Antonio Rüdiger hat ein klares Vorbild vor Augen: Képler Laveran Lima Ferreira, geboren im brasilianischen Maceió, sportlich groß geworden beim FC Porto und bei Real Madrid und besser bekannt unter seinem Kampfnamen Pepe. Gefürchtet wäre jedoch treffender ausgedrückt. Sein Ruf eilt dem portugiesischen Abwehrrecken noch mit 41 Jahren voraus. „Er spielt sehr rustikal“, hat Rüdiger einigen Kinderreportern über den ältesten EM-Profi kurz vor der Heim-EM in Herzogenaurach erklärt. Wie er selbst, doch das musste der Nationalspieler nicht anfügen. Das ahnte jeder im Saal, und wer den Innenverteidiger schon beim Fußball erlebt hat, weiß das.
Rüdiger will einem Stürmer nicht nur den Ball abnehmen, er will ihm körperlich Furcht einflößen, ihn mental zermürben – mit allen erlaubten Mitteln und, wenn es sein muss, mit weniger erlaubten. Das ist das Selbstverständnis des Abwehrspielers, der sich in Stuttgart zum Bundesliga-Profi kämpfte, in der italienischen Serie A eine taktische Fortbildung genoss, in der englischen Premier League zur Weltklasse aufstieg und in Spanien mit Real nationale und internationale Titel gewonnen hat.
Das neue Kraftzentrum
So tritt der 31-Jährige auch auf, von sich überzeugt und mit dem Anspruch, in der Nationalelf ebenfalls Großes erreichen zu können. Das Achtelfinale ist nicht genug. Gewohnt furchtlos stellte sich Rüdiger beim 2:0-Sieg den ungarischen Angreifern entgegen. Mit Jonathan Tah bildet er in der Abwehrmitte ein Kraftzentrum aus Muskeln, Geschwindigkeit und Willenskraft. An ihnen prallt jedoch nicht jeder gegnerische Angriffsversuch ab. Die Konteranfälligkeit bleibt zum Beispiel ein Thema, da sich die Viererkette weit in die gegnerische Spielhälfte vorschiebt, um den Gegner einzuschnüren. Das gibt den schnellen Stürmern bei Ballverlusten natürlich Räume zum Umschalten.
Doch Rüdiger und Tah sind durch ihr Tempo in der Lage, zum einen die Gegner einzuholen und zum anderen diese Spielweise erst zu ermöglichen. „Die Zusammenarbeit mit Jonathan passt sehr gut“, sagt Rüdiger. So gut, dass die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Stuttgart erstmals seit 2016 wieder eine Turnierpartie ohne Gegentor bestritt. Während der EM in Frankreich war es das 3:0 gegen die Slowakei im Achtelfinale. „So lange ist das schon her? Diesmal dürfen wir uns dafür bei Manuel Neuer bedanken“, sagt Rüdiger.
Der Torhüter reagierte einige Male glänzend, hat jedoch eine Elf vor sich, in der sich selbst die Zauberfüße Jamal Musiala, Florian Wirtz und Ilkay Gündogan nicht aus der Defensivarbeit herausnehmen. „Wir brauchen das, um eine gute Balance zu finden“, sagt Rüdiger. Denn im Gleichgewicht entwickelt die DFB-Elf eine neue spielerische Reife und eine höhere Widerstandsfähigkeit. Nach der Führung durch Musiala (22.) erhöhte Gündogan (67.) in einer Phase, als die Ungarn daran waren, mehr Mut zu schöpfen.
Diese Resilienz wird das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann weiter benötigen. Nicht nur, um am Sonntag (21 Uhr/ARD) in Frankfurt den Gruppensieg im direkten Duell mit der Schweiz perfekt zu machen. „Wir wollen Erster werden, das ist wichtig. Das hat mit dem möglichen Gegner zu tun, auch wenn man da Dinge voraussetzt, die man nicht beeinflussen kann. Es könnte sein, dass der Gegner dann nicht der Riesenbrocken ist. Aber das gibt auch eine Wirkung nach innen und nach außen, wenn du die Gruppe als Erster beendest“, so Nagelsmann.
In der Vorbereitung wird der Bundestrainer darüber nachdenken müssen, ob er die zusammenwachsende Stammformation mit Blick auf die erste K.-o.-Begegnung verändert. Gerade in der Abwehr. Rüdiger und Tah sind ebenso mit einer Gelben Karte belastet wie der Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt vom VfB Stuttgart. Dazu noch der Mittelfeldspieler Robert Andrich. Eine zweite Verwarnung zieht eine Sperre nach sich.
„Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass wir möglichst viele Spieler von der ersten Elf auf dem Platz haben, um uns einfach den Rhythmus zu holen“, plant Nagelsmann keine Rotation – aber: „Es kann natürlich sein, dass wir ein, zwei Spieler durchwechseln.“ Jedoch nicht aus Verletzungsgründen.
Das könnte in der Innenverteidigung die EM-Tür für Waldemar Anton öffnen. Der Stuttgarter steht wie der Dortmunder Nico Schlotterbeck und der Frankfurter Robin Koch parat, überzeugte bei seinem Startelfdebüt im Nationaltrikot gegen die Ukraine (0:0) und gilt als die Verlässlichkeit in Person. Das Risiko, zumindest einen der beiden Innenverteidiger zu schonen, erscheint deshalb überschaubar. Für Rüdiger, den heißesten Zweikämpfer seit Képler Laveran Lima Ferreiras Blütezeit, spielt die Vorbelastung jedoch keine Rolle. „Ob Gelb oder nicht – ich bin bereit“, sagt Rüdiger – wie es sein Vorbild Pepe seit mehr als 20 Jahren ist.