Nach Ansicht des Verkehrsclubs Deutschland versagt der Verband Region Stuttgart in seiner Rolle als Aufgabenträger für die S-Bahn. Der VCD stellt deshalb einen 15-Punkte-Katalog für einen pünktlichen und zuverlässigen S-Bahn-Verkehr vor.

Stuttgart - Nach Ansicht des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) nimmt der Verband Region Stuttgart (VRS) seine Rolle als politisch verantwortlicher Aufgabenträger für die S-Bahn nicht ausreichend wahr. „Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Züge sind spätestens seit dem Baubeginn von Stuttgart 21 aus dem Tritt gekommen“, erklärte der VCD-Landes­vorsitzende Matthias Lieb am Freitag auf einer Pressekonferenz. Statt Sachwalter der Fahrgäste zu sein, rede der Verband die Probleme klein und wiegele Kritiker ab. Der VRS will die Probleme am 9. Oktober auf einem S-Bahn-Gipfel behandeln.

Der VCD fordert deshalb eine Neuordnung der Zuständigkeiten für den Nahverkehr. Neben dem VRS und dem Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) müssten auch das Land, die Landeshauptstadt und die umliegenden Landkreise eingebunden werden. Der VRS sei ein David, der sich gegen den Goliath Bahn nicht durchsetzen könne.

Lieb stellte am Freitag einen 15-Punkte-Katalog für einen pünktlichen und zuverlässigen S-Bahn-Verkehr vor, der einen Mix aus kurz-, mittel- und langfristig umsetzbaren Maßnahmen enthält. Mit einer Signalstörung am Ferngleis zwischen Plochingen und Esslingen lieferte die Bahn dem Kritiker am Freitagmorgen die passende „Begleitmusik“. Die Züge der S-Bahn-Linie 1 zwischen Kirchheim/Teck und Herrenberg konnten im Berufsverkehr nur im 30-Minuten-Takt verkehren, weil Fernzüge über die S-Bahn-Gleise geleitet werden mussten. Erst gegen 13 Uhr war die Signalstörung behoben.

„Unpünktlichkeit muss für die Bahn teuer sein“

„Zwischen Bahn und VRS läuft zu viel im stillen Kämmerlein“, kritisierte Lieb. „Um mehr Transparenz zu schaffen, müssen Teile des neuen S-Bahn-Vertrags zwischen VRS und Bahn veröffentlicht werden.“ Die Fahrgäste hätten einen Anspruch darauf zu erfahren, welche Vereinbarungen es hinsichtlich Qualität, Pünktlichkeit und Strafgeldern gebe. „Unpünktlichkeit muss für die Bahn teuer sein“, so Matthias Lieb. „Nur dann gibt es einen Anreiz, den Fahrplan einzuhalten und keine Züge ausfallen zu lassen.“ Für unzureichend hält der Verkehrsclub auch die Veröffentlichung der Pünktlichkeitsquoten. Die Bahn gebe nur Durchschnittswerte an. „Wir brauchen aber eine linienbezogene Statistik, etwa bei der S 1 im Berufsverkehr.“

Als weiteren Anreiz für bessere Pünktlichkeitswerte verlangt der VCD-Landesvorsitzende eine Entschädigungsregelung nach dem Vorbild Österreichs. Wenn die vereinbarte Quote nicht erreicht werde, erhielten Pendler bis zu zehn Prozent des Preises für die Jahreskarte zurück.

Um die Qualität der S-Bahn zu steigern und die Fahrpläne einzuhalten, sind nach Ansicht des VCD unbedingt kürzere Haltezeiten auf der überlasteten Stammstrecke zwischen den Stationen Schwabstraße und Hauptbahnhof unerlässlich. Kostengünstig und rasch umsetzbar seien gut sichtbare farbliche Markierungen des Lichtschrankenbereichs als verbotene Zone.

Mehr Störungen bei Weichen und Signalen

Auch Markierungen und Einweiser könnten dafür sorgen, dass sich die Fahrgäste gleichmäßiger auf den Bahnsteigen verteilten, so Matthias Lieb. „Die Sensibilisierung der Fahrgäste ist wichtig, wenn die Haltezeiten verkürzt werden sollen.“

Zu den Stichworten Pünktlichkeit und Qualität gehören für den VCD-Landesvorsitzenden auch der ausschließliche Einsatz von Langzügen im Berufsverkehr sowie eine bessere Instandhaltung der Infrastruktur durch die Bahn. „Die Ausfälle von Weichen und Signalen haben zugenommen“, stellte Lieb fest. Vor allem an heißen Sommertagen habe es in diesem Jahr auffällig viele Probleme gegeben. Die Bahn müsse mehr Geld in die Pflege der in die Jahre gekommenen Signal- und Stellwerkstechnik investieren. Um Transparenz zu schaffen, seien auch jährliche Berichte über den Zustand der Infrastruktur nötig.

Mehr Zubringerbusse im Umland

In diesem Zusammenhang hält Lieb dem VRS vor, bereits 2007 erkannt zu haben, dass die Stammstrecke mit sechs Linien im 15-Minuten-Takt das Ende der Leistungsfähigkeit erreicht habe. Dieser Erkenntnis seien allerdings keine Taten gefolgt. Um die Kapazität zu verbessern, hält der Bahnkritiker den Einbau des European Train Control Systems (ETCS) für überlegenswert. Dank dieses elektronischen Lotsen könnten die Züge in dichterer Folge fahren. Dann sei es auch möglich, alle sechs S-Bahn-Linien im 2,5-Minuten-Takt bis nach Vaihingen zu führen.

„Heute müssen drei Linien zwangsweise an der Schwabstraße wenden, weil von dort bis zum Vaihinger Bahnhof nur eine Zugfolge von fünf Minuten möglich ist“, erklärt Lieb. Im Umland müssten viel mehr Zubringerbusse zu den S-Bahn-Stationen im 15-Minuten-Takt verkehren. „Dann wäre der Zwischentakt bei der S-Bahn besser ausgelastet“, so Lieb.

Zur Entlastung der Stammstrecke würde nach Meinung des VCD auch ein neuer Bahnsteig für Regionalzüge im Stadtbezirk Vaihingen beitragen. Dann müssten viele Pendler nicht schon in Herrenberg von Regionalzügen auf die S-Bahn umsteigen. „Vaihingen wird außerdem fünf Minuten rascher erreicht, und man kann in leere S-Bahnen nach Stuttgart einsteigen“, so Lieb. Falls alle Maßnahmen nicht reichen sollten, so schlägt er einen neuen S-Bahn-Fahrplan mit größeren Zeitpuffern vor. Am Beginn und Ende der Stammstrecke müsse es Zeitreserven geben, um Verspätungen eliminieren zu können.

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