Nahversorgung in Breitenstein Kleiner Ort braucht Bekenntnis zu wichtigem Lädle
Seit bald 25 Jahren sichert ein kleines Geschäft die Nahversorgung in Breitenstein. Vor einem Pächterwechsel gibt es Zoff mit Anwohnern.
Seit bald 25 Jahren sichert ein kleines Geschäft die Nahversorgung in Breitenstein. Vor einem Pächterwechsel gibt es Zoff mit Anwohnern.
Das Breitensteiner Lädle gewährt seit 1999 die Grund- und Nahversorgung für all jene Menschen, die alters- oder gesundheitsbedingt nicht einfach mit dem Auto ins nächstgelegene Weil im Schönbuch fahren können, um sich dort mal schnell mit dem Nötigsten einzudecken. Zudem ist das von einer Gesellschaftergruppe geführte Lädle ein wichtiger sozialer Treffpunkt.
Würde man im Ort eine Umfrage machen, dann fände sich wohl eine große Mehrheit, die das Angebot als einen Gewinn für die 1200-Seelen-Gemeinde bezeichnen würde. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Lädle, genauer gesagt im selben Haus, findet sich allerdings auch eine kleine Minderheit, die das ganz anders sieht. Die Rede ist von zwei Familien, die in den Stockwerken über den Verkaufsräumen im Erdgeschoss wohnen.
„Diese beiden Familien torpedieren den Laden schon seit Jahren“, sagt Reiner Müller. Der 65-Jährige ist der Geschäftsführer der Gesellschaftergruppe, die den Ladenbetrieb als Anteilseigner finanziert. Müller berichtet davon, wie die Hausbewohner bisherige Pächter geradezu schikaniert hätten: Unter anderem musste die Ladenglocke weg, weil diese angeblich zu laut war, und auch das Öffnen der Rollläden habe die beiden Familien so gestört, dass der bisherige Betreiber diese um des Hausfriedens willen erst ab 8 Uhr morgens und nicht schon zur eigentlichen Ladenöffnung um halb sieben hochzog.
Ein weiterer Streitpunkt ist der Rentnerstammtisch, der sich dort seit Jahren freitagmittags zwischen elf und eins trifft. Dass die älteren Herren ihren Kaffee im Sommer gerne auch mal auf der von den Gesellschaftern erworbenen Freifläche draußen vor dem Lädle schlürfen, geht den Hausbewohnern offenbar so sehr gegen den Strich, dass sie mit gerichtlichen Schritten drohen. „Die wollen uns verbieten, Sonnenschirme, zwei Tische und ein paar Stühle dort zu platzieren“, sagt Reiner Müller fassungslos.
Zuletzt war der seit Jahren schwelende Konflikt wiederaufgeflammt, als sich nach dem Rückzug des bisherigen Pächters eine neue Betreiberin gefunden hatte. Die 48-jährige Nurten Otten will ab März die Leitung übernehmen. Die Breitensteinerin, die ganz in der Nähe des Lädles wohnt, ist bei Mercedes-Benz im Einkauf tätig. Sie hat ihre Arbeitszeit dort jetzt reduziert, um künftig gemeinsam mit weiterer Unterstützung den Betrieb wiederaufzunehmen – inklusive der Möglichkeit für die Kundschaft, zum Schwätzchen mal ein Käffchen zu trinken.
Allein die Ankündigung, dass eine neue Pächterin gefunden worden war, brachte die Nachbarn im Dezember dazu, bei Müller und den Vertretern der Ladengesellschaft per Brief die Einhaltung gesetzlicher Ladenöffnungszeiten anzumahnen und auf ein kategorisches Verbot jeglicher Form von „Café-/Restaurantbetrieb im Außenbereich“ hinzuweisen. Als „soziale Begegnungsstätte“ stehe das Gebäude nicht zur Verfügung, teilen die Familien weiter mit.
„Was reitet diese Menschen?“, fragte der sichtlich um Beherrschung bemühte Reiner Müller bei der Sitzung des Breitensteiner Ortschaftsrats, zu der er und Nurten Otten eingeladen waren. Müller skizzierte hier als Geschäftsführer zunächst die bisherige Entwicklung: Nach seinen Angaben hat sich der Wert des Lädles seit Gründung der Gesellschaft im Jahr 1998 von damals 1000 D-Mark (rund 511 Euro) auf effektiv 623 Euro gesteigert, ausbezahlte Gewinnanteile mit eingerechnet sogar auf 823 Euro.
Als im Herbst der bisherige Pächter Steve Dähring ankündigte, dass er die Leitung zum Ende dieses Februars abgeben will, standen die knapp 30 Gesellschafter vor einer Entscheidung. Die Option, das Lädle aufzugeben und sich die Anteile auszahlen zu lassen, sei nicht infrage gekommen – auch wenn manche Anteilseigner sich damit laut Müller eine „goldene Nase“ hätten verdienen können.
Auch die Variante, im Lädle Automaten aufstellen zu lassen und den Betrieb so fortzuführen, fiel letztlich durch. Schließlich hatte sich mit Nurten Otten eine motivierte Bewerberin gefunden, die dank ihrer Festanstellung auch keine Sozialversicherungskosten scheuen müsse, wie Müller betont.
Dann stellte die neue Pächterin ihr Konzept vor, das Öffnungszeiten von Dienstag bis Samstag vorsieht, wobei das Lädle voraussichtlich außer donnerstags und freitags nur am Vormittag geöffnet sein soll. Auf die Konflikte mit den Nachbarn ging die Breitensteinerin mit keinem Wort ein.
Das tat Reiner Müller dafür umso vehementer. Das Lädle sei systemrelevant, unterstrich der studierte Jurist die Bedeutung der Nahversorgung in dem Ort. Er forderte deshalb „ein klares Bekenntnis“ des Ratsgremiums zu dem Lädle – und er sollte es auch bekommen. „Wir Breitensteiner positionieren uns da ganz klar“, sagte der Ortsvorsteher Thomas Müller. Zugleich äußerte er den (womöglich frommen) Wunsch, dass am Ende doch noch eine gütliche Einigung mit den Hausbewohnern möglich sein könnte.
So fing es an
Nach der Geschäftsaufgabe der Bäckerei Nagel im Jahr 1996 hatte der zu dieser Zeit rund 1000 Einwohner zählende Ortsteil von Weil im Schönbuch keinen Lebensmittelladen mehr. Der damalige Ortsvorsteher Helmut Stäbler initiierte einen Laden, der von Anteilseignern in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) mit Anteilen zu je 1000 Mark finanziert wurde. Im April 1998 wurde die Gesellschaft mit 72 Mitgliedern und Stäbler als Geschäftsführer gegründet.
Verkauf im Wohnhaus
Mit dem Startkapital von 381 000 Mark kaufte die Gesellschaft Grundstücksanteile sowie das Erdgeschoss des damals entstehenden Neubaus in der Schillerstraße 17. Später kam ein Stellplatz dazu, auf dem Gäste vor dem Laden Kaffee trinken konnten. Im Juli 1999 war Eröffnung.
Wechselnde Leitung
Nach Karin Holzapfel und der Weilemer Bäckerei Schmid betrieben von 2006 bis 2012 Mercedes und Frank Löffler das Lädle. Später war erneut die Bäckerei Schmid Pächter, danach folgte Steve Dähring, der die Leitung zum 28. Februar abgibt.