Narrativ des Angriffs Putins Mythen
Russland überfällt die Ukraine. Wladimir Putin, der Herrscher im Kreml, rechtfertigt die Aggression mit historischen Argumenten. Wie geschichtsblind ist sein Narrativ?
Russland überfällt die Ukraine. Wladimir Putin, der Herrscher im Kreml, rechtfertigt die Aggression mit historischen Argumenten. Wie geschichtsblind ist sein Narrativ?
Stuttgart - Ist die Ukraine ein Hirngespinst? Auf dieses zynische Fazit lief Wladimir Putins Wutrede zu Beginn dieser verhängnisvollen Woche hinaus. Er versuchte zu begründen, warum es die Ukraine eigentlich gar nicht geben sollte, warum der so benannte Staat nie zu einem echten Staat geworden sei, warum er seine bloße Existenz für eine Provokation Russlands hält. Inzwischen bekämpft er diese Existenz mit militärischer Gewalt. Den unseligen Worten folgen verheerende Taten.
Putins Weltsicht, sein Blick gen Westen ist umwölkt von Geschichtsmythen, die den eigenen imperialen Zielen dienen, die historischen Tatsachen aber vernebeln. Sie verdichten sich zu einem Narrativ, das seine Invasionspolitik rechtfertigen soll. Sie verraten ein Denken, das die Welt in Vor- und Hinterhöfe sortiert, und die Sehnsucht nach einem vermeintlich glorioseren Gestern.
„Russen und Ukrainer sind ein Volk“, hatte Putin schon im Juli vergangenen Jahres in einem programmatischen Essay „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“ geschrieben. Jetzt nennt er den souveränen Nachbarstaat einen „untrennbaren Teil unserer eigenen Geschichte“ und bestreitet damit dessen Souveränität, die nach den Grundsätzen modernen Völkerrechts hingegen nicht zu leugnen ist.
Putin spricht den Ukrainern eine eigenständige nationale Identität ab, das Recht auf eigene Staatlichkeit und stellt damit das Existenzrecht des ukrainischen Staates infrage – attackiert es mit Raketen, überrollt es mit seinen Panzern. Dieser Staat, so Putin, habe ohnehin „nie eine stabile Staatlichkeit entwickelt“. Die Destabilisierung betreibt er gerade auf seine eigene, brutale Weise.
Was wir heute Ukraine nennen, sei „vollständig und in Gänze von Russland geschaffen worden“, sagt Putin. Er redet über den ukrainischen Staat, als sei er ein künstliches, willkürliches, traditionswidriges und zudem illegales Gebilde. Er bezeichnet ihn als „Verneinung von allem, was uns eint“. Den kommunistischen Revolutionshelden Lenin macht er als „Autor und Architekt“ für diesen Staat verantwortlich – Lenin, dessen Statuen in der Ukraine, anders als in Russland, von den Sockeln gestürzt wurden. Denen, die das betrieben haben, droht Putin: „Wir sind bereit, euch zu zeigen, was eine vollständige Dekommunisierung für die Ukraine bedeutet.“ Explosionen orchestrieren seine Absicht. Spuren der Gewalt illustrieren, wie seine Häme zu verstehen ist.
Man muss nicht bis zur Kiewer Rus im frühen Mittelalter zurückgehen, um die Fragwürdigkeit seiner Tiraden zu erkennen. Die Keimzelle des späteren Russlands liegt tatsächlich in Kiew, nicht in Moskau. Der erste ostslawische Staat, der dort begründet wurde, war nicht gerade ein Brückenkopf des Westens, wie Putin die heutige Ukraine verteufelt, aber durchaus eine Art Westimport. Wesentlichen Anteil an der Staatsgründung hatten Waräger – Wikinger aus Schweden. Das wissen wir, seit es ein orthodoxer Mönch namens Nestor Anfang des 12. Jahrhunderts aufgeschrieben hat. Die Bezeichnung Rus, von der die Russen ihren Namen ableiten, bedeutete ursprünglich: „Ruderer“, was auf ebenjene Fremden verweist.
Der Historiker Günther Stökl, ein Vordenker seines Fachs, betont in seinem Standardwerk „Russische Geschichte“ die „andersartige politische, soziale und kulturelle Entwicklung“ im Gebiet der heutigen Ukraine, räumt aber ein: „Für Großrussen war und ist dies alles russische Geschichte.“ Was Ukrainer und Großrussen unterscheide, nennt er einen Erfolg „abendländischer Kulturmission“. Martin Aust, der an der Universität Bonn osteuropäische Geschichte lehrt, sieht die von Putin behauptete Identität differenzierter: Russen und Ukrainer hätten im Verlauf ihrer Geschichte ein „sowohl von Verständnis und Kooperation als auch Abgrenzung und Konflikt gekennzeichnetes Verhältnis“ entwickelt. Der Historiker Andreas Kappeler schreibt in seinem Buch „Ungleiche Brüder“, die Ukrainer hätten über Jahrhunderte Anteil an der „gesamteuropäischen Kultur“ gehabt, westliche Einflüsse seien über die Ukraine nach Russland gelangt – was sie für einen wie Putin verdächtig macht.
