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Namibia Die Hüter Afrikas

Von Sten Martenson 

Im Hinterland von Namibia lebt das Volk der Himba. Sie halten an ihrem traditionellen Lebensstil fest.

Ein Leben wie in der Urzeit: Himbafrau mit Baby. Foto: Bildagentur-Online/Tips-Images
Ein Leben wie in der Urzeit: Himbafrau mit Baby. Foto: Bildagentur-Online/Tips-Images

Der Toyota ächzt und scheppert. Die Staubfahne, die er hinter sich herzieht, ist kilometerweit zu sehen. Der Geländewagen rumpelt über die C43, eine der zahllosen Schotterpisten in Namibia, die nach knapp 200 Kilometern bei den Epupa-Wasserfällen am namibisch-angolanischen Grenzfluss Kunene endet. Wir sind im Kaokoveld, weitem Buschland, das von im Hitzedunst aufragenden, zerklüfteten Bergketten flankiert wird. Die namibische Landkarte weist sie als Ehomaberge im Nordosten und Steilrandberg im Westen aus. Klingt sehr deutsch, obwohl dieser Landstrich die Heimat der Himba ist, einem der wenigen afrikanischen Völker, die versuchen, an ihrem traditionellen Lebensstil festzuhalten. Mehr oder weniger erfolgreich.

Nach einer guten halben Stunde biegt Asser, der junge Herero, der für das Opuwo Country Hotel Exkursionen führt, nach links ab. Zwischen grünen Mopanebäumen und staubig-vertrocknetem Buschwerk schlängeln sich Fahrspuren zu einem Himbadorf. Hinter dem mannshohen Zaun aus Stöcken und Zweigen tauchen jene Frauen auf, die in westlichen Magazinen und Bildbänden faszinieren: rotbraune Haut, bloße Brüste, aufwendige Haartracht, ein ebenso stolzes wie selbstbewusstes Auftreten. An einer kleinen Feuerstelle thront eine Mutter, um sie wuseln zwei Kinder. Die Töchter kokettieren mit westlichen Namen: die 17-Jährige nennt sich Maria, die 14-Jährige verkündet, Bonita zu heißen. In den Töpfen kochen Kohl und Maisbrei, der immer wieder umgerührt wird. Die Mädchen widmen sich der Haarpflege, für die Besucher ist nicht klar erkennbar, ob sie es um der Vorführung willen oder als tägliche Morgentoilette tun. Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Künstliche Zöpfe enden in buschigen Quasten, auf dem Kopf befestigt mit Lehmplättchen und verziert mit fantasievollem Zierrat aus Holz, Metall oder Plastik.

Unter einem schattenspendenden Dach mahlt eine andere Himbafrau im rhythmischen Vor und Zurück ihr Maismehl. Im Haupthaus demonstriert Maria das typische Pflegeritual der Himbafrauen. Kleine rote Steinbrocken werden, dem Mais vergleichbar, auf einer Steinplatte zu Pulver zerrieben. Vermengt mit Butterfett entsteht eine intensiv rot färbende Paste, mit der die Frauen Tag für Tag ihren Körper einreiben. Waschen ist ihnen fremd. Die rote Paste verleiht ihrer Haut nicht nur matt-samtigen Glanz, sondern schützt sie auch vor der Sonneneinstrahlung und dem Austrocknen. Unangenehme Ausdünstungen des Körpers werden mit Himbaparfüm bekämpft. In kleinen Schalen werden Kräuter und Rinde glühender Holzkohle beigegeben, und der würzige Rauch wirkt als Deodorant für die Achselhöhlen ebenso wie für die intimen Körperregionen.

Jedes Himbadorf ist nach einem traditionellen Muster angelegt. Vor dem Haupthaus, dem Otjizero, hat das heilige Feuer seinen angestammten Platz. In der verlängerten Linie liegt der Eingang zum Rinderkral. Die Tiere sind der ganze Stolz des Volkes, die ethnisch den Hereros zuzurechnen sind. Sie messen ihren sozialen Status auch an der Größe ihrer Rinderherden. Die verzwickte Stammesgeschichte hat überliefert, dass der Name Himba ursprünglich bedeutete: "die sich brüstenden" – mit großen und fetten Rinderherden. Sie werden von den Männern des Dorfes gehütet und auf die Weide getrieben. An einem gewöhnlichen Morgen trifft man deshalb in einem Himbadorf keine Männer.

Beherrscht wird die Mitte des Dorfes vom Grab des einstigen Dorfältesten, einem reichen Mann – wie nicht nur am teuren Grabstein zu erkennen ist, sondern auch an der Menge der aufgeschichteten Rinderhörner am Kopfende der Grabstelle. Sie geben Auskunft über die reichliche Zahl der Tiere, die zu Ehren des Verstorbenen ihr Leben lassen mussten. Bemerkenswert ist dies vor allem, weil Herero und Himba nicht dazu neigen, ihre wertvollen Rinder selbst zu verzehren, denen man nachsagt, so viel zu kosten wie hierzulande ein Gebrauchtwagen.

Die Himbafrauen sind es, die das kulturelle Erbe ihres Volkes hüten und bewahren. Die Männer, die man im Provinzörtchen Opuwo sieht, erliegen oft den Versuchungen der modernen Zeit: Sportschuhe an den Füßen, grell bedruckte T-Shirts, Jeans und einen ausgeprägten Hang zu alkoholischen Getränken. Die Frauen dagegen stolzieren halbnackt durch Opuwo, ihre Kinder in Tüchern auf dem Rücken. Und sie machen keine Zugeständnisse an die westlich-förmliche Kleiderordnung, wenn es sie in die Hauptstadt Windhuk verschlägt.

Den Regierenden des noch jungen Staates, der erst vor 20 Jahren selbstständig wurde, ist dieses vermeintlich rückständige Volk ein Dorn im Auge. Auch weil die Himba sich dem Freiheitskampf gegen Südafrika verweigerten, werden sie mit Nichtachtung gestraft. Die Touristen zieht es dagegen zu diesem urwüchsigen Stamm, der den nostalgischen Wunsch nach Sozialromantik befriedigt.

Der Besucher kann sich einer gewissen Scheu gegenüber dem, was er sieht, nicht entziehen: ziehen die Himbafrauen nur eine Show ab oder gewähren sie großzügig Einblicke in ihren exotisch wirkenden Alltag? Ethnologen wiegeln ab. Ihre Neugier soll den Touristen nicht peinlich sein. Die Wiener Kulturanthropologin Ingrid Thurner ist überzeugt, viele Minderheiten machten erstmals im Laufe ihrer Geschichte die Erfahrung, dass ihre Lebensweise nicht geschmäht, sondern bewundert wird. Das verleihe ihnen Stolz und ein neues Selbstbewusstsein.

Bevor wir uns von Maria und Bonita verabschieden, haben wir eine Halskette, Armbänder und einen Behälter aus Kuhhorn gekauft, in dem rote Himbapaste angerührt worden ist. Und Asser hat aus dem Geländewagen zwei Säcke Maismehl ausgeladen und ein paar Flaschen Wasser. Denn auch Geschäftstüchtigkeit kann ein traditioneller Wert sein.

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