Jedem Technikfreak schlägt das Herz höher, wenn er sich mit der Stromtrasse Suedlink beschäftigt, die über 673 Kilometer von Brunsbüttel an der Nordsee bis Großgartach bei Heilbronn reicht. So wird ein neuartiges Kabel mit 525 Kilovolt Spannung verlegt, das deutlich mehr Leistung übertragen kann als die seither genutzten Kabel. Es wird Gleichstrom transportiert, weil es dabei weniger Verluste unterwegs geben wird. Unter bebauten Gebieten werden die Rohre im „Horizontalbohrverfahren“ verlegt. Und im allerletzten Abschnitt verlaufen die Kabel sogar 200 Meter unter der Erde in Bergwerken.
In der breiten Öffentlichkeit spielt Suedlink indes kaum noch eine Rolle. Seit die Bundesregierung 2015 entschieden hat, dass die Stromautobahn auf der kompletten Länge als Erdkabel realisiert wird, ist der ganz große Aufschrei verstummt. Man wird eben, wenn die Rohre in 1,5 Meter Tiefe vergraben und die Äcker rekultiviert sind, nichts mehr sehen von der Trasse. Auch der vermeintliche Elektrosmog hält sich in Grenzen. Strommasten hätten ein ganz anderes Widerstandspotenzial gehabt.
Suedlink kostet rund zehn Milliarden Euro
Allerdings hat sich das Projekt nicht nur durch diese Neuplanung massiv verzögert – zunächst hätte Suedlink dieses Jahr eingeweiht werden sollen, dann war 2025 geplant, nun spricht Transnet BW, einer der zuständigen Netzbetreiber, von frühestens Ende 2028.
Insgesamt rechnet Transnet BW mit Kosten von rund zehn Milliarden Euro. Allerdings, so betont Transnet-Sprecher Alexander Schilling, fielen derzeit jährlich hohe Kosten an, um die bestehenden Stromengpässe zu beseitigen – im Jahr 2021 seien das allein zwei Milliarden Euro gewesen. Diese Kosten würden sich deutlich verringern. Klar ist aber auch: Das Eigenkapital der Betreiber beim Netzausbau wird gut verzinst; bisher waren es 6,91 Prozent, ab 2024 hat die Bundesnetzagentur den Zinssatz auf 5,07 Prozent gesenkt.
Über 16 Kilometer verlaufen die Kabel im Bergwerk
Auch an der Notwendigkeit von Suedlink scheint es keinen Zweifel mehr zu geben. Diese Fernleitung soll, so lautet das ewig wiederholte Mantra, den Windstrom vom Norden in den Süden schaufeln und, wenn an der Nordsee mal Flaute ist, auch den Photovoltaikstrom vom Süden in den Norden. Eine Prognose für 2030 weist ein Stromdefizit von rund 40 Terawattstunden in den südlichen Bundesländern aus, während im Norden ein Überschuss von 130 Terawattstunden erwartet wird. Die EU und der Bund haben das Projekt deshalb stark privilegiert.
Mittlerweile läuft das Planfeststellungsverfahren, in dem die Bundesnetzagentur den grundstücksgenauen Verlauf der Trasse endgültig festlegt. Sehr weit ist der letzte Abschnitt bei Heilbronn – dort werden die Kabel über 16 Kilometer in den Stollen der dortigen Salzbergwerke verlegt. Alexander Schilling rechnet deshalb dort mit einem Baustart im nächsten Jahr. Sukzessive sollen weitere Abschnitte in Angriff genommen werden, sobald die Bundesnetzagentur grünes Licht gibt. Vorher müssen noch die Verhandlungen mit den Besitzern der Grundstücke geführt werden, die eine Entschädigung erhalten.
Gegner wollen regionale Verteilnetze ausbauen
Doch noch immer gibt es Widerstandsnester, die den Bau von Suedlink für falsch halten. Auch ihr Herz schlägt höher, aber eher aus Wut und weil sie nicht verstehen, warum an dem Projekt festgehalten wird. In Baden-Württemberg gibt es keine Bürgerinitiativen gegen Suedlink, ansonsten aber in allen Bundesländern entlang der Trasse. Daneben äußern sich auch Organisationen wie der BUND und auch einige Wissenschaftler kritisch.
