InterviewNana Mouskouri „Musik ist die Sprache der Seele“

Von Björn Springorum 

In Deutschland ist sie vor allem für ihre Schlager bekannt. In den USA als Jazzkünstlerin. Im Interview spricht Sängerin Nana Mouskouri über ihre Karriere und erzählt von ihren Freunden Leonard Cohen, Harry Belafonte und Quincy Jones.

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Stuttgart - Ein Leben auf der Bühne: Seit über 60 Jahren steht Nana Mouskouri im Rampenlicht. Während man sie in Deutschland für ihre Schlager kennt, ist sie in den USA eine Jazzkünstlerin, die mit Quincy Jones und Harry Belafonte gearbeitet hat. Am 21. November tritt die Griechin in der Liederhalle auf.

Frau Mouskouri, Sie sprechen neben Griechisch unter anderem auch Deutsch und Englisch. In welcher Sprache möchten Sie dieses Interview führen?

Wenn ich es mir aussuchen darf, würde ich es gerne auf Englisch führen. Ich denke zwar auch, dass es auf Deutsch klappen würde, doch ich befinde mich gerade in einem Hotel in London. Da wäre Englisch doch passend, finden Sie nicht?

Sie kündigten schon 2004 Ihre Abschiedstournee an. Jetzt gehen Sie doch wieder auf Tournee.

Da haben Sie recht. Ich kann es einfach nicht lassen (lacht). Marlene Dietrich sagte vor langer Zeit zu mir: Du musst die Bühne verlassen, bevor dein Publikum dich verlässt. Ich hielt das für einen überaus großartigen Rat und beabsichtigte, eben das mit 70 zu tun. Doch bereits zwei Monate später war mir furchtbar langweilig. Ich stellte fest: Es ist mein Leben, auf der Bühne zu stehen. ­Also feierte ich erst meinen 50. Bühnengeburtstag mit einer Tournee, dann meinen 80. Geburtstag – und jetzt lasse ich es ganz mit den Jubiläen und gehe einfach unter dem Motto „Forever young“ auf Tournee.

Auf dem gleichnamigen Alben interpretieren Sie viele große Stücke der Musikgeschichte.

Diese Stücke werden niemals sterben, weil sie wahrhaftig waren. Auch wir, die wir sie aufführen, werden von ihnen jung und lebendig gehalten. Wie mir schon Maria Callas sagte: Es ist ganz egal, was du tust. Was zählt, ist, warum und wie du es tust.

Elvis, Bob Dylan, aber auch Amy Winehouse . . . wie kam die Auswahl der Lieder zustande?

Es ist lange her, dass ich ein Album aufnahm. Ehrlich gesagt denke ich, dass nur die jungen Künstler die Musik weiterbringen können. Wir, die älteren, brachten die Musik an einen gewissen Punkt. Und müssen die Verantwortung jetzt abgeben. Deswegen wollte ich dieses Album machen – um Jung und Alt zu verschmelzen. Ich wollte eine gute Mischung, einige alte und einige jüngere Stücke. Dass Bob Dylan mit dabei ist, war mir sofort klar, er gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Wichtig war mir nur eines: Ich wollte Stücke singen, die nicht traurig sind. Ich bin Griechin, und wir sind eigentlich immer optimistisch. Deswegen finde ich sogar in „Love is a losing Game“ von Amy Winehouse eine gewisse Portion Hoffnung.

Mit „Hallelujah“ ehren Sie auch Ihren Freund Leonard Cohen, der 2016 verstorben ist. Ist „Forever young“ auch Ihr Weg, sich von gewissen Menschen zu verabschieden?

Vielleicht schon, obwohl ich das Album nicht als Vermächtnis verstanden wissen will. Ich sehe es als Erinnerung an diejenigen, die mir geholfen haben, dorthin zu kommen, wo ich heute bin. Und an diejenigen, die mich mit ihrer Stimme beeindruckt ­haben.

Gerade sind Sie in London, doch Sie sind auch oft in New York oder in Berlin. Haben Sie eigentlich eine Lieblingsstadt?

Es fällt mir schwer, mich auf einige oder auch ein paar wenige Städte festzulegen. An zu vielen hängen wertvolle Erinnerungen. Selbst wenn es manchmal schmerzhafte Erinnerungen sind, so spielen sie dennoch eine Rolle in meinem Leben. Aber natürlich gibt es Städte, die in meiner Karriere eine herausragende Rolle einnehmen. Berlin zum Beispiel. Berlin war die erste ausländische Stadt, die ich besuchte. Damals war ich sehr, sehr jung, und Deutschland war das erste Land, in dem ich eine Goldene Schallplatte bekam. So etwas ist natürlich unvergesslich. Oder Stuttgart, wo mein Management sitzt. Paris wird ebenfalls immer in meinem Herzen sein – und natürlich New York, was ich Leonard Cohen und Quincy Jones zu verdanken habe.

