Nahverkehr in Stuttgart So viel Geld geht der SSB durch Schwarzfahrer verloren

Von Wolf-Dieter Obst 

Das klingt ja erfreulich: Die Sünderzahlen von Schwarzfahrern in Bus und Bahn gehen deutlich zurück. Dem VVS werden „nur“ noch 14 Millionen Euro unterschlagen. Doch ist das wirklich so?

In den Bussen und Bahnen werden weniger Fahrgäste ohne Ticket ertappt – doch an Wochenenden sieht es offenbar ganz anders aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
In den Bussen und Bahnen werden weniger Fahrgäste ohne Ticket ertappt – doch an Wochenenden sieht es offenbar ganz anders aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Hätte er wenigstens jetzt bloß eine Fahrkarte gekauft! Kein Polizist hätte seine Personalien sehen wollen und festgestellt, dass er mit Haftbefehl gesucht wird. So aber hat der 26-Jährige Pech. An der Haltestelle Neckartor ist er am letzten Wochenende um 21.45 Uhr in eine Schwerpunktaktion von Polizei und der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) geraten. Er muss raus aus der Stadtbahn und mit aufs Revier.

Haltestellenvollkontrollen nennt sich die Aktion, die dreimal pro Jahr in den gelben Bussen und Bahnen stattfindet – Großkampftag für SSB-Kontrolleure und zehn Polizisten. Die einen durchkämmen die Sitzreihen – und wer keinen gültigen Fahrschein hat, wird draußen von der Polizei zur Personalienfeststellung gebeten. In der Nacht zum vergangenen Samstag wurde so knapp 6200 Fahrgäste kontrolliert und 426 ohne Ticket erwischt. Die Sünderquote: 6,9 Prozent.

45 000 ohne Ticket bei den SSB ertappt

Da mag man noch so sehr Tarifzonen streichen und damit Fahrpreise billiger machen, wie jetzt im Bereich des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS): Viele wollen sich aber auch das noch sparen – und fahren schwarz. Doch nun scheint es Licht am Ende des Tunnels zu geben: Denn nach übereinstimmender Auffassung der Verkehrsbetriebe und der Polizei geht die Zahl der Schwarzfahrer deutlich zurück. „Im vergangenen Jahr sind 45 000 Fahrgäste ohne Ticket angetroffen worden“, sagt SSB-Sprecherin Birgit Kiefer. Im Jahr davor waren es 49 000. Und das war auch schon ein Sechstel weniger als im Jahr 2015, als die Verwarnungsgebühr von 40 auf 60 Euro erhöht wurde. Ob das eine Rolle gespielt hat, lasse sich nicht sagen, so Sprecherin Kiefer. „Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle.“

Die allgemeine Beanstandungsquote bei Alltagskon­trollen liegt laut SSB „recht konstant bei 1,8 Prozent“. Insgesamt 110 Mitarbeiter seien als Prüfer einsetzbar. Dabei sind im VVS-Gebiet immer mehr Fahrgäste – und damit potenziell mehr Schwarzfahrer – unterwegs: 279 Millionen Fahrten in den ersten neun Monaten sind sieben Millionen mehr als im bisherigen Rekordjahr 2018.

Die Sünderquoten sinken

Gleichzeitig ist der Kontrollaufwand aber derselbe geblieben – „auf gleichbleibendem Niveau“, wie es VVS-Sprecherin Pia Scholz formuliert. Aus Sicht des Verkehrsverbunds entspannt sich die Lage. „Die Anzahl beanstandeter Fahrgäste ist in den letzten Jahren eher rückläufig“, sagt die Sprecherin. Dies liege zum einen an der Anhebung des erhöhten Beförderungsentgelts, aber auch an abschreckenden Schwerpunktaktionen an Wochenenden und einer steigenden Zahl an Abonnements. Dies macht sich auch in Heller und Pfennig bemerkbar: „Im Jahr 2018 verzeichnen wir 14 Millionen Euro Einnahmeausfälle“, stellt Pia Scholz fest, „im Jahr davor waren es noch 16,9 Millionen.“

Der Anteil der erwischten Schwarzfahrer unter den Fahrgästen sinkt kontinuierlich: Waren es 2013 noch 3,2 Prozent ohne Ticket, so betrug die Sünderquote im Jahr 2018 nur noch 2,2 Prozent.

Der Widerstand wächst

Folgerichtig landen bei der Polizei auch weniger Anzeigen wegen Leistungserschleichung. Knapp 3200 Anzeigen im vergangenen Jahr bei der Stuttgarter Polizei sind der niedrigste Wert seit 15 Jahren. Nicht anders sieht es bei der Bundespolizeiinspektion Stuttgart aus, die unter anderem für das Bahnnetz im Verbundgebiet zuständig ist. „Die Zahl der Anzeigen ging von 1050 auf 940 im vergangenen Jahr zurück“, sagt Bundespolizei-Sprecher Sebastian Maus, „und bis Oktober dieses Jahres hält sich das in etwa auf diesem Niveau.“

Sorge bereitet eher die Uneinsichtigkeit der erwischten Sünder – was sich in Widerstandshandlungen gegen die Polizeibeamten ausdrückt. Auch wenn es jährlich nur um die 50 Fälle sind: „In diesem Jahr haben wir bis Oktober schon mehr Fälle als im gesamten letzten Jahr.“

Schwerpunktaktionen zeigen ein anderes Bild

Doch sind tatsächlich weniger Schwarzfahrer unterwegs? Gerade die Schwerpunktaktionen von SSB und Polizei liefern einen anderen Blick in das große Dunkelfeld. Denn bei diesen gründlichen Stichproben mit mehreren Tausend kontrollierten Personen sind die Sünderquoten seit 2018 kontinuierlich gestiegen. Eine Auswertung unserer Zeitung ergibt eine eindeutig steigende Entwicklung: 3,6 Prozent, 5,2 Prozent, 5,9 Prozent, 6,7 Prozent, 6,9 Prozent. Offenbar ticken die Uhren bei den Freizeitfahrgästen in Feierlaune etwas anders.

Für den am Wochenende am Neckartor erwischten 26-Jährigen kommt es knüppeldick. Die Polizei stellt fest, dass er mit Haftbefehl gesucht wird, weil er eine Geldstrafe von 600 Euro noch nicht bezahlt hat – wegen Schwarzfahrens. Und weil er die Strafe immer noch nicht zahlen kann, sitzt er nun im Gefängnis. Dort muss er 60 Tage zubringen.

Sonderthemen