Nationalmannschaft in der Nations League Kai Havertz – findet der Heimatlose nun seinen Platz im DFB-Team?

Der Nationalspieler Kai Havertz macht auf sich aufmerksam. Foto: imago//Maximilian Koch

Dem Offensivspieler fehlt in der Nationalmannschaft häufiger das Abschlussglück, doch seine Bedeutung wird immer größer. In neuer Rolle blüht der 25-Jährige dabei auf.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Kai Havertz hat sein Revier markiert: den Strafraum. Laut einer Statistik war er der deutsche Fußball-Nationalspieler, der während der Heim-EM die meisten Ballkontakte kurz vor dem gegnerischen Tor hatte. Dort, wo es hart zugeht. Dort, wo Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden zu treffen sind. Dort, wo es wichtig wird. Der 25-Jährige fühlt sich im Sechzehnmeterbereich wohl. Auch, wenn er nicht als klassischer Mittelstürmer agiert.

 

„Mir macht es am meisten Spaß dort, deswegen bin ich jemand, der da auch die Bälle fordert und verlangt und die Tiefenläufe macht, um die Bälle dort zu empfangen“, sagt Havertz im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Nicht, um ausschließlich den Ball am Ende eines Angriffs über die Linie zu drücken, sondern: um Räume für andere zu schaffen und die Mitspieler in Szene zu setzen.

Glänzend zwischen Musiala und Wirtz

Beim 5:0 zum Auftakt der Nations League führten in der Düsseldorfer Arena viele Wege des Offensivspielers wieder in den Strafraum der Ungarn. Allerdings aus einer anderen Position heraus als bei der Europameisterschaft. Havertz spielte hinter der Spitze Niclas Füllkrug, in einer Reihe mit Jamal Musiala und Florian Wirtz. Das ergibt sechs feine Füße mit reichlich Tempo in den Beinen. Davor war er der Neuner – und kann es wieder sein. Ein moderner, kein klassischer.

So oder so. An diesem Dienstag (20.45 Uhr/RTL) in Amsterdam gegen die Niederlande dürfte Havertz erneut eine wichtige Rolle einnehmen. „Er hat in den vergangenen beiden Jahren einen großen Schub gemacht. Er hat das Potenzial zur Weltklasse auf vielen Positionen“, sagt der Bundestrainer Julian Nagelsmann, der ihn schon als linken Schienenspieler aufgeboten hat.

Geradezu heimatlos auf dem Feld wirkte Havertz eine Zeit lang in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Weil er aufgrund seiner Flexibilität in der Offensive ständig einen anderen Posten erhielt. Mal rechts, mal Mitte, mal gar nicht. Beim FC Arsenal spielt er jedoch ausschließlich im Zentrum des Sturms, mit seiner Schnelligkeit und technischen Finesse. Das Vertrauen von Clubtrainer Mikel Arteta ist groß in den früheren Leverkusener. Ohnehin hat ihn das Spiel in England verändert. „Früher, noch in Deutschland, war ich ein Spieler, der nicht so gerne Körperkontakt hatte, der nicht so viel in Zweikämpfe gegangen ist, da habe ich oft ein