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Namibia Spurenleser

Wildtiere wie Elefanten hautnah zu erleben, gehört zu den Höhepunkten einer Namibia-Reise. Foto: Maier
Wildtiere wie Elefanten hautnah zu erleben, gehört zu den Höhepunkten einer Namibia-Reise. Foto: Maier

Im Fährtenlesen ist das Volk der namibischen Khwe Meister. Mit dieser Fähigkeit sichern die Eingeborenen heute ihren Lebensunterhalt, etwa indem sie Touren für Touristen veranstalten. Auch zahlungskräftige Jäger nehmen ihre Dienste gerne in Anspruch.

In seinen weiß-lila gestreiften Badelatschen kniet Alfred Tchadau auf dem Boden. Er zeigt auf einen Tatzenabdruck im Sand. „Ihr habt Glück! Das war eine Löwin. Einen solchen Abdruck sieht man nicht jeden Tag“, sagt der 53-Jährige. Vor zehn Jahren hätte Tchadau nun ihre Fährte aufgenommen, wäre der Raubkatze gefolgt zu ihrer Beute. Und hätte dann mit ihr um sie gekämpft. Um das Fleisch, das seine Familie eine Woche lang versorgt hätte. Vielleicht sogar noch länger. Doch die Zeiten haben sich geändert.1982 erließ die namibische Regierung ein Gesetz, das die Jagd auf Wildtiere verbot. Anfangs galt diese Regelung nicht für die etwa 6000 Khwe, die im Caprivi-Zipfel im Nordosten Namibias leben. Sie hatten eine Art Sonderstatus, weil sie sich durch die Jagd selbst versorgten. Seit ihr Land 2007 zum Bwabwata-Nationalpark erklärt wurde, dürfen die Khwe allerdings nur noch Springhasen erlegen - etwa 40 Zentimeter große Nager, deren Fleisch gerade einmal für ein Abendessen reicht. Die Khwe mussten für sich eine neue Lebensgrundlage finden. Keine leichte Aufgabe für ein Volk, das sich seit Jahrhunderten von der Jagd ernährt, sagt Friedrich Alpers.

Fährtenlesen als Touristenattraktion

Der blonde Namibier ist Angestellter der Nichtregierungsorganisation IRDNC (Integrated Rural Development And Nature Conservation). „Unsere Aufgabe ist es, den Menschen im Nationalpark Jobs und Perspektiven zu verschaffen“, sagt er. Schnell kam die Idee auf, eine Schulung für Fährtenleser anzubieten. Vor sieben Jahren wurden diese in Kooperation mit der Naturschutzorganisation WWF (World Wide Fund for Nature) und weiteren Partnerorganisationen verwirklicht. Seither überliefern die älteren Khwe den jüngeren ihr Wissen - sie zeigen ihnen, welche Spur zu welchem Tier gehört, ob es ein männliches oder ein weibliches Tier war, wie schnell es unterwegs war und ob es sich lohnen würde, es zu jagen. Wissen, auf das auch Jagdtouristen aus Europa und den USA gerne zurückgreifen. Für die Erlaubnis, im Bwabwata-Nationalpark eine Antilope zu schießen, zahlen sie bis zu 1000 US-Dollar (etwa 910 Euro). Für einen Elefanten bis zu 27 000 US-Dollar (etwa 24 500 Euro). „Sowohl den Khwe als auch der Regierung nutzt diese Regel“, sagt Alpers. Jede Jagdlizenz bringt jährlich zwei Millionen Namibia-Dollar ein, das sind rund 122 000 Euro. Das Geld geht zu Teilen an die Khwe, zu Teilen an den Staat. Das Fleisch der Tiere müssen die Jäger im Nationalpark lassen - und es den Khwe direkt in die Dörfer liefern.

Durch die restriktive Regelung steigt der Wildbestand seit Jahren. Davon profitieren auch die Touristenlodges. Die Gruppe, mit der Tchadau unterwegs ist, hat allerdings nicht vor, auf Tiere zu schießen. Seit März 2015 führen die Khwe Touristen durch den Nationalpark. Das Hilfsprojekt „Spurenleser“ ist eine gemeinsame Initiative des Reiseveranstalters Gebeco, des Nachhaltigkeitsvereins Futouris und des WWF Namibia. Es soll den Fährtenlesern ein Einkommen verschaffen und ihnen zugleich helfen, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Benson Kupinga ist ebenfalls Spurenleser. Er zeigt auf eine weitere Spur im Sand. „Was glaubt ihr, welches Tier das war?“, fragt er. Ein Nilpferd? Falsch geraten. „So weit vom Fluss entfernt? Ein Nilpferd kann nicht so weit laufen“, sagt Kupinga und klärt auf: „Das war ein Strauß.“ Woran er das erkennt? „Ein Strauß hat zwei Zehen: einen größeren und einen kleineren“, sagt der schmale Mann und führt aus, was er noch erkennen kann: „Es war ein männlicher Strauß. Er ist gestern am späten Nachmittag hier entlanggelaufen. Man sieht, dass der Wind über die Spur geweht ist. Ein paar andere Tiere sind auch schon drüber gegangen.“ Die Gruppe staunt.

