn bekommen muss. Warum wird da nicht mehr Zeit eingeplant?“
Der jeweilige Fahrer dürfte am wenigsten dafür können. Die Gründe für die Verspätungen liegen anderswo, erklärt Eva Wiedemann, die persönliche Referentin von Landrat Dietmar Allgaier.
Die Fahrpläne sehen eigentlich Puffer vor – eigentlich
Eigentlich sähen die Fahrpläne im Zulauf auf Verknüpfungspunkte wie beispielsweise Bahnhöfe Pufferzeiten vor, um mögliche Verspätungen in gewissem Umfang kompensieren zu können. Doch: „Leider haben sich in dem konkret angesprochenen Fall – Linienbündel Neckartal, insbesondere die Bereiche Freiberg am Neckar, Ingersheim und Pleidelsheim – die Probleme mit der Pünktlichkeit der Buslinien zunehmend verschärft.“
Zurückzuführen ist dies laut Wiedemann vor allem auf die steigende Verkehrsbelastung sowie eine Verlangsamung der Fahrgeschwindigkeiten durch die Einführung neuer Haltestellen, aber auch durch die Umsetzung von Lärmaktionsplänen. So gelte immer häufiger beispielsweise Tempo 30 statt 50, was zu einer Verlängerung der Umlaufzeiten führe. „Die bislang vorhandenen Pufferzeiten sind daher weitestgehend aufgebraucht“, so die Referentin.
Schon während der Coronazeit gab es einen Rettungsschirm
Konträr dazu sind die Bestrebungen des Landkreises, den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) weiter zu fördern und mehr Menschen zum Umstieg zu bewegen. Knapp 56 Millionen Euro sollen 2023 in diesen Bereich fließen, davon 52,9 Millionen in den ÖPNV allgemein, 2,1 Millionen in die Strohgäubahn und 0,8 Millionen in die Vorbereitungen der geplanten Stadtbahn. Wesentliche Kostenfaktoren sind laut Dietmar Allgaier dabei die Transferleistungen an die Stadt Stuttgart und den Verband Region Stuttgart, die Tarifzonenreform und die finanzielle Stützung der Busverkehrsunternehmen. „Wir haben wegen Corona schon einen Rettungsschirm aufgespannt, als noch nicht klar war, ob auch vom Land etwas kommt und wenn ja, wie viel“, sagt der Landrat. Das erste Hilfspaket habe bei vier bis fünf Millionen Euro gelegen. Seither seien für die Unternehmen noch die explodierenden Treibstoffkosten hinzu gekommen. Allein im März dieses Jahres habe das Mehrkosten von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausgemacht. „Das sind existenzielle Probleme für die Unternehmen, da war dringend Handeln erforderlich“, so Allgaier. Und immerhin habe man es geschafft, dass im Landkreis Ludwigsburg kein einziges Unternehmen habe Insolvenz anmelden müssen.
Carry Buchholz von den Ludwigsburger Verkehrslinien Jäger kritisiert, dass manche der anderen Landkreise es bis heute nicht für nötig hielten, die Unternehmen zu unterstützen. „Die verweisen einfach auf den Bund, und der sagt, das ist nicht unsere Aufgabe.“ Glück habe man in Ludwigsburg auch angesichts des Mangels an Busfahrern: „Im Stadtverkehr haben wir gute Umläufe und gute Dienstplanung“, sagt Buchholz, „auf dem Land ist es deutlich schwieriger, Busfahrer zu bekommen.“
Bei den Fahrgastzahlen geht es wieder aufwärts
Dabei werden diese dringend gebraucht. Denn mit den Fahrgastzahlen im ÖPNV gehe es nach dem coronabedingten Einbruch wieder aufwärts, erklärte der VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. Im Vergleich zu 2019 fehlten zwar noch 8,6 Prozent an Fahrten, doch das Deutschlandticket habe einigen Auftrieb verursacht.
Und wie soll die Pünktlichkeit erhöht werden? Eva Wiedemann sagt, mit dem neuen Bahn-Halt „Mittnachtstraße“ in Stuttgart, der für 2025 geplant ist, seien laut Bahn ohnehin umfangreiche Fahrplananpassungen bei S-Bahnen und Bussen erforderlich. Um mehrfache Änderungen zu vermeiden, sollte alles gebündelt geschehen. Man prüfe jedoch zusammen mit dem VVS, ob man jetzt schon zumindest punktuell eine Verbesserung der Situation erreichen könne.
Wenn Frank Burkhardt pünktlich zur Arbeit kommen möchte, wird er jedenfalls wohl noch geraume Zeit seine 81-jährige Mutter bitten müssen, ihn zum Bietigheimer Bahnhof zu fahren, um dort die S-Bahn zu erwischen. „Das ist verlässlicher als der Bus nach Freiberg“.