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Namibia Willkommen in der Steinzeit

Das Feuer brennt. Zur Belohnung für die Mühe zündet sich der Buschmann seine Pfeife an. Foto: Eichler
Das Feuer brennt. Zur Belohnung für die Mühe zündet sich der Buschmann seine Pfeife an. Foto: Eichler

Im Lebenden Museum stellen die San, die Urbewohner Namibias, ihre jahrtausendealte Kultur vor. So helfen sie sich selbst beim Überleben.

Windhoek - Es sieht spielend leicht aus: Zwei bis auf einen Lendenschurz nackte Männer stecken einen Stock in ein Holz und reiben diesen so geschwind mit den Handflächen, dass es im Loch zu qualmen beginnt. Aus Rindenfasern formt einer dann ein kleines Nest, mit dem er die aufflackernden Flämmchen aufnimmt. Ein paarmal behutsam pusten und mit trockenen Zweigen füttern - schon lodert ein Feuer auf, mit dem sich die beiden sogleich ein Belohnungspfeifchen anzünden. Einen Mangetti-Baum weiter. Hier klemmt ein Mann Pflanzensprösslinge in einen Stock, den er mit den Füßen gegen einen Stein presst. Dann zieht er kräftig an einem Ende des Stängels und zerfasert ihn in feinste Stränge.

Diese werden anschließend getrocknet und weiterverarbeitet. Zum Beispiel zu Seilen und Bogensehnen. Wie die Pfeile für die Bögen hergestellt werden und woraus das Gift für den betäubenden Schuss hergestellt wird, erfahren wir später bei einem anderen Profi. Willkommen in der Steinzeit, willkommen bei den San! Einem Volk, dessen Kultur 44 000 Jahre alt sein soll - das jedenfalls glauben Forscher anhand neuester Analysen von Höhlenfunden beweisen zu können. Damit existieren die San nicht nur mehr als doppelt so lange wie bisher angenommen, sie könnten damit sogar den Beginn der menschlichen Kultur an sich markieren. Die von weißen Einwanderern als Buschmänner bezeichneten Steinzeitmenschen sind zierlich, meist nicht größer als 1,60 Meter, ihre Hautfarbe ist gelblich-hell. Ihre uralte Sprache besteht unter anderem aus verschiedenen komplizierten Klicklauten - allein die Konversation ist ein für Mitteleuropäer faszinierendes akustisches Phänomen.

Die Hetzjagd kann bis zu 40 Stunden dauern

Die San sind berühmt als grandiose Spurenleser und fantastische Jäger, die ihre Beute durch pure Ausdauer zermürben. 40 Stunden etwa kann die Verfolgung einer großen Kudu-Antilope dauern, bevor das Tier erschöpft zusammenbricht. Diese traditionelle Hetzjagd, die auch die Aborigines in Australien praktizieren, wird als „Großer Tanz“ bezeichnet. Dabei werden die Jäger in ihrem Empfinden eins mit ihrer Beute, versetzen sich in sie hinein, ahnen deren Wege voraus und erlegen sie schließlich mit dem Speer aus kürzester Distanz. Die alte Jäger-und-Sammler-Kultur genau so wie früher und so authentisch wie möglich zu präsentieren, ist zentrales Anliegen des Historic Living Village der Ju/’Hoansi-San in Grashoek, etwa sieben Autostunden nordöstlich der Hauptstadt Windhoek.

Initiiert vom namibischen Reiseleiter Werner Pfeifer und dem einheimischen Lehrer Ghau N!aici, wird dieses sogenannte Lebende Museum seit nunmehr fast zehn Jahren selbstständig von den San betrieben und verwaltet. „Eine echte Erfolgsgeschichte für die auf der sozialen Leiter ganz unten stehenden San“, weiß Sonja Iwanek-Kirchner von der Living Culture Foundation Namibia. Diese Organisation aus freiwilligen Mitarbeitern hat inzwischen vier weitere Lebende-Museen-Stationen auf die Beine gestellt und damit dafür gesorgt, dass traditionelle Kultur in Namibia am Leben erhalten wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Lebende Museum der San hat sich zu einem kulturellen und touristischen Höhepunkt entwickelt und ist eine gute Einnahmequelle für die in großer Armut lebenden Dorfbewohner.

Etwa 100 San haben dadurch einen regelmäßigen Verdienst, bis zu 500 Menschen profitieren darüber hinaus vom Verkauf von Schmuck, Instrumenten und Werkzeugen im eigenen Souvenirshop. Zweitens funktioniert das Museum als eine Art Schule für Geschichte, „weil sich die San intensiv mit ihren Wurzeln beschäftigen sowie uraltes Wissen und Werte bewahren“, so die Ethnologin. Und nicht zuletzt steht das Museum für einen regen interkulturellen Austausch, weil sich viele Besucher - im vergangenen Jahr waren es fast 3000 - für die San zu interessieren begännen und verstünden, was diese Menschen so einzigartig macht. Das wiederum steigere den Stolz, die Würde und das Selbstbewusstsein der San, insbesondere der jungen Leute. Im Museum, das 500 Meter außerhalb des eigentlichen Dorfes liegt, haben sich heute etwa zwei Dutzend Männer, Frauen und Kinder eingefunden, um ihre Gäste für die nächsten Stunden auf eine faszinierende Reise mitzunehmen. In eine archaische Vergangenheit, die zugleich Potenzial für ihre eigene Zukunft hat.

Die Frauen sind deutlich distanzierter

Begleitet von Dolmetscher Kanai läuft dabei vor allem ein Mann zu Hochform auf. Nani zeigt, wie man Feuer macht und eine Schwerkraftfalle für Kleinwild baut. Wo und wie man mit dem Grabstock Wurzeln ausbuddelt, die Wasser speichern. Wie die San mit eingekerbten Stöcken zählen. Oder wie ein Jäger geräuschlos durch den Busch pirscht und treffsicher seine Pfeile ins Ziel setzt. Dabei entpuppt er sich als wahres Showtalent, das seine Tätigkeiten und Fakten mit so viel Leidenschaft und Inbrunst an den Mann bringt, dass einem das Herz aufgeht. Allein sein Vortrag über die medizinischen Risiken und Nebenwirkungen einer bestimmten Knolle ist zum Brüllen komisch - wenn er mit Gestik und Mimik etwa Erbrechen und Durchfall simuliert.

Die Frauen bleiben deutlich distanzierter und weitgehend unter sich. Stillen ihre Säuglinge, spielen mit den Kindern und widmen sich ansonsten intensiv der Produktion von Schmuck- und Gebrauchsgegenständen. Eine enorm wichtige Tätigkeit im Museumskonzept, denn schließlich geht es auch darum, mit den Einnahmen aus dem Verkauf die Lebensqualität zu steigern, die Ernährung zu verbessern, Kleidung und Seife kaufen zu können und somit letztlich ohne fremde Hilfe über die Runden zu kommen. Das ist schwer genug im heutigen Namibia, wo die San im westlichen Buschmannland per Gesetz weder jagen dürfen noch nomadisieren können, weil ihr traditionelles Gebiet heute kommerzielles Farmland ist. Das macht sie stark abhängig von Nahrungshilfen der Regierung. Und vor diesem Hintergrund versteht am Ende auch jeder, dass das Lebende Museum der Ju/’Hoansi-San sehr viel mehr bedeutet als nur ein paar Stunden fröhliche Folklore.

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