Baustellen und Unpünktlichkeit Der Stuttgarter S-Bahn-Chef kämpft an mehreren Fronten

Seit mehr als sieben Jahren ist Dirk Rothenstein Chef der Stuttgarter S-Bahn. Foto: Lg/Max Kovalenko

Baustellen, zickende Bahnen und sinkende Pünktlichkeit: die S-Bahn Stuttgart hat viele Probleme. Der S-Bahn-Chef bleibt zuversichtlich und deutet eine unkonventionelle vorübergehende Lösung an.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Am Samstag wird einmal mehr der S-Bahntunnel in der Innenstadt für die Zeit der Sommerferien gesperrt, um Gleise und Signale auf Vordermann zu bringen. In den vergangenen Wochen fuhren keine Bahnen zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen, im Oktober wird Feuerbach vorübergehend abgehängt. Baustellen im übertragenen Sinn hat die S-Bahn Stuttgart gerade genug. Dirk Rothenstein gibt im Interview Hinweise, wohin die Reise gehen könnte.

 

Herr Rothenstein, am Samstag endet die seit Ende April geltende Streckensperrung zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen. Wie ist Ihre Bilanz?

Der Ersatzverkehr ist insgesamt gut gelaufen. Dafür, dass wir von der großen Sperrung erst so kurzfristig Anfang März erfahren haben, haben das alle Beteiligten vor Ort und hinter den Kulissen sehr gut organisiert und umgesetzt. Die S-Bahnen, die gefahren sind, hatten kaum Verspätung. Und das Pendeln der Busse hat sich nach kleineren, anfänglichen Herausforderungen auch ganz gut eingespielt.

Welche Rückmeldungen haben Sie von den Fahrgästen bekommen?

Die hohe Taktung der Busse wurde von den Fahrgästen positiv bewertet, ebenso der Einsatz unserer Servicekräfte vor Ort. Es gab einzelne Beschwerden über verpasste Anschlüsse, wenn der Bus im Stau stecken geblieben ist. Das ließ sich bei dem hohen Verkehrsaufkommen leider nicht ausschließen. Ich kann nachempfinden, dass das für die Fahrgäste ärgerlich war. Aber im Großen und Ganzen gab es kein erhöhtes Beschwerdeaufkommen.

Wie sehen die Fahrgastzahlen aus?

Die Halbjahreszahlen haben wir noch nicht. Aber der Trend ist erkennbar, dass wir gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg bei den Fahrgastzahlen haben. Es macht sich aber natürlich bemerkbar, wenn wir wegen der Baustellen zwei Linien nur im 30-Minuten-Takt fahren können. Ich bin optimistisch, dass wir den Wert von 2019, dem letzten Jahr ohne Coronaeinschränkungen, wieder erreichen werden. Es dauert aber noch ein bisschen. Das Deutschlandticket hilft uns dabei.

Es folgt die Sperrung der Stammstrecke und im Oktober ist Feuerbach vom S-Bahnverkehr abgehängt. Auf was müssen sich die Fahrgäste noch einstellen?

Es kommen dieses Jahr weitere Sperrungen für den Aufbau des Digitalen Knoten Stuttgart, allerdings nicht mehr in dem Umfang, wie wir ihn jetzt erlebt haben. Aber da reden wir nicht von Komplettsperrungen, sondern von teilweise befahrbaren Strecken. Weitere Einschränkungen kommen im nächsten und übernächsten Jahr. Das wird aber erst noch im Laufe der Zeit konkret. Wir werden selbstverständlich rechtzeitig über Alternativen für unsere Fahrgäste informieren.

In den letzten Jahren mussten sie während der Sperrung der Stammstrecke immer nach wenigen Tagen die Umleitungszüge auf der Panoramabahn einstellen. Warum sollte das dieses Jahr nicht passieren?

Wir fahren dieses Jahr dort nicht mit S-Bahnzügen solange die Gleise nicht erneuert worden sind. Dazu haben uns unsere DB-Experten und auch Gutachter geraten. Wir fahren einen halbstündlichen Pendelverkehr mit Regionalexpress-Zügen zwischen Hauptbahnhof und Böblingen mit Halt in Stuttgart-Vaihingen.

Vor ein paar Tagen machte die Nachricht die Runde, dass in keinem anderen deutschen S-Bahnnetz im ersten Halbjahr 2023 die Pünktlichkeit so stark nachgelassen hat wie in Stuttgart. Wann wird das wieder besser?

