Nahverkehr in der Region Stuttgart Der VVS verteidigt die hohen Ticketpreise

Wohin steuert der Nahverkehr in der Region Stuttgart? Foto: imago//Arnulf Hettrich

In der Verkehrsbranche wächst die Ungeduld, weil die dauerhafte Finanzierung des Deutschlandtickets weiterhin nicht gesichert ist. Cornelia Christian, Chefin des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS), warnt vor einem bösen Erwachen.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Im August steigen die Preise für Bus und Bahn in der Region Stuttgart um satte 7,9 Prozent. Die Kritik an der beschlossenen Preiserhöhung des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) reißt nicht ab. Zuletzt gab es nochmals heftige Schelte von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Im Interview wirbt VVS-Chefin Cornelia Christian um Verständnis. Zudem warnt sie vor einem bösen Erwachen, sollte sich die Hängepartie um die Finanzierung des Deutschlandtickets weiter in die Länge ziehen.

 

Frau Christian, Verkehrsminister Winfried Hermann hat beim ÖPNV-Forum des VVS mit Blick auf die jüngsten Tariferhöhungen den Vorwurf erhoben, kein Verbund habe „so frech zugegriffen wie der VVS“. Hat er da einen wunden Punkt getroffen?

Wir als VVS fühlen uns da falsch verstanden. Wir haben nicht „frech zugegriffen“, sondern sind wie viele andere Verbünde seit 2022 von enormen Kostensteigerungen betroffen und mussten deshalb deutliche Preissteigerungen vornehmen. Wir haben gut und nachvollziehbar dargelegt, warum diese Tariferhöhung notwendig war. Das Verfahren zur Ermittlung der Kosten gibt es seit 2011. Es gab und gibt Kostensteigerungen bei unseren Verkehrsunternehmen, die wir übrigens nicht 1:1 an die Fahrgäste weitergeben. Ein Beispiel für die Kostensteigerungen sind die erheblichen Steigerungen im Personalbereich durch die aktuellen Tarifabschlüsse bei Bus und Bahn.

Allerdings stellen die sich ausgesprochen unterschiedlich dar. Bei den Stuttgarter Straßenbahnen etwa liegen die Steigerungen deutlich über jenen anderer Verkehrsunternehmen.

Wir bilden immer einen Durchschnitt der Kostensteigerungen der jeweiligen Unternehmen. Und bei der letzten Runde waren es nicht die SSB, sondern die Bahnunternehmen des Schienenpersonennahverkehrs, die wegen des Bahnstroms besonders hohe Kostensprünge geltend gemacht haben. Und die Stadt Stuttgart als Trägerin der SSB hat ja auch zusätzlich 100 Millionen Euro dazugegeben, sodass ein Vorwurf an diese Adresse falsch wäre.

Das von Ihnen angesprochene Prozedere ist mehr als zehn Jahre alt. Zeit für eine Überarbeitung?

Das Verfahren ist gut und objektiv, an dessen Ende ein Wert steht, um den die Ticketpreise steigen. In unserer Satzung ist festgelegt: wer einen niedrigeren Wert haben möchte, der muss die Differenz ausgleichen.

Das läuft aber doch auf einen Blankoscheck für die Verkehrsunternehmen raus. Sie melden Kostensteigerungen und der VVS gibt diese an die Nutzer weiter.

Es gab früher durchaus Anreize, die Kostensteigerungen durch neue Kunden abzumildern. Das gibt es seit dem Deutschland-Ticket nicht mehr. So gut das Angebot ist: es hat den Verbünden Spielräume genommen.

Das Ticket beschert Ihnen nicht nur Abo-Rekorde, sondern auch Probleme?

Es ist bei der schnellen Einführung organisatorisch nicht bis zum Ende durchdacht worden. Die Nahverkehrsbranche hat das D-Ticket dem politischen Willen folgend eingeführt. Aber die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen sind bis heute nicht geschaffen worden. Es fehlt vom Land immer noch der „Anwendungsbefehl“, also das Regularium, welches das Land gegenüber den Kommunen verpflichtet, die Ausgleichszahlungen für das subventionierte Deutschland-Ticket zu zahlen. Es fehlt außerdem im Bund die Änderung des Regionalisierungsgesetzes, sodass Haushaltsmittel von 2023 bis 2025 übertragen werden können, um die Finanzierung der Zuschüsse zum Deutschland-Ticket auf Bundesebene zu sichern. Ab 2026 ist die Finanzierung bundesseitig offen, es fehlt uns eine nachhaltige Perspektive. Bei der Finanzierung robben wir uns von Halbjahr zu Halbjahr.

