In Stuttgart sind Bus und Bahn im Berufsverkehr voll. Der SSB-Vorstand Wolfgang Arnold hat neue Ideen und fordert im Interview mehr Finanzmittel – zum Beispiel für einen Fünf-Minuten-Takt.

Stuttgart – Der Nahverkehr steht bei den Stuttgartern laut allen Bürgerumfragen hoch im Kurs. Im Berufsverkehr sind Busse und Bahnen voll, drei von vier VVS-Fahrgästen sind inzwischen Stammkunden mit Monats- oder Jahreskarte. Doch der Erfolg zeigt auch immer deutlicher die Grenzen des Systems auf – es fehlt am Geld für den notwendigen Ausbau des Nahverkehrs und für den Erhalt der bestehenden Infrastruktur. Wolfgang Arnold, Technischer Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) fordert im StZ-Interview mehr Engagement und tragfähige Finanzierungskonzepte der öffentlichen Hand für Bus und Bahn.
Die Stuttgarter Stadtbahn ist ein Erfolgsmodell. Inzwischen geht es im Berufsverkehr in den Zügen recht eng zu. Wie wollen Sie mehr Platz schaffen?
Wir beobachten die Nachfrage und entwickeln Konzepte, um auf der Angebotsseite nachsteuern können. Auf den Linien U 6 und U 7 sind schon 80-Meter-Züge in Betrieb. Auch die U 12 wird später darauf umgestellt. Denn alle Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung zeigen, dass unsere Talquerlinien in Zukunft noch mehr Kunden gewinnen werden.

Sind längere Züge die Patentlösung?
Nein, denn wir können nicht überall im Netz solche langen Züge einsetzen. Dort müssen wir künftig häufiger bedienen. Auch beim Thema Angebotsverdichtung gibt es kein Patentrezept. Betrieblich ist es oft vorteilhafter, die Nachfragespitzen mit Verstärkerzügen abzufangen. Das machen wir in der Hauptverkehrszeit heute schon auf den Linien U 2 und U 14. Wir prüfen alles, was betrieblich und technisch geeignet erscheinen könnte, die Beförderungskapazitäten des Stadtbahnsystems zu erweitern. Dazu gehören auch kürzere Zugfolgen. Der Fahrgastwechsel an den Haltestellen, der eine gewisse Zeit braucht, setzt uns aber dabei Grenzen.

Aber Sie prüfen doch schon den 7,5-Minuten-Takt. Und sind nicht auch 60 Meter lange Stadtbahnen im Gespräch?
Es kann durch den Einsatz zusätzlicher Züge zeitweise auch zu Zugfolgen im Fünf-Minuten-Abstand oder noch kürzer kommen. Auch die 60-Meter-Stadtbahn ist eine Option, über die wir gerade nachdenken.

Auf welchen Stadtbahnlinien geht es denn heute schon besonders eng zu?
Ich habe ja schon die U 2 und die U 14 genannt. Auf Letzterer wird sich das Problem lösen, weil wir in diesem Bereich ja die U 12 mit 80-Meter-Zügen über den Hallschlag ins Neckartal bis nach Remseck führen werden. Bei der U 2 ist das Problem komplexer, weil wir dort Bedingungen haben, die den Einsatz von 80-Meter-Zügen nicht zulassen. Dazu gehört etwa der Abschnitt zwischen dem Cannstatter Kursaal und dem Wilhelmsplatz.

Die Politiker wollen immer Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen. Wie groß sind noch die Reserven, ist das Stadtbahnsystem nicht ausgereizt?
Es gibt noch Reserven, aber auch einen Punkt, an dem das System an technische Grenzen stößt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Nachfrage im Stadtbahnverkehr um 25 Prozent erhöht. Jetzt geht es darum auszuloten, was wir tun müssen, wenn diese Entwicklung anhält. Da braucht man im Verbundraum auch eine Übereinkunft darüber, was man mit dem öffentlichen Nahverkehr denn erreichen möchte. Wir stehen ja nicht nur in der Konkurrenz zum Auto, sondern auch zum nicht motorisierten Verkehr. Von den Stuttgarter Bürgern werden 24 Prozent der Wege mit Bus und Bahn, 45 mit dem Auto, fünf Prozent mit dem Fahrrad und 26 zu Fuß zurückgelegt. Es müssten Zielgrößen für eine nachhaltige Verkehrsmittelwahl festgelegt werden. Daraus könnte man dann auch ableiten, was das für die weitere Entwicklung des Nahverkehrs bedeutet.

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