Seit April geht es mit der Pünktlichkeit wieder schrittweise bergauf. Wir sind aktuell bei 92 Prozent. Zielwert sind 98 Prozent. Die S-Bahn Stuttgart hat vor allem im ersten Quartal dieses Jahres an Verlässlichkeit eingebüßt. Es gab vermehrt Fahrzeugstörungen, Infrastrukturstörungen und Baustellen im Netz. Mitarbeitende des Fahrzeugherstellers Alstom arbeiten in unserer Werkstatt in Plochingen daran, die Anzahl der verfügbaren S-Bahnen groß zu halten. Das zeigt Wirkung. Und wir setzen darauf, dass wir mit dem Digitalen Knoten Stuttgart, also einer komplett digitalen Leit- und Sicherungstechnik, einen deutlichen Sprung bei der Pünktlichkeit machen. Wir brauchen mehr Luft im System, um stabiler und pünktlicher fahren zu können.

Bedeutet das, dass die neue Technik zunächst zwar zu einer Stabilisierung führt, die in Aussicht gestellten zusätzlichen Züge aber auf sich warten lassen?

Über die Zahl der Züge entscheidet der Verband Region Stuttgart als Aufgabenträger der S-Bahn. Die eingebaute Technik, die teilautomatisiertes Fahren erlaubt, wird einen deutlichen Zuwachs an Kapazität bringen. Die Frage wird sein: wofür nutze ich das? Nur für die Qualität, nur für eine Leistungsausweitung? Die Fahrgäste profitieren am meisten von einem Mix aus Beidem.

Immer wieder geistert auch die Idee umher, Leistungen zurückzunehmen, um den Betrieb stabiler zu machen. Ist eine vorübergehende Rückkehr zum 30-Minuten-Takt denkbar?

Wir sind in einer sehr anspruchsvollen Situation mit unglaublichen Herausforderungen. Seit 2018 haben wir eine Verdopplung der Baustellen. Die DB investiert nochmals zusätzlich 58 Millionen Euro in die Instandsetzung der Infrastruktur im S-Bahnnetz. Dafür bin ich dankbar. Unser Anspruch ist es, die S-Bahn in der Hauptverkehrszeit alle 15 Minuten zu fahren. Aber es gibt ja auch Zeiten, in denen die Nachfrage nicht so hoch ist.

Und in denen könnten weniger Züge fahren?

Wie gesagt gibt es Zeiten, in denen die Nachfrage nicht so hoch ist. Die nutzen wir bereits heute, um den Betrieb zu stabilisieren - unter anderem nach Störungen.

Für die neue Sicherungstechnik müssen nicht nur die Strecken umgebaut werden, sondern auch Fahrzeuge. Ist das bis Mitte 2025 überhaupt zu schaffen?

Wir sind mitten im Prozess. Acht Fahrzeuge werden zu Prototypen umgerüstet, die jetzt gerade im Zulassungsverfahren sind. Ab Ende dieses Jahres starten wir mit der Serienumrüstung. Das schaffen wir pünktlich bis Spätsommer 2025, wenn die neue Technik auf der Stammstrecke in Betrieb geht. Parallel dazu schulen wir seit Ende vergangenen Jahres über 400 Lokführerinnen und Lokführer. Das ist jetzt alles noch in Theorie und im Fahrsimulator. Aber Anfang 2025 nehmen wir ja bereits die Technik zwischen Vaihingen und dem Flughafen in Betrieb. Da soll dann das gesamte Personal mal gefahren sein, ehe es auf der Stammstrecke los geht.

Zur Person

Verkehrsexperte
 Dirk Rothenstein hat Wirtschaftswissenschaften studiert und hat zum Doktor der Verkehrswissenschaft promoviert. Eine erste berufliche Station war bei einer Strategieberatung in Köln.

Bahner
 Zur Regionaltochter der Deutschen Bahn in Stuttgart wechselte der 47-Jährige im Jahr 2003. Bei DB Regio war in verschiedenen leitenden Funktionen tätig ehe er im Jahr 2011 zur S-Bahn Stuttgart zunächst als für die Bereiche Finanzen und Personal verantwortlicher Geschäftsleiter wechselte. Anfang 2016 wurde Rothenstein zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung bei der S-Bahn Stuttgart berufen.

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