Wie strapazierfähig ist die Geduld der VVS-Gesellschafter?

Wenn es in den kommenden Monaten keine Klarheit bei der Finanzierung gibt, kann ich mir vorstellen, dass es zum Jahreswechsel hin unruhig wird…

…und dann das Aus für das Deutschlandticket im VVS im Raum steht?

Diese Möglichkeit besteht – wenn man rein die finanzielle Seite betrachtet. Ich glaube aber nicht, dass das politisch durchzusetzen wäre. Noch mal: wir brauchen schnell eine verlässliche Regelung der Finanzierung. Das muss auch im Interesse von Bund und Land sein. Ein Rechenbeispiel: Pro 100 000 Deutschland-Tickets, die der VVS verkauft, sparen Bund und Land 56 Millionen Euro an Ausgleichszahlungen. Fast die Hälfte aller in Baden-Württemberg verkauften Deutschland-Tickets lief über den Vertrieb des VVS.

VVS-Chefin Cornelia Christian verteidigt die Tarifstruktur. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Gretchenfrage ist: Wie hoch muss der Nutzeranteil bei der Deckung der Kosten sein und was ist eigentlich die Aufgabe der Städte und Kreise im Verbundgebiet?

Wir haben doch längst eine Entwicklung zu einer Zuschussfinanzierung durch die öffentlichen Haushalte. Ehe es 2019 zur Tarifreform gekommen ist, bei der in Stuttgart eine Zone wegfiel, hatten wir einen wesentlich höheren Nutzeranteil an der Finanzierung. 2019 war es dann in etwa pari pari und seit Einführung des Deutschlandtickets liegt der Anteil der Nutzer nur noch bei 35 Prozent. Wer das weiter absenken will, muss sagen, woher das Geld kommt. Bei der heutigen Lage der Kommunen kann ich mir das kaum vorstellen.

Das Land will den Kommunen genau dafür das Instrument einer Mobilitätsabgabe an die Hand geben. Doch die Idee hat sich bisher noch nicht durchgesetzt. Warum?

Das ist eine Entscheidung der Kommunen und wir wissen von den Städten im Verbundgebiet, dass sie dem nicht zugetan sind. Die Städte müssen sich die Karten legen, wie es mit ihrer mittelfristigen Finanzlage weitergeht und welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten.

Wenn Tariferhöhungen abgelehnt werden und die Kosten trotzdem weiter steigen, müssen dann nicht Kreise und Städte tiefer in die Tasche greifen?

Die Städte sind sich ihrer Verantwortung für den ÖPNV bewusst. Wenn aber die Zuschüsse von Bund und Ländern zurückgehen, kommen wir sicherlich in eine Diskussion über die Zukunft des Nahverkehrs.

Die Fahrgastzahlen reichen noch nicht ans Vor-Corona-Niveau heran. Liegt das auch an den Tarifsprüngen der jüngeren Vergangenheit?

Nur 20 Prozent der Fahrgäste sind mit Tickets unterwegs, die von den Tarifanpassungen betroffen waren. Das ist sicherlich noch ein nennenswerter Anteil, aber es taugt nur bedingt zur Erklärung der Fahrgastzahlen. Dass es auch nach der Pandemie beim Homeoffice geblieben ist und dass wir bei den Deutschland-Tickets unterschiedliche Nutzergruppen haben, die mehr oder weniger fahren, dürfte eher entscheidend sein.

Zur Person

VVS-Chefin
Cornelia Christian ist seit August 2023 Geschäftsführerin des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS). Sie folgte auf Horst Stammler, der in den Ruhestand gegangen ist und bildet zusammen mit Thomas Hachenberger die Doppelspitze des Verbunds.

Erfahrung
Die Diplom-Ökonomin war zuvor verantwortlich für das Geschäftsfeld Mobilität im Konzern der Stadtwerke der Stadt Bielefeld. Die gebürtige Marburgerin hatte auch berufliche Stationen beim Rhein-Main-Verkehrsverbund sowie beim Verkehrsverbund Berlin Brandenburg.

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