Nahversorgung in Stuttgart Die Randbezirke bluten aus

Ein Lebensmittelgeschäft im Ort ist auch ein Ort der Begegnung. Foto: Horst Rudel/Horst Rudel

Mit dem Förderprogramm „Nahversorgung konkret“ will die Stadt das Ladensterben in bisher schon unterversorgten Stadtteilen aufhalten und Neugründungen von Lebensmittelgeschäften ermöglichen. Doch reicht das aus?

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Im Cannstatter Stadtteil Steinhaldenfeld hat die letzte Bäckerei aufgegeben. Nach dem Aus eines Getränkemarkts bleibt der Mühlhausener Stadtteil Mönchfeld ohne Lebensmittelgeschäft zurück. Und auch in Möhringen-Sonnenberg haben die Kunden mit der inzwischen geschlossenen Papeterie ihre letzte Einkaufsmöglichkeit verloren. Meldungen wie diese häufen sich in Stuttgart. Sie treffen besonders ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Mit den Läden fallen auch Orte der Begegnung weg – die betroffenen Stadtteile bluten aus.

 

In Stuttgart gibt es 40 Defiziträume

40 sogenannte Defiziträume hat die Stadt bei einer Erhebung im Jahr 2015 definiert. Damit sind Bereiche gemeint, in denen sich in einem Radius von 500 Metern zum Wohnstandort fußläufig kein größerer Lebensmittelmarkt befindet. In welchen Stadtteilen die Lage besonders prekär ist – dazu macht die Stadt keine Angaben. „Innerhalb der Defiziträume gibt es keine Abstufungen“, heißt es. Besonders viele unterversorgte Gebiete gibt es jedoch in den Stadtbezirken Bad Cannstatt, Mühlhausen, Untertürkheim und Vaihingen.

Die Liste der Defiziträume wird nach Angaben der Stadt demnächst aktualisiert. Denn die Krise durch die Coronapandemie und die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine erschweren den Einzelhändlern in den Stuttgarter Randbezirken noch zusätzlich ihre Existenz – und werden die Situation künftig noch verschärfen. Doch was wird getan, um die Nahversorgung in Stuttgart zu erhalten oder gar zu verbessern?

Gefördert werden inhabergeführte oder gemeinnützige Läden

Die Erhebung und ein daraus resultierendes Handlungskonzept der Stadt im Jahr 2015 mündeten in das Förderprogramm „Nahversorgung konkret“. „Das Förderprogramm läuft stadtweit“, erklärt Marie Kraft, Pressesprecherin der Stadt Stuttgart. Das Amt für Stadtplanung und Wohnen und die Abteilung Wirtschaftsförderung arbeiten zusammen, um bestehende Angebote zu stärken und Neugründerinnen und -gründer eines Lebensmittelhandels zu unterstützen. Dafür stellt der Gemeinderat pro Doppelhaushalt 100 000 Euro zur Verfügung.

Konkret bedeutet das, dass vor allem inhabergeführte Läden oder gemeinnützige Unternehmen wie zum Beispiel Cap- oder Bonus-Märkte von der Stadt gefördert werden können. Denn: „Für den großflächigen Lebensmitteleinzelhandel sind solche Lagen oft nicht rentabel“, sagt Marie Kraft.

Gefragt nach Beispielen, bei denen dank des Förderprogramms die Nahversorgung in den letzten Jahren verbessert wurde, verweisen die zuständigen Ämter auf die „gelungene Ansiedlung des Bonus-Markts light in Weilimdorf-Wolfbusch“. Der Gemeinderat hatte den Markt mit 70 000 Euro unterstützt. Ebenfalls größere Summen werden wohl in die Modernisierung der Cap-Märkte in Obertürkheim und Untertürkheim fließen.

Ist das Engagement der Stadt zu zurückhaltend?

Ansonsten handelte es sich bisher eher um kleinere Zuschüsse, die bereits bestehende Läden erhalten haben. Darunter fielen gemeinnützige Lebensmittelmärkte, inhabergeführte Kleinstbetriebe oder Wochenmärkte – und seit 2021 vor allem Bäckereien. Außerdem bietet die Stadt den Inhabern und Inhaberinnen Beratungen an. Aktuell lässt die Wirtschaftsförderung eine neue Online-Plattform erstellen, wodurch für kleine Läden und Geschäftsräume in Stuttgart schnell eine Nachnutzung gefunden werden soll, um Leerstand zu vermeiden oder zu reduzieren, heißt es bei der Stadt.

Nicht überzeugt von diesen Maßnahmen zeigt sich Reinhold Uhl, Vorsitzender beim Stuttgarter Kreisverband des Bunds der Selbstständigen: „Die bisherigen Bemühungen der Wirtschaftsförderung sind wie ein Luftballon geplatzt.“ In vielen Stadtteilen gebe es nach wie vor Leerstand, die Struktur im Einzelhandel stimme oft nicht. „Das Ergebnis einer verfehlten Flächenpolitik der Stadt“, kritisiert er. Die Gewerbe- und Handelsvereine würden letztlich alleine gelassen werden. Seiner Meinung nach müsse die Stadt verstärkt auf Eigentümer zugehen, deren Immobilien frei werden. „Die Vermieter wollen ihre Mieten erhöhen, aber man muss sie auf die Gefahren hinweisen, wenn ein Stadtteil verarmt“, findet Uhl. Komme statt eines Lebensmittelgeschäfts oder einer Bankfiliale eine Spielhalle in die Räume, sei das für den Ort fatal.

„Wir sind laufend bei der Kontaktvermittlung zwischen Eigentümer und potenziellen Mietern behilflich“, sagt dagegen Marie Kraft. Letztendlich sei es aber eine betriebliche Entscheidung der Unternehmen, ob sie an einem Standort einen Laden eröffnen. Doch Reinhold Uhl reicht das nicht. „Es gab Gespräche zwischen uns und der Wirtschaftsförderung, dass man auf Eigentümer zugehen will. Passiert ist aber nichts“, sagt er. Die Initiative dazu müsse von der Wirtschaftsförderung ausgehen.

Standorte für weitere Bonus-Märkte werden geprüft

Zufrieden mit der Unterstützung der Stadt zeigt sich dagegen Karsten Fischer, Geschäftsführer der Bonus-Märkte. „Die Stadt ist an jedem unserer Märkte in irgendeiner Form beteiligt“, sagt er. Die Zusammenarbeit laufe seit Jahren gut. Auch aktuell werden mögliche Standorte geprüft, um weitere Versorgungslücken zu schließen. In Mönchfeld beispielsweise wird laut Fischer nach einer Lösung gesucht. „Aber die Gespräche sind noch ganz am Anfang“, erklärt er.

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