In der Morgensonne wirkt die kleine Lichtung eher unbewohnt. Ringsum wachsen hohe Bäume, Tiere sind nicht zu sehen. Und doch scheint dieser Ort für sie so etwas wie ein Sammelpunkt zu sein: Neben den Abdrücken der Löwin und des Straußes erkennen die Khwe die Spuren von Büffeln, Stachelschweinen, Perlhühnern und Elefanten - aber auch von kleinen Insekten wie dem Ameisenlöwen, der trichterförmige Einbuchtungen in den Sand gräbt und dann so lange wartet, bis seine Beute hineinfällt. Kupinga und Tchadau hoffen, ihr Wissen auch an spätere Generationen weiterzugeben. Sie wollen ein Schulungszentrum aufbauen, eine „Buschmann-Akademie“. Ein Antrag an die Regierung ist gestellt, die Zusage steht noch aus. Sollte sie bewilligt werden, könnte dies die Lebensumstände der Buschmänner, die im Nationalpark kaum Verdienstmöglichkeiten haben, stark verbessern.

Etwa die Hälfte der Namibier lebt unterhalb der Armutsschwelle

Armut ist aber nicht nur für die Khwe ein Problem. Während Touristen hauptsächlich die schönen Seiten Namibias kennenlernen - seine Wildtiere, die Strände, die scheinbar unendliche Buschlandschaft -, lebt etwa die Hälfte der 2,3 Millionen Namibier unterhalb der Armutsschwelle. Geld verdient der Staat vor allem mit dem Export von Uran, Diamanten und Kupfer, Fisch, Fleisch und Trauben. Eine weitere Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Namibia hat kaum verarbeitende Industrie. Arbeitsplätze sind rar - die Arbeitslosigkeit im Land liegt bei rund 30 Prozent. Die Lebensmittelpreise unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland: Ein Liter Kuhmilch kostet 1,10 Euro. Ihre Nahrung produzieren fast drei Viertel der Namibier deshalb selbst. So wie Aurelia Duca. Vor 20 Jahren kam sie aus dem Bürgerkriegsland Angola nach Namibia. Seither lebt die 42-Jährige in einer Dorfgemeinschaft nahe dem Städtchen Rundu im Norden Namibias. Um eine Art Bier herzustellen, füllt Duca an diesem wolkenlosen Nachmittag eine Messingschale voll Hirse, dann gibt sie die Körner in ein Holzgefäß auf dem Boden. Sie mischt das Getreide mit etwas Wasser und stampft es singend mit einem langen Holzstock. Frauenarbeit: Die drei älteren Männer, die mit Duca in dem Kleinstverbund leben, sitzen auf Plastikstühlen direkt daneben. Sie schauen zu, warten auf den Nachschub.

An Zeit mangelt es den Namibiern nicht. Viele nehmen stundenlange Märsche unter der heißen Sonne in Kauf, um ihre Nachbarn zu besuchen. Hin und wieder picken Hühner am Wegesrand, laufen Herden von Rindern mit weit ausladenden Hörnern zur nächsten Weide. Zur Mittagszeit gehen Schulkinder in Uniform nach Hause. Die Schulen sind oft kilometerweit von ihren Dörfern entfernt. Zäune aus Schilf und Ästen trennen ein Dorf von der Außenwelt. Es sind Mikrokosmen aus Lehmhütten, Wellblechunterkünften und Betonhäusern. Manchmal mit einem großen Baum in der Mitte, immer mit ein paar Sträuchern. 20 bis 25 Menschen leben in den Komplexen zusammen. Bis zur nächsten Wasserstelle müssen die meisten von ihnen kilometerweit gehen. Aurelia Duca ist dennoch zufrieden. Der Bürgerkrieg in Angola ist zwar seit 2002 beendet, doch von einem Leben, wie sie es führt, können viele Menschen in ihrer Heimat nur träumen.

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