Obwohl die S-Bahn im Ballungsraum Stuttgart zurzeit als unpünktlich und unzuverlässig gilt, hat der Verkehrsverbund VVS in den ersten neun Monaten des Jahres knapp zwei Prozent mehr Fahrgäste gezählt als im Vorjahreszeitraum.

Stuttgart - Trotz der anhaltenden Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit der S-Bahn hat der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) in den ersten neun Monaten dieses Jahres fast 1,9 Prozent mehr Fahrgäste gewonnen. „Wir sind recht zuversichtlich, dass wir bis zum Jahresende ein Plus von zwei Prozent schaffen“, erklärte der VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger am Mittwoch. Damit liege man dann beim Zuwachs um das Doppelte über dem langjährigen Mittel.

Die VVS-Fahrgastzahlen stiegen in diesem Jahr von Januar bis September im Vergleich zu 2012 um vier auf 256 Millionen. „Besonders erfreulich ist, dass die Zahl unserer Stammkunden nach wie vor zunimmt“, erklärt Hachenberger. Inzwischen seien mehr als zwei Drittel der Fahrgäste schon Stammkunden beim VVS. Eine wesentliche Grundlage dieses Erfolgs ist für die VVS-Manager die Jahreskarte mit monatlicher Abbuchung. Dieses Ticket komme bei der Kundschaft sehr gut an, weil der Preis in monatlichen Teilbeträgen abgebucht werde. „Außerdem zahlt man für das Jahresticket im Abonnement nur zehn statt zwölf Monate“, sagt Hachenberger.

Zu den abgesetzten 65 120 Jahrestickets kämen noch gut 49 000 Firmentickets hinzu. „Hier rechnen wir wegen unseres mit zehn Prozent rabattierten Angebots mit einem Boom“, ergänzt Stammler. Voraussetzung dafür sei, dass die Unternehmen ihren Mitarbeitern für jedes Ticket einen Zuschuss von mindestens zehn Euro im Monat gewährten. „Die Rückmeldungen aus der Wirtschaft sind zahlreich. Wir rechnen damit, dass dieses neue Tarifangebot im nächsten Jahr sehr gefragt sein wird.“

So  haben sich die Fahrgastzahlen im VVS entwickelt.

Kurzstreckenticket ist der Hit

Dank der guten Wirtschaftslage im Land und im Stuttgarter Ballungsraum stieg die Zahl der Berufspendler in den ersten neun Monaten des Jahres mit fast vier Prozent am stärksten. Im Vergleich zum Vorjahr waren 81 statt 78 Millionen Fahrgäste mit dem Nahverkehr unterwegs.

Im Gelegenheitsverkehr war das Kurzstreckenticket für 1,20 Euro besonders gefragt. Hier registrierte der Verbund einen Zuwachs von zwei Prozent. Das entspricht sechs Millionen Fahrten. Fahrscheine für gelegentliche Fahrten werden laut VVS immer häufiger mit dem Handy gekauft. „Das waren an einzelnen Tagen schon mehr als 3000 Tickets“, berichtet Stammler. Unerwartet ist für die VVS-Manager das Plus von einem Prozent im Ausbildungsverkehr. Die hohe Zahl der Studenten habe die sinkenden Schülerzahlen mehr als ausgeglichen. Ende September waren 7,5 Prozent mehr Studierende mit einem Studiticket unterwegs als ein Jahr zuvor. Immer mehr dieser Tickets werden über das Internet gekauft. „Diese Zahl hat sich im September deutlich erhöht, weil nun auch die Universität Stuttgart mit 24 000 Studierenden an das Online-System angeschlossen ist“, erklärt Hachenberger. Beim Scool-Abo für Schüler war der Absatz mit einem Minus von zwei Prozent wegen des Wegfalls eine kompletten Jahrgangs durch das G 8 rückläufig. In Zukunft rechnet der VVS allerdings wegen sinkender Schüler- und Studentenzahlen mit einem Rückgang im Ausbildungsverkehr.

Senioren als wachsende Zielgruppe im Visier

Stattdessen setzt der VVS auf die Senioren. „Das ist die einzige Bevölkerungsgruppe, die kontinuierlich wächst“, sagt Stammler. Dem Verbund sei es deshalb wichtig, diese Gruppe als Stammkunden zu gewinnen. Damit sei man auf einem guten Weg. „In den ersten drei Quartalen 2013 haben wir 2,6 Prozent mehr Seniorentickets abgesetzt“, sagt Horst Stammler. Dank des Wegfalls der morgendlichen Sperrzeit habe sich der Abwärtstrend bei den Verkaufszahlen ins Gegenteil verkehrt. Damit der Erfolg anhält, bietet der Verbund den Ruheständlern vom 1. Januar 2014 noch mehr: Dann gilt das Seniorenticket für 41 Euro im gesamten VVS-Netz.

Erhebliche Sorgen bereiten den VVS-Verantwortlichen allerdings Überlegungen der Politiker, die für den Nahverkehr reduzierte Ökostrom-Umlage wieder zu erhöhen. „Allein um diese Mehrkosten aufzufangen, wäre eine Tarifanhebung um zwei bis drei Prozent nötig“, befürchtet der VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. Bei einer erhöhten EEG-Umlage für elektrische Bahnen sinke der Strompreis für die Endverbraucher hingegen lediglich um 0,06 Cent pro Kilowattstunde. Ein Vier-Personen-Haushalt spare dadurch rund 2,40 Euro im Jahr.

Mehrkosten befürchtet bei erhöhter EEG-Umlage

„Für diese Musterfamilie liegen die Mehrkosten für den Nahverkehr hingegen zwischen 30 und 40 Euro“, erläutert der VVS-Manager. Die reduzierte Umlage müsse erhalten bleiben, um mehr Nachhaltigkeit in der Verkehrspolitik zu erreichen. Auch die Verkehrsministerkonferenz lehne deshalb eine höhere Umlage für elektrisch betriebene Bahnen ab.