Narren in der Nazizeit Bei der Fasnacht Juden verhöhnt

Der angebliche „Zug bereicherungswilliger Betteljuden“ in Villingen: derlei  Verunglimpfungen waren während der Nazizeit bei vielen Zünften an der Tagesordnung Foto: Zimmermann
Der angebliche „Zug bereicherungswilliger Betteljuden“ in Villingen: derlei Verunglimpfungen waren während der Nazizeit bei vielen Zünften an der Tagesordnung Foto: Zimmermann

Die Narrenzünfte zeigten von Anfang an große Nähe zu den Nationalsozialisten. Der Historiker Michael Zimmermann hat das Phänomen erforscht.

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Villingen-Schwenningen - Bis heute wird das Thema Fasnacht und Faschismus oft tabuisiert, zumeist geschönt. Weshalb? Der Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle stellte hatte schon in den 60er Jahren eine beängstigende „Affinität zwischen Narren und Nazis“ festgestellt. Sein Schüler Achim Heim aber behauptete später, die Frage des Verhältnisses von Narren und Nationalsozialisten bedürfe wegen des Fehlens jeder Verbindung zwischen Brauchtumsführern und politischen Führern der Zeit keiner Untersuchung. Sind Narren und Nazis unvereinbare Größen? Doch es gibt Schnittmengen und viele hässliche Beispiele.

Der Haslacher Willy Kern, Inhaber eines Bekleidungshauses, Narrenrat und Nazi, bringt mit seinem Fasnachtspiel 1939 einen „Vorschlag zur Endlösung der Judenfrage“ im Kinzigtal: „Alle Juden werden mit Raketen zum Mars geschossen.“ Die berühmte Bach-na-Fahrt in Schramberg hat der Sonderkommissar für politische Säuberung, Siegfried Kummer, als Fasnachter mit ersonnen; NS-Größen gestalteten dafür als begeisterte Narren ,Judenzuber‘; im Fasnachtsumzug 1939 ließ man in Schramberg eine Narrengruppe als „dreckige Juden armselig mit ihren Koffern ins gelobte Land ausziehen“ – genauso in Laufenburg, in Villingen, in Nußbach bei Oberkirch . . .

Keine Zunft musste gezwungen werden

Flächendeckend wurden zur Fasnacht im Dritten Reich mit Büttenreden, in Narrenzeitungen, bei Umzügen im Land Juden verteufelt; Sinti und Roma verdammt; „Neger“ verunglimpft, Behinderte verhöhnt, „Feinde“ im Innern und Äußeren bedroht und im Bild gemordet; politisch Andersgesinnte nach Strich und Faden fertiggemacht. Bei vielen Narren war die hier zu Tage tretende Feindschaft gegen alles „andere“ nicht Frucht der NS-Propaganda. Kaum eine Zunft musste gezwungen werden, sich ihrer jüdischen Mitglieder zu entledigen; nicht nur die Breisgauer Narrenzunft in Freiburg war der Staatsregierung mit einem selbstverordneten Arierparagrafen um Jahre voraus. Beispielsweise zog 1939 ein schauriger Fasnachtsumzug durch Villingen: „Die Welt im Narrenspiegel“ ist der Nachvollzug der Reichskristallnacht, die Vorbereitung von Völkermord und Krieg. Gehetzt wurde gegen Exilsuchende als „Kofferpatrioten“; gegen „Hebräer, die ins verjudete Amerika abgeschoben werden“ – zu sehen ist ein trojanisches Pferd. Gehetzt wurde gegen „Bändeljuden, die reiche Protzen wurden und nun von uns gingen“, gegen „alle Feinde der Achse Rom-Berlin, deren Wälzlager mit Judenfett geschmiert wird und an der der tschechoslowakische Ministerpräsident Benesch nebst anderen erhängt wird“. Die Fasnachtswagen sind somit vom Vehikel der Kritik zu einem der Propaganda geworden.

