Nahverkehr in Stuttgart VCD: S-Bahn-Netz muss endlich saniert werden

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt und Josef Schunder 

Der Verkehrsclub fordert, mehr in neue Signalanlagen und Stellwerke zu investieren. Analysen gebe es genug, nun müssten Taten folgen.

Der S-Bahn-Gipfel sorgt weiter für Gesprächsstoff. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Der S-Bahn-Gipfel sorgt weiter für Gesprächsstoff. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Für den Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) am Mittwoch beim S-Bahn-Gipfel mit seiner Kritik an der Netz AG der Bahn den richtigen Ton getroffen. Kuhn habe zu Recht die Netz AG der Bahn attackiert, die seit Jahren zu wenig in die Infrastruktur der ­S-Bahn investiere. „Es genügt nicht, dass alle Beteiligten beim S-Bahn-Gipfel guten Willen zeigen“, so der VCD-Vorsitzende Matthias Lieb. Bei der Netztochter der Bahn müssten mehr Taten folgen, es müssten Weichen, Signalanlagen und Stellwerke rasch saniert werden. Im Münchner S-Bahn-Netz ermögliche bereits seit gut zehn Jahren ein elektronischer Lotse eine dichte Zugfolge im Zwei-Minuten-Abstand. In Stuttgart werde der Einbau eines solchen Systems immer noch geprüft.

Verkehrsclub sieht Vernachlässigung des S-Bahn-Netzes

„Man kann den Eindruck gewinnen, dass die S-Bahn in Stuttgart von der Netz AG der Bahn vernachlässigt wird“, so Lieb. In Frankfurt investiere der Schienenkonzern hingegen bis 2018 rund 90 Millionen Euro in ein neues elektronisches Stellwerk (ESTW), um den S-Bahn-Verkehr auch zukünftig ohne Einschränkungen bewältigen zu können. Als Grund für den Neubau nennt die Bahn im Internet auf der Projektseite „die hohe Zugdichte und die damit verbundene hohe Anzahl von Stellbefehlen“. Zudem entspreche das 1978 errichtete Stellwerk nicht mehr den modernen Anforderungen und die Beschaffung von Ersatzteilen für gegebenenfalls notwendige Reparaturen werde „immer schwieriger“, betont die Bahn.

Für den VCD gelten diese Kriterien auch für Stuttgart. Wie die Frankfurter Stammstrecke sei auch der S-Bahn-Tunnel zwischen Schwabstraße und Hauptbahnhof längst an der Kapazitätsgrenze. Während in Frankfurt mit der Erneuerung der Leit- und Sicherungstechnik begonnen worden sei, fehlten in Stuttgart entsprechende Investitionen in neue Infrastruktur.

„Wir investieren in diesem Jahr mit knapp 50 Millionen Euro wieder massiv in eine hohe Qualität im Bereich der S-Bahn Stuttgart“, hatte Christian Becker, Leiter Vertrieb und Fahrplan bei der DB Netz AG im Südwesten, am Mittwoch beim S-Bahn-Gipfel im Verkehrausschuss der Region erklärt. 2016 und 2017 sei geplant, alle 620 Weichen im Netz mit einer Art Frühwarnsystem auszustatten. Das helfe, Störungen zu verhindern. Zudem habe man Fahrplanänderungen, die mehr zeitliche Puffer bei der S-Bahn und bei Regionalzügen ermöglichten, bereits umgesetzt. Die rund 100 Störungsfälle, die im ersten Quartal 2016 schon wieder registriert wurden, relativierte Becker. Etwa 50 Prozent davon hätten von externen Störquellen hergerührt.

Nur die Regionaldirektorin lobt

Die rund 100 Störungen hatte Regionalrat Harald Raß von der SPD moniert. Auch die jährlich rund 48 Millionen Euro Investitionen in Infrastruktur könnten die versprochene vorausschauende Instandhaltung offenbar nicht gewährleisten. „Es ist noch eine Menge zu tun“, urteilte Helmut Noe (CDU), und zwar auch in puncto Sauberkeit in und um die Haltestellen. Bernhard Maier (Freie Wähler) sagte, das Erreichte sei noch nicht befriedigend. Die Bahn müsse Maßnahmen ergreifen, „die die Pünktlichkeit wiederherstellen“. Ingo Mörl (Linke/Piratenpartei) nannte es „nicht akzeptabel“, dass 20 Prozent der Zugausfälle durch interne technische Störungen der Infrastruktur verursacht würden. Neben der Unpünktlichkeit müsse man die „mangelnde Fahrgastinformation bei Störungen im Auge behalten“, sagte Gudrun Wilhelm (FDP).

Fritz Kuhn forderte, dass die DB Netz AG konsequent die Defizite bei der Infrastruktur beseitigt. 2016 seien an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen große Störungen durch Stellwerke oder Weichen aufgetreten. Einzig Regionaldirektorin Nicola Schelling hatte seitens der Region die Forderung nach konsequenten Verbesserungen mit einem gewissen Lob verbunden: Bei den Problemen sei die Talsohle durchschritten, die Trendwende erreicht und man sei „auf dem aufsteigenden Ast“.

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