Die kurze Episode staatlicher Autonomie unter den Saporoger Kosaken im 17. Jahrhundert gilt geschichtsbewussten Ukrainern als Meilenstein früher Eigenständigkeit. Russen verweisen hingegen darauf, dass deren „Hetmanat“ sich 1654 freiwillig unter die Oberherrschaft Moskaus begeben habe. Als sich im 19. Jahrhundert wie andernorts auch in der Ukraine eine Nationalbewegung regte, ließ Zar Alexander II. den „kleinrussischen Dialekt“ und das aufkeimende ukrainische Kulturleben verbieten. Stökl schreibt: „Die Existenz eines ukrainischen Volkes wurde von den großrussischen Chauvinisten hartnäckiger denn je bestritten.“ Diesem Chauvinismus verleiht Putin seine Stimme.
Nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs gegen Ende des Erstens Weltkriegs formierte sich eine Ukrainische Volksrepublik. Lenin und die russischen Bolschewisten sahen sich gezwungen, ihre Selbstständigkeit anzuerkennen. Das diktierte ihnen der vom Deutschen Kaiserreich mitformulierte Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Obwohl Lenin das Selbstbestimmungsrecht der Nationen propagierte, hat er jenen ersten ukrainischen Staat bekriegt und von der Roten Armee erobern lassen. Nach ihrem Sieg im Bürgerkrieg schufen die Kommunisten eine Ukrainische Sowjetrepublik, die bis 1991 Bestand hatte. Offenkundig war das also keine Kopfgeburt Lenins – es gab ein historisches Muster.
Zur Entfremdung vieler Ukrainer von dem Regime in Moskau dürfte vor allem Stalins Zwangskollektivierung mit einer nachfolgenden Hungersnot („Holodomor“) beigetragen haben, der mehr als fünf Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Während des Zweiten Weltkriegs haben Ukrainer als Partisanen gegen Hitlers Wehrmacht gekämpft – andere an deren Seite gegen die Rote Armee. Zwei Millionen Ukrainer wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt – andere begingen mit der SS Massenmorde an Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen. Putins historisches Gedächtnis ist sehr einseitig geprägt. Er spricht nur über „Hitlers Kollaborateure“, wie in der kriegerischen Rede, mit der er den Militärschlag angekündigt hat. Dieser diene auch einer „Entnazifizierung der Ukraine“. Seine Geschichtsklitterei verengt den Blick auf eine ihm zweckdienliche Perspektive.
Die Auflösung der Sowjetunion, die Putin für die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ hält, hat dessen Ziehvater Boris Jelzin 1991 besiegelt. 90,3 Prozent der Ukrainer stimmten bei einem Referendum für die staatliche Unabhängigkeit – mehr an Legitimation hat Putin selbst bei seinen halbdemokratischen Präsidentschaftswahlen nie erreicht.
Als Mythos erweist sich auch ein weiterer Eckpfeiler Putin’scher Rechtfertigungsrhetorik. Er wurzelt ebenfalls in jener Zeit der vermeintlichen „Urkatastrophe“. Es geht um ein angebliches Versprechen, das der Westen gebrochen haben soll: eine Garantie, die Russland vor einer Osterweiterung der Nato schützt.
Putins Vorwürfe zielen auf die Aussagen deutscher und amerikanischer Politiker im Vorfeld der Wiedervereinigung Deutschlands. Ende Januar 1990 hatte der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing erklärt: „Eine Ausdehnung des Nato-Territoriums nach Osten, das heißt, näher an die Grenzen der Sowjetunion wird es nicht geben.“ Ähnlich äußerte sich US-Außenminister James Baker kurz danach: Die militärische Präsenz der Nato werde „keinen Zoll ostwärts“ erweitert. Dies deutet Putin als verbindliche Zusage, dass die Nato keine Staaten aus Osteuropa aufnehmen werde. Sowohl Genscher als auch Baker hatten jedoch nicht über Polen oder gar die Ukraine gesprochen, sondern ausschließlich über Deutschland und die Frage, ob Nato-Kräfte auf dem Terrain der ehemaligen DDR stationiert werden. Sie wären auch gar nicht befugt gewesen, einseitig für die Nato Versprechen abzugeben. Die Beteiligten sagten später, es sei nur um ein wechselseitiges „Abtasten“ gegangen. Der Historiker Heinrich August Winkler urteilt: „Die Legende, der Westen oder die Nato hätten ein solches Versprechen gegeben, stimmt nicht.“
Der Warschauer Pakt hatte zu der Zeit ja noch Bestand. Putins Vorvorgänger Michail Gorbatschow sagte 2014 rückblickend, die Frage einer möglichen Nato-Erweiterung über Deutschland hinaus sei damals „gar nicht aufgetaucht“. Als das Bündnis dann 2004 die ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken sowie Slowenien, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien aufgenommen hat, war Putin schon Präsident Russlands – und hat nicht protestiert. Er sagte laut der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 8. April 2004 bei einem Besuch des Nato-Generalsekretärs in Moskau: „Jedes Land hat das Recht, sich für jene Sicherheitslösung zu entscheiden, die ihm am wirksamsten erscheint.“
Für das Sicherheitsbedürfnis, das in Putins Anklage wegen angeblich gebrochener Versprechen mitschwingt („Sie haben uns einfach abserviert“), hätte er Verständnis verdient – und hat es auch erfahren. Der Vorwurf von Lüge und Betrug fällt ihm nun aber auf die eigenen Füße. Sein Krieg gefährdet die Sicherheit in Europa mehr als alle, die er als Aggressoren schmäht.