Narrengericht in Stockach Kretschmann zu drei Eimern Strafwein verurteilt

Von dpa 

Das Stockacher Narrengericht hat Ministerpräsident Kretschmann zur Zahlung von drei Eimern Wein zu je 60 Litern verdonnert. Gezahlt werden muss die Strafe bis Ende Juni.

Ministerpräsident Kretschmann wurde dem Narrengericht vorgeführt. Weitere Impressionen zeigt unsere Bildergalerie. Foto: dpa 9 Bilder
Ministerpräsident Kretschmann wurde dem Narrengericht vorgeführt. Weitere Impressionen zeigt unsere Bildergalerie. Foto: dpa

Stockach - Für den Kläger des Stockacher Narrengerichts war die Sache klar: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich der Täuschung und Tarnung seit früher Jugendzeit schuldig gemacht. Außerdem natürlich der Anwendung „maoistischer Guerillataktiken“ auf dem Weg in sein Amt. Und der Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung sowieso. Es war eine gesalzene Liste an Vorwürfen, die der diesjährige Angeklagte Kretschmann vor dem „Hohen Grobgünstigen Narrengericht zu Stocken“ zu hören bekam.

Die mehr als 600 Jahre alte Fastnachts-Institution gehört zu den Höhepunkten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht in Baden-Württemberg. Es geht zurück auf den Hofnarren Hans Kuony des Habsburger Herzogs Leopold I. Als Dank für gute Ratschläge erhielt er 1351 das Privileg, jedes Jahr ein Narrengericht abhalten zu dürfen.

Das „sündige Nachtleben“ genossen

Auf der Anklagebank saßen unter anderem bereits Franz Josef Strauß, Guido Westerwelle, Angela Merkel und Philipp Rösler. Im vergangenen Jahr wurde Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler zu drei Eimern Wein zu je 60 Litern verdonnert.

In diesem Jahr musste Winfried Kretschmann auf die Anklagebank. Er sei schon als Jugendlicher nachts aus dem Internat in Riedlingen geflüchtet und habe das „sündige Nachtleben“ genossen, sagte der Ankläger. Inzwischen flüchte er in seine Werkstatt, wenn er zuhause eigentlich abwaschen solle. „Und was tut er dort? Er hört Musik.“

Zudem habe Kretschmann als Landesvater ausgerechnet Mao Tsetung zitiert. „Herr Beklagter, als baden-württembergischer Ministerpräsident zitiert man keine Mao-Sprüche“, sagte der Kläger. Wenn es originell sein solle, zitiere man den ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel. Wenn es ordnungspolitisch sein solle, zitiere man den früheren DFB-Boss Gerhard Mayer-Vorfelder. „Und wenn es mal ein guter Witz sein soll, dann zitiert man Stefan Mappus.“

Parteikollegin Renate Künast war als Zeugin geladen

Kretschmann selbst - mit grauem Anzug, aber leuchtend grüner Krawatte - hörte dem Vorwürfe-Katalog geduldig und schmunzelnd zu. Neben dem Verteidiger hatte er eine prominente Fürsprecherin: Parteikollegin Renate Künast war als Zeugin der Verteidigung geladen. Die Anklage wollte eigentlich CDU-Politiker Friedrich Merz befragen - doch der ließ sich entschuldigen: Er wolle die Verhandlung von einem sicheren Drittstaat aus verfolgen - ein Auslieferungsabkommen bestehe nicht, ließ er mitteilen.

Um ein hartes Urteil des Gerichts zu verhindern, versuchte Kretschmann sich wortreich selbst zu verteidigen: Er sei der Einladung ins badische Stockach aus freien Stücken gefolgt, sagte er. „Auch wenn jeder Schwabe, der sich hierher traut, schon vorsorglich in U-Haft sitzt.“ Die Klage nannte er „abstrus“ und zerlegte sie Punkt für Punkt: Er sei in seinem Leben vieles gewesen - Sitzenbleiber, Kommunist, Schwaben-Spross und manches mehr. „Aber Umwege erhöhen die Ortskenntnis.“

„Verschärft schuldig“

Den Vorwurf des Maoismus konterte er ebenfalls: „Wer in meiner Jugend kein Linker war, hat ja auch keinen Geist“, sagte Kretschmnann. „So musste ich mich auf mein reaktionäres Umfeld zwangsläufig runtersaufen.“ Und dann zitierte er nach eigenen Angaben tatsächlich Rommel: „Lieber einmal voll nach Hause kommen, als immer leer ausgehen.“

Und die angebliche Umkehrung gesellschaftlicher Ordnung? Dass nicht immer die Gleichen regierten, sei in einer Demokratie normal, sagte Kretschmann. „Das müsst ihr mal begreifen, auch wenn eure Seelen so schwarz sind, dass sie im Kohlenkeller noch Schatten werfen.“ Seine Taktik hatte Erfolg: Kretschmann bekam begeisterten, langanhaltenden Applaus.

Ohne Strafe ließ das Gericht aber auch den Ministerpräsidenten nicht laufen: Zwar wurde er in den ersten beiden Anklagepunkten freigesprochen. Der Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung sei er aber „verschärft schuldig“, urteilte das närrische Richterkollegium. Die Strafe: Drei Eimer Wein zu je 60 Litern, außerdem noch 200 Liter Bier. Immerhin: Zum Abschluss wurde ihm die Ehre zuteil, in die Zunft der „Stockacher Laufnarren“ aufgenommen zu werden.