Nationalmannschaft Das Team von Julian Nagelsmann: wie eine Wundertüte mit Knallefekt

Nachdem die WM-Tickets gelöst sind, blickt Bundestrainer Julian Nagelsmann ehrgeizig in Richtung des Endturniers in den USA, Mexiko und Kanada. Foto: IMAGO/osnapix

Dank des furiosen Gruppenfinales gegen die Slowakei landet die DFB-Elf bei der WM-Auslosung im Topf mit den großen Favoriten. Gehört das Team von Julian Nagelsmann schon dazu?

Sport: Carlos Ubina (cu)

Die Chance hat sich ergeben – und die Versuchung ist groß gewesen für Julian Nagelsmann. Da hatte die deutsche Nationalmannschaft in einem furiosen Gruppenfinale die Slowakei gerade mit 6:0 besiegt und die direkte WM-Qualifikation auf begeisternde Weise klar gemacht, nun wurde dem Bundestrainer nach all dem berechtigten Lob über die glänzende Leistung in Leipzig die Frage nach der wirklichen Stärke dieser wundersamen Elf gestellt: Ob Nagelsmann die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit Blick auf die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr bereits auf Augenhöhe mit den besten Teams der Welt sähe – Argentinien, Spanien, Frankreich?

 

Wie ein Steilpass in den Strafraum wirkte dieser Moment für den früheren Verteidiger. Nagelsmann hätte verbal nur einzuschieben brauchen, er hätte eine Kampfansage an die Topfavoriten machen oder sein Titelversprechen wiederholen können. Aber er überlegte einen Augenblick zu lange, um auszusprechen, was ihm durch den Kopf ging.

In der Regel ist das groß, ambitioniert, forsch. Nagelsmann verfolgt den amerikanischen Traum vom fünften WM-Stern beim Turnier in Nordamerika. „Ich sage jetzt nicht, was ich denke. Das ist besser so“, meinte Nagelsmann, der zuletzt für seine Ansagen und Analysen viel Kritik einstecken musste. Denn sie führten zu überhöhten Erwartungen und ständigen Rochaden.

Das ergab mächtig Druck und berechtigte Zweifel vor dem Anpfiff. Bei einer Niederlage gegen die Slowakei und den damit verbundenen Play-off-Spielen wäre mit Sicherheit die Grundsatzdebatte darüber losgegangen, ob dieser Trainerjüngling noch der Richtige für die DFB-Mannschaft ist. Einen Sieg später verspürte der Bundestrainer allerdings keine Genugtuung. „Das hat immer so einen negativen Beigeschmack. Ich bin glücklich und freue mich für die Mannschaft“, sagte er.

Geschlossen und entschlossen war die DFB-Elf aufgetreten und hatte sich für die Auslosung am 5. Dezember in Washington in Topf eins mit den großen Nationen katapultiert. Dennoch bleibt abzuwarten, ob Nagelsmann nach den anfänglich blamablen und mühsamen Partien gegen die Nummer 46 (Slowakei), die Nummer 69 (Nordirland) und die Nummer 97 (Luxemburg) der Welt nun zu einer neuen Bescheidenheit und Besonnenheit findet.

Bescheiden im Auftreten und besonnen beim Arbeiten, da das Nationalteam weniger einen hyperaktiven Architekten benötigt, der ständig neue Pläne einbringt, als vielmehr einen Baumeister mit ruhiger Hand, der zunächst ein stabiles Gerüst hinstellt.

Souverän war nach einigen Planänderungen von Nagelsmann in Sachen Personal und Taktik nur das Ende der Qualifikationsmonate mit dem 6:0 über die Slowakei mit Toren von Leroy Sané (36./41.), Nick Woltemade (18.), Serge Gnabry (29.) sowie der eingewechselten Ridle Baku (67.) und Assan Ouédraogo (79.). Vergessen schien nach dem Abpfiff schon wieder, was sich drei Tage zuvor im Stade de Luxembourg abgespielt hatte – beim ernüchternden 2:0-Sieg, der sich beinahe wie eine Niederlage gegen den Fußballzwerg angefühlt hatte.

„Wir können nicht immer von Schwarz auf Weiß kippen in 90 Minuten, das ist mir zu einfach“, sagte Nagelsmann. Doch das DFB-Team scheint sich zwischen den Extremen zu bewegen. Mal ist es wie eine Wundertüte mit Knalleffekt, mal wie eine Wundertüte ohne zündende Idee – aber es steckt immer noch viel an spielerischem Potenzial drin. Dieses herauszukitzeln, hat sich Nagelsmann zur Aufgabe gemacht – mit dem Schwerpunkt letztlich ein WM-Aufgebot zu benennen, das nicht nur die besten Spieler, sondern ebenso die passenden Charaktere zusammenführt. „Der Mannschaftsgeist steht über allem“, sagte Nagelsmann zu seinem Auswahlkriterium.

Wie bei der Heim-EM 2024 sollen die Nationalspieler klar definierte Rollen erhalten und ausfüllen. Auf Namen festlegen, will sich der Bundestrainer aber noch lange nicht, selbst wenn er eine Idealvorstellung seines Kaders im Kopf hat – in einer guten Mischung aus Erfahrung und Unbekümmertheit. Denn bisher hat ihn die Realität gerne abgegrätscht. Seit Monaten fehlen die verletzten Jamal Musiala, Kai Havertz, Antonio Rüdiger und Marc-André ter Stegen.

Prominenz, die bei einer Rückkehr nicht nur mehr Optionen ergibt. Vor allem lässt sich mit den wiedererstarkten Sané und Gnabry (wenn sie nur immer so gespielt hätten) sowie dem aufstrebendem Woltemade und dem spielfreudigen Florian Wirtz eine Elf mit immenser Offensivqualität formen.

Theoretisch. Praktisch sieht der Bundestrainer nun eine Sichtungsphase vor sich. „Die nächsten vier Monate werden viel mit Scouting und Gesprächen zu tun haben“, sagte der Bundestrainer. Auch mit Bundesligatrainern. Denn erst im März trifft sich die DFB-Auswahl wieder. Dann auch in Stuttgart – und vielleicht eröffnet sich für Nagelsmann nach dem Testspiel in der MHP-Arena gegen die Elfenbeinküste am Montag, 30. März eine neue Chance, um seine wahren Gedanken zu äußern.

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