Namensgebung in Stuttgart Platz für Persönlichkeiten!

Eine alte Ansicht der im Krieg zerstörten Pianofortefabrik Schiedmayer an der Neckarstraße 12-16, jetzt Konrad-Adenauer-Straße. Dort befindet sich heute die Musikhochschule und das Haus der Geschichte. Foto:  

Sollte man Straßen und Plätze nach Persönlichkeiten benennen? Man soll! Denn Namen im öffentlichen Raum geben in doppeltem Sinne Orientierung. Ein Kommentar von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Kennen Sie den Johann-Lorenz-Schiedmayer-Platz? Und wussten Sie, dass das Haus der Geschichte aus der Vogelperspektive betrachtet die Form eines Konzertflügels hat? Und wissen Sie, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt?

 

Darüber dürften selbst Stuttgart-Kenner grübeln. Und während wir sie noch etwas grübeln lassen, lösen wir das Rätsel hier schon mal auf: Johann Lorenz Schiedmayer, 1786 in Erlangen geboren, 1860 in Stuttgart gestorben und auf dem Fangelsbachfriedhof begraben, spielte nach den Worten von Kulturbürgermeister Fabian Mayer „eine entscheidende Rolle im wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt“. Regula Rapp, die frühere Rektorin der Musikhochschule, zählt ihn gar zu „den Vätern der württembergischen Industrie“.

Johann Lorenz Schiedmayer (1786-1860) Foto: Schiedmayer

Hervorgetan hatte sich der erfolgreiche und sozial eingestellte Klavierunternehmer durch die Förderung der Künste. 1857 war Schiedmayer Mitbegründer der Musikhochschule. Seine 1821 entstandene Klavierfabrik stand bis zur Zerstörung der Gebäude im Juli 1944 auf dem heutigen Gelände der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und dem Haus der Geschichte. Als Zeichen der Wertschätzung wurde nun der angrenzende Platz nach ihm benannt. Indirekt erinnerte das Haus der Geschichte bisher schon an den Klavierpionier – es ist in Form eines Flügels gebaut, womit die einleitenden Fragen beantwortet wären. Ergänzt um den Hinweis, dass das vor 290 Jahren gegründete Familienunternehmen bis heute besteht, und als einziges weltweit Celestas baut, Tasteninstrumente, die an ein Harmonium erinnern.

Der neue Johann-Lorenz-Schiedmayer-Platz bei der Musikhochschule und dem Haus der Geschichte. Foto: Jan Sellner

Das Beispiel zeigt: die Benennung von Straßen oder Plätzen nach Persönlichkeiten ist ein Gewinn für eine Stadt, sofern deren Geschichte miterzählt wird, wie das mustergültig beim umgestalteten Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz der Fall ist. Menschen, die ein Beispiel gegeben haben oder an die aus anderen Gründen erinnert werden sollte, erhalten so einen zeitlosen Platz im Gedächtnis der Stadt – wobei Eitelkeit keine Rolle spielen darf. Joachim Ringelnatz scherzte einst damit, als er sich ein „Gässchen“ wünschte, in dem er nach seinem Tod „spuken“ könne. Von derartigen Umtrieben hat man aus Sillenbuch, wo ein Ringelnatz-Weg existiert, freilich noch nichts vernommen.

Gleichzeitig soll es Städte geben (Grüße nach „Tschaierlo“!), die Straßen nicht mehr nach Personen benennen, weil der Gemeinderat Sorge hat, er könnte bei der Auswahl irren, und deshalb auf Getreidesorten zurückgreift. Nichts gegen die Haferstraße, auch in Stuttgart gibt es Stadtteile, die Kriechtieren gewidmet sind (Bergheim) oder Südfrüchten (Riedenberg). Schließt man Personen bei der Namensgebung jedoch aus, begibt man sich als Stadt der Möglichkeit, Geschichte im öffentlichen Raum abzubilden.

Platz an der Ecke Archivstraße/Urbanstraße beim Amtsgericht: Könnte er nicht nach Fritz Bauer benannt werden? Foto: Jan Sellner

Und genau dort gehört sie hin! Namen im öffentlichen Raum können in doppeltem Sinne Orientierung sein und geben. Vielfach gehen der Würdigung verstorbener Persönlichkeiten auch Debatten in der Stadtgesellschaft voraus, die ihrerseits Ausweis lebendiger Erinnerungskultur sind. Mit der Namensgebung alleine ist es jedoch nicht getan. Es braucht die ganze Biografie, was sich im digitalen Zeitalter unkompliziert bewerkstelligen ließe – im Falle Stuttgarts über eine Verknüpfung von Straßenschildern mit dem digitalen Lexikon der Stadtarchivs.

Am Ende dieser Zeilen steht eine Art Ceterum censeo. Es lautet: Im übrigen sind wir der Meinung, dass dem großen Stuttgarter Sohn Fritz Bauer nicht nur ein Sträßchen in Sillenbuch gewidmet sein sollte, sondern am besten ein Platz in der City – etwa der an der Ecke Archiv-/Urbanstraße in der Nähe seiner früheren Wirkungsstätte, des Amtsgerichts!

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