Wenn Natalie O’Hara in Stuttgart nicht probt, dann übt sie. Wenn sie im Café neben der Baustelle das als Aufnahmegerät fungierende Handy näher an sich heranzieht, damit trotz Baulärms akkurat gespeichert wird, was sie sagt, dann erschließt sich, dass es sich sowohl bei den Proben als auch bei den Übungseinheiten um Herzensangelegenheiten handeln muss. „Ich habe die ultimative Traumrolle bekommen“, sagt die 47-jährige Schauspielerin und meint diesmal nicht die Wirtin Susanne Dreiseitl, die sie seit 2008 in der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ verkörpert. Sie probt seit Anfang August die Madame de Tourvel, die Anständige im opulenten Intrigenspiel „Gefährliche Liebschaften“, das am 13. September im Alten Schauspielhaus Premiere hat. „Das ist ein wahr gewordener Traum von mir, weil ich die Rolle spielen wollte, seit ich den Film gesehen habe. Da war ich noch nicht mal Schauspielerin“, sagt Natalie O’Hara zum dumpfen Beat der Baustelle.
Im Film von 1988 spielte Michelle Pfeiffer die Madame de Tourvel. Natalie O’Hara hat ihr unlängst auf Instagram geschrieben und sich überschwänglich für die Inspiration bedankt. Michelle Pfeiffer hat ihr noch nicht geantwortet. Natalie O’Hara jedenfalls sagt, es mache ihr mehr Spaß, die Guten zu spielen, als die Bösen. Sie statte sie „mit Ehrlichkeit“ aus, damit sie nicht langweilig werden: „Mich reizt der innere Konflikt. Ich muss da ganz große Gefühle spielen.“
Tränen nach der Lektüre
Wenn Natalie O’Hara von ihrem anderen Herzensprojekt erzählt, von dem, für das sie in Stuttgart täglich Stunden lang Klavier übt, dann ist oft die Rede davon, dass sie oder andere Projektbeteiligte (Kameramänner oder Zuschauer zum Beispiel) weinen müssen oder zumindest mit den Tränen kämpfen: „Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal von Alice gehört habe, bin ich sofort in Tränen ausgebrochen.“ Damals hat sie die Biografie der Pianistin Alice Herz-Sommer (1903-2014) gelesen, die als jüdische Musikerin das Ghetto Theresienstadt überlebt hat.
Dass aus dieser Lebensgeschichte das Einpersonenstück „Alice – spiel um dein Leben“ wurde, das Natalie O’Hara am 6. Oktober im Alten Schauspielhaus mit intensivem Klaviereinsatz aufführt, hat viel mit Stuttgart zu tun: Kim Langner, die Tochter des ehemaligen Intendanten der Schauspielbühnen Manfred Langner, schrieb ihr das Einpersonenstück 2018 auf den Leib. Und als Natalie O’Hara kurz vor der Uraufführung im Oktober 2022 in Hamburg realisierte, dass sie keine öffentliche Förderung für das Stück erhalten würde, sondern es selber produzieren und finanzieren musste, stellte das Stuttgarter Klavierhaus Piano Fischer die Verbindung zum Flügelhersteller Bechstein als Sponsor her.
„Viel krasser als in meinen kühnsten Träumen“
Natalie O’Hara spielt in dem Stück nicht nur die titelgebende Pianistin, sondern unter anderem auch „Juden, Nazis, gute Tschechen, böse Tschechen“. Die Premiere, erzählt sie, sei ein „unfassbarer Erfolg“ gewesen. Sie habe den Schlussapplaus vorher „bestimmt 100 mal visualisiert, um mich auf Erfolg zu programmieren“, aber er sei dann „noch viel krasser als in meinen kühnsten Träumen“ ausgefallen, „Es ist uns gelungen, eine kleine Theaterperle zu kreieren“, schwärmt Natalie O’Hara, „das hat mir eine tiefe Freude und Befriedigung gebracht, die noch weiter geht als das abgefeiert werden.“
Die gebürtige Göttingerin, die mit ihrem Mann auf Mallorca wohnt, hat in Deutschland eine Entwicklung beobachtet, die weitergehende Perspektiven sinnvoll erscheinen lässt: „Seit Corona“, sagt sie, beobachte sie eine „krasse Polarisierung“ hierzulande: „Ich verstehe nicht, weshalb wir verlernt haben, zu diskutieren. Ich versuche, dem mit meinen Arbeiten vielleicht kleine Lichtpunkte entgegenzusetzen.“
Gerne geht sie in Stuttgart spazieren
Für eigene Lichtblicke geht sie – wenn sie nicht gerade probt oder übt – auch bei ihrem vierten mehrmonatigen Stuttgart-Aufenthalt gerne in der Stadt spazieren. Wenn man sie neben der lärmenden Baustelle fragt, was beim „Bergdoktor“ passiert, der für Millionen Zuschauer auch einen Lichtblick bedeutet, dann sagt sie freundlich, dass sie dazu ja nichts sagen dürfe. Aber andeuten, dass die Verantwortlichen erkannt haben, dass die Titelfigur, der Arzt Martin Gruber, nicht jünger wird, darf sie schon: „Das geht nicht für immer, dass man ihn durch die Beziehungen hüpfen lässt.“