Mit Quincy Jones haben Sie auch ein Album aufgenommen.

Ja, meine allererste amerikanische Platte. Das war 1962. In Deutschland hatte ich mit „Weiße Rosen aus Athen“ damals schon einen großen Erfolg, doch ich wollte es sehr gern mal mit Jazz versuchen.

Zudem haben Sie ungefähr zur selben Zeit in Paris mit Michel Legrand das Album „Les Parapluies De Cherbourg“ aufgenommen. In Ihrer Diskografie finden sich daneben auch Werke auf Mandarin, Japanisch, Hebräisch . . .

Sicherlich ist das ungewöhnlich, doch diese Vorgehensweise half mir dabei, international erfolgreich zu werden. Und genau jene Vorarbeit brachte mich später in die ganze Welt. Es ist erstaunlich, wenn ich Ihnen all das erzähle. Ich hatte ein unglaubliches ­Leben, für das ich sehr, sehr dankbar bin. Ich wollte immer eine Sängerin sein – aber ­davon hätte ich niemals zu träumen gewagt.

Diese Vielzahl an Sprachen setzt letztlich auch ein schönes Zeichen für eine offene Welt.

Natürlich wollen viele Menschen ihre Identität bewahren, natürlich ist vielen ihre Herkunft wichtig. Noch wichtiger ist jedoch, Werte und Erfahrungen zu teilen. Ein lebendiger Austausch, durch den wir uns als Menschen näherkommen und durch den etwas Neues entsteht. Man kann so viel von anderen lernen, man denke da nur mal an Sprache, Essen oder Ideale.

Kann Musik in dieser Hinsicht als universelle Sprache funktionieren?

Musik hat ihre ganz eigene Sprache. Sie ist die Sprache der Seele, die die Menschen auch ohne Worte vereint. Menschen, die dieselbe Musik hören, teilen etwas Fundamentales. Musik ist für mich wie ein Schlüssel in die Herzen aller Menschen.

Eine Weltreise muss für Sie wie eine Reise durch Ihre Tagebücher sein.

Sehr schön ausgedrückt! Und es stimmt ­tatsächlich: Ich habe überall auf der Welt Erfahrungen gemacht – auch außerhalb der Musik. Mit Unicef war ich viel in Afrika unterwegs und bin an Orte gereist, die we­nige Menschen zuvor gesehen haben. Dort ­habe ich sehr viel Armut und Leid gesehen, aber auch sehr viel Menschlichkeit. Meine Reisen haben mich zu einem humanitären Menschen gemacht, das weiß ich heute.

Viele Ihrer Lieder sind Jahrzehnte alt. Wie wurden sie durch Ereignisse wie den Fall der Berliner Mauer verändert?

Jedes Jahrzehnt, alles, was ich durchlebt habe, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Das ist mit meinen Liedern genauso. Zu verschiedenen Zeiten bedeuten sie verschiedene Dinge und können den Menschen auf verschiedene Weise helfen. Dennoch bleibt der Kern meiner Musik immer derselbe. ­Damals, in den Sechzigern, als ich mit meiner Musik begann, rückten viele Menschen zusammen. Es gab Friedensmärsche, es gab Woodstock, die Menschen wollten einfach nur in Frieden leben. Davon profitieren wir bis heute, denn die Gedanken dieser Ära sind noch immer bei uns. Das ist auch der Musik zu verdanken. Die wird von jungen Menschen heute natürlich ganz anders interpretiert, aber genau das sorgt ja dafür, dass sie auf ewig jung bleibt.

Die Künstlerin Nana Mouskouri

Die viereckige schwarze Brille ist ihr Markenzeichen: In früheren Interviews erzählte Nana Mouskouri (84) gern einmal, Dutzende Exemplare derselben Brille zu besitzen. Ob es stimmt, weiß niemand. Allgemein bekannt ist indes, dass die griechische Sängerin nach Madonna die weltweit erfolgreichste Künstlerin ist – mit über 200 veröffentlichten Alben und mehr als 300 Millionen verkauften Tonträgern.

In Deutschland ist sie auch 50 Jahre später vor allem für ihren Hit „Weiße Rosen aus Athen“ bekannt, der aber nur einen kleinen Ausschnitt ihres Wirkens dokumentiert. Im Laufe der letzten 60 Jahre hat sich Mouskouri an Jazz, Chanson, Klassik und Schlager versucht – und das überaus erfolgreich. Ihre aktuelle Tournee ist sehr wahrscheinlich ihre letzte. Dies wiederum hat sie bereits 2014 auch schon mal gesagt.




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