Das Haupt-Gegenargument: Viel wichtiger sei es, regionale Verteilnetze auszubauen – dann könnte überall der Strom aus Windkraft und Photovoltaik direkt eingespeist und verbraucht werden. Werner Neumann, der Sprecher des BUND-Arbeitskreises Energie, propagiert einen „zellularen Ansatz“, bei dem Stromüberschüsse und -defizite zwischen einzelnen Häusern, Vierteln, Städten oder Kreisen geregelt werden. Auch der VDE, einer der größten Technologie-Organisationen Europas, hält diesen Ansatz mittlerweile für sehr interessant und untersucht ihn.
Sind die Umspannwerke ein Angriffsziel?
Die Politik und auch die Bundesnetzagentur weigerten sich aber seit Jahren beharrlich, diese Ansätze in die Netzplanung aufzunehmen, sagt Werner Neumann. Dabei könnte der Fernleitungsausbau auf diese Weise um die Hälfte geringer ausfallen. „Mittlerweile muss man auch bedenken, dass die großen Konverterstationen zum Angriffsziel werden könnten“, ergänzt Neumann. Dann falle die komplette Fernleitung aus. In den Konvertern am Anfang und Ende einer Leitung wird der Gleichstrom in Wechselstrom verwandelt. Er glaubt, dass Landkreise und einzelne Bauern wegen der Umweltbelastung auch Klage erheben werden.
Der in der Szene bekannte emeritierte Wirtschaftsprofessor Lorenz J. Jarass ist zuletzt in einer Studie ebenfalls zu dem Ergebnis gekommen, dass der Netzausbau „weit überdimensioniert“ sei. Zudem wachse die Gefahr „dynamischer Netzzusammenbrüche“, je großräumiger die Leitungen seien.
Öko-Institut hält sogar stärkeren Ausbau für erforderlich
Jarass hat deshalb vorgeschlagen, den überschüssigen Windstrom im Norden direkt in Wasserstoff umzuwandeln und diesen dann an die Orte zu transportieren, wo er als Energieträger benötigt werde. Die Kosten dafür seien um 60 Prozent niedriger als die geplanten Stromautobahnen. Wenn man dafür genügend Kapazitäten an der Nordsee aufbaue, könnten Suedlink und auch Südostlink komplett überflüssig werden. Allerdings geht bei der Umwandlung von Strom in Wasserstoff ein bedeutender Teil der Energie verloren.
Das Öko-Institut in Freiburg hält auch deshalb den Netzausbau insbesondere von Suedlink für erforderlich. Gerade im Norden werde der Zubau an On- und Offshore-Windkraftanlagen immens sein, sagte die Ingenieurin und Energieexpertin Franziska Flachsbarth, sodass viel Strom abtransportiert werden muss. Zudem werde der Strombedarf, etwa durch Elektromobilität, auch im Süden gewaltig wachsen. „Der Netzausbau müsste eigentlich noch stärker sein“, so Flachsbarth. Allerdings ist auch sie der Meinung, dass bei künftigen Projekten stärker darauf geachtet wird, dass Alternativen berücksichtigt werden – wie etwa die Stärkung des regionalen Verteilnetzes oder schlicht Bemühungen um das Einsparen von Strom.
Werner Götz, der Geschäftsführer von Transnet BW, zeigt dagegen klare Kante. Natürlich seien dezentrale Lösungen wichtig, um die Energiewende voranzubringen. „Aber am Ausbau des Übertragungsnetzes führt kein Weg vorbei. Alle anderen Behauptungen sind unseriös und volkswirtschaftlich nicht tragbar“, so Götz.
Ultranet
Projekt
Noch eine zweite Fernleitung wird nach Baden-Württemberg führen. Es handelt sich um Ultranet – die Trasse reicht von Osterath in Nordrhein-Westfalen über 340 Kilometer bis nach Philippsburg in Baden-Württemberg. Sie ist oberirdisch auf Masten, verläuft aber laut Transnet BW in großen Teilen auf bestehenden Trassen.
Stand
Für den Abschnitt im Südwesten ist das Planfeststellungsverfahren schon sehr weit fortgeschritten. Das Umspannwerk in Philippsburg, das bereits auf dem Areal des ehemaligen Kernkraftwerks gebaut wird, soll 2024 fertig sein. Ultranet selbst soll 2026 in Betrieb gehen. fal