Nana Mouskouri wird 90 „Ich bin immer bei mir geblieben“
Die griechische Sängerin Nana Mouskouri wird 90 Jahre alt. Sie spricht über das Älterwerden, den Krieg in Europa und ihre Begegnung mit Marlene Dietrich.
Die griechische Sängerin Nana Mouskouri wird 90 Jahre alt. Sie spricht über das Älterwerden, den Krieg in Europa und ihre Begegnung mit Marlene Dietrich.
Am 13. Oktober wird Nana Mouskouri 90 Jahre alt. Und das will gefeiert werden. Die auf Kreta geborene und in Athen aufgewachsene Griechin, die einst klassische Musik studierte und Jazz sang, ist seit fast 65 Jahren weltweit (aber ganz besonders im deutschsprachigen Raum) eine Berühmtheit. Und sie singt immer noch mit Leidenschaft, wie sie verrät.
Nana Mouskouri, wie geht es Ihnen?
Mir geht es mittlerweile wieder ganz gut. Viel besser jedenfalls als noch vor ein paar Wochen.
Was ist denn geschehen?
Vor ungefähr einem Monat war ich in Athen und bin dort gefallen. Das ist, gerade in meinem Alter, keine ungefährliche Sache. Aber ich hatte Glück, es ist nichts gebrochen. Die einzige Folge ist, dass ich mich nun ein bisschen ausruhen muss.
Sie leben in der Schweiz, genauer in Genf. Ein schöner Ort?
Mein Mann und ich, wir fühlen uns hier immer noch sehr wohl. In der Schweiz lebe ich seit fünfzig Jahren, seit 1974. Mein Mann ist Franzose und ebenfalls Musiker. Wegen seiner Arbeit war es damals praktisch, hier zu leben.
Ihre Lieder sind voller Freude und Liebe. Machen Sie sich aktuell mehr Sorgen um die Welt als sonst in Ihrem Leben?
Ja, ich bin besorgt. Seit ich auf der Welt bin, haben wir sehr viel Fortschritt und tolle Entwicklungen erlebt. Vieles hat sich sehr positiv verändert. Auf der anderen Seite wachsen die jungen Menschen heute mit Bedrohungen auf, die wir zuvor noch nicht kannten. Ich wuchs mit dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs auf, aber das ist ja sehr lange her, und wir glaubten, so etwas könne nie wieder geschehen. Ich finde es ganz schrecklich, und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass jetzt wieder so viele Menschen in Europa in einem Krieg sterben.
Sie waren etwa sechs Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht 1941 Griechenland überfiel. Ihr Vater führte ein Freiluftkino, und Sie haben den Krieg erlebt.
Ja, ich habe den Krieg gesehen. Ich habe gesehen, wie Leichen in den Straßen lagen. Aber trotz allem: Ich bin und ich bleibe eine sehr optimistische Person. Ich habe viel Schönes und viel Schlimmes in meinem Leben gesehen, und ich bin überzeugt: Es gibt immer Hoffnung. Was allerdings nicht heißt, dass ich die derzeitigen Kriege und Krisen nicht ernst nehmen würde, denn das tue ich.
Was sollten wir tun?
Wir sollten nicht vergessen, unser Leben zu leben. Das Beste daraus zu machen. Eines Tages wird es auch wieder besser aussehen. So war es doch immer.
Als bald 90-Jährige haben Sie da ja viel Erfahrung. Wie gehen Sie eigentlich mit dem großen Geburtstag um?
Ich versuche immer noch zu verstehen, dass ich 90 Jahre alt werde. Es ging so schnell! Auf alle Fälle ist es ein großes Privileg. Ich habe so lange überlebt, ich lebe noch immer, und es geht mir gut. Längst nicht alle Menschen werden so alt.
Haben Sie ein Rezept, um ein hohes Alter zu erreichen?
Ja, ich habe mir immer Ziele gesetzt. Und ich habe nie aufgehört zu arbeiten. Mein ganzes Leben lang war Disziplin extrem wichtig, das war schon so, als ich am Konservatorium in Athen Gesang, Klavier und Harmonielehre studierte und in meiner Freizeit in einer Jazzband sang. Ich bin immer, so gut es ging, bei mir geblieben und war aufrichtig zu mir selbst. So bin ich gut durch schöne wie auch schwere Zeiten gekommen. Jetzt bin ich hier, 90 Jahre alt, und alle fragen mich, wie ich feiern werde.
Und? Wie werden Sie feiern?
Ich habe ein wenig Angst vor einer großen Feier. Ich mag das nicht so gerne, mich feiern zu lassen. Aber ich bin überzeugt, dass mein Mann mir gern ein Fest schenken möchte.
Rechnen Sie mit weißen Rosen?
Aber natürlich! Ich liebe Blumen, und ich liebe auch natürlich weiße Rosen. Immer wieder schicken Fans mir Blumen, darüber freue ich mich sehr. Und „Weiße Rosen“ ist für meine Karriere und für mein ganzes Leben ein sehr besonderes Lied. Es war 1961 meine erste Single in Deutschland, wurde sogleich zu einer Nummer eins und bescherte mir meine erste goldene Schallplatte. Das Lied war der wirkliche Beginn meiner Karriere, jedenfalls der Karriere außerhalb von Griechenland. Seither habe ich nie mehr aufgehört zu singen.
Sie haben nun einige Ihrer Lieder wie „Weiße Rosen aus Athen“, „Guten Morgen, Sonnenschein“ sowie das Franz-Schubert-Lied „Ave Maria“ gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra neu produziert. Sie sind Teil des Best-of-Albums „Happy Birthday, Nana“. Wie ging die Arbeit vonstatten?
Das klingt sehr schön, finden Sie nicht? Wir haben meine Originalstimmaufnahmen von damals genommen und meinen Gesang aus den sechziger Jahren neu mit dem wunderbaren Klang des Orchesters zusammengeführt. Ich habe ursprünglich klassische Musik studiert, mit der Klassik begann für mich alles. Es gefällt mir, meine Stimme von früher nun in einem solch üppigen Soundgewand zu hören.
Wer war denn Ihre Lieblingssängerin, als Sie jung waren?
Ich habe Marlene Dietrich verehrt. (Beginnt zu singen) Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Fantastisch.
Sie haben Marlene Dietrich auch mal getroffen.
Ja, das war in Paris, Anfang der siebziger Jahre. Sie spielte eines ihrer letzten Konzerte im L’Espace Pierre Cardin. Jane Birkin und Serge Gainsbourg, Alan Delon, wir alle warteten auf sie vor ihrer Garderobe. Ich hatte gar nicht erwartet, dass sie mich kennt, doch dann sah sie mich und sagte: „Wie schaffst du es nur, so wundervoll zu singen?“ Ich war so glücklich, dass ich geweint habe.
Sie haben überhaupt eine Menge berühmter Kolleginnen und Kollegen kennengelernt.
Oh, das habe ich. Bob Dylan, Leonard Cohen, die Beatles, Harry Belafonte, den einzigartigen Udo Lindenberg. Sinatra natürlich auch. Nat King Cole. Mit Udo und Bob bin ich bis heute in Kontakt und befreundet.
Planen Sie, im kommenden Jahr wieder Konzerte zu geben?
Das ist mein großer Traum. Im Moment geht es noch nicht, nach dem Sturz, auch nach Corona. Aber das Ziel meiner vielen Übungen und Bemühungen ist auch, dass ich wieder auf die Bühne zurückkommen kann.