Albert Fischer, der Villinger Zunftmeister und Präsident der 1924 gegründeten Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte (VSAN), war eigentlich ein Mann der gemäßigten Zentrumspartei und wollte seine Zunft aus der Politik heraushalten. Im Streben nach „Denkmalschutz“ für seine angeblich historischen Fasnachtsnarren aber hatte er sich in bedenkliche Nähe zu Politik und Wissenschaft begeben. Aus eigenem Antrieb suchte er um Aufnahme in den NS-Kampfbund für deutsche Kultur und in die Reichskulturkammer nach. Den Villinger NS-Bürgermeister Hermann Schneider machte er 1935 zum Ehrennarro und 1936 zum Ehrenpräsidenten der Zunft. Schneider nutzte in der Narrenzeitung sein Amt, um Drohungen gegen Andersdenkende und „Nichtarier“ auszustoßen. Bei der Gründung des Bundes Deutscher Karneval, der die totale Erfassung der Fasnachtsnarren und ihre Instrumentalisierung selbst in Rassefragen zum Ziel hatte, war Fischer auch mit von der Partie, „um hier nichts zu versäumen“.

Als Verbandsvertreter wäre er gern lieb Kind der Regierung gewesen – wie sein Kollege Harry Schäfer vom 1937 unter klaren Vorzeichen gegründeten Verband Oberrheinischer Narrenzünfte. Fischer übersah daher manches; zum Beispiel, dass ein Fasnachter jüdischer Herkunft namens Jakob Bloch im Häs 1933 von anderen Narros als „Saujud“ beschimpft wurde; dass die Narrozeitung 1934 „Arier“ von „getauften Jerusalemern“ zu unterscheiden wusste; dass sie vom KZ Ankenbuck zynisch als „Aufenthalt für Freunde des freien Worts“ berichtete.

NS-Propaganda in der Narrenzeitung

1935 forderte die NS-Regierung den „judenfreien“ Verein. Es verweigerte sich nur die Narrenzunft Schwenningen, was sehr ungewöhnlich war: sie verhöhnte den, „der her zog von Österreich“; verteilte Flugblätter gegen die braunen Machthaber; spann die Fäden zu politischen Widerstandskreisen; überging NSDAP und die NS-Tourismusorganisation „Kraft durch Freude“ bei Veranstaltungsvorbereitungen und konnte sich dem Würgegriff der Nationalsozialisten auf Dauer nicht entziehen. In der Narrenzeitung, die 1934 noch „Zensur“ beklagt hatte, erschien 1938/39 übelste NS-Propaganda – genau wie im Schramberger Organ „Närrische Wahrheit“, im Freiburger „B-lemanne“ oder in der Mühlheimer „Stadtorgel“. Diese Fasnachtspublikation propagierte den Kampf „gegen Rom und Juda“, hetzte gegen Juden – und gegen nicht angepasste Katholiken.

Andere waren schneller auf der Höhe der Zeit: 1937 leiteten die Bräunlinger ihren Necknamen („Schenkelesäger“) davon ab, dass sie „Wucherjuden mit der Holzsäge die Schenkel absägten“. In Rottweil findet sich in einem Narrenbuch 1934 die Gestapo „bei der Arbeit“; man findet die Forderung, „trunksüchtige Ballastexistenzen“ zu beseitigen; die „Fahndung“ nach den Rothschilds. 1935 wurden in Rheinfelden „rassenreine Juden gesucht zur Anlegung eines Naturschutzparkes“, derselbe platte Antisemitismus wie im Pforzheimer Umzug desselben Jahrs. Und 1936 spielt die Zunft zu Mühlheim den „Auszug ins gelobte Land“, in Horb wird der „letzte Meckerer“ in Gestalt eines jüdischen Schneiders mit seinem Geißbock aus der Stadt getrieben. Auch der Hass auf „Zigeuner“ trieb üble Blüten als Parole am Narrenbaum: in Mühlheim 1935, in Tettnang 1937, in Karlsruhe 1938, in Schramberg immer wieder – bis zum Jahr 1954.

Der Historiker und Publizist Michael Zimmermann ( Schwenningen) beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema. Hervorgetreten ist er unter anderem mit Ausstellungen für das Landesarchiv Baden-Württemberg über die Geschichte der jüdischen Familie Gutmann und die Geschichte der Sinti und Roma in der Region Schwarzwald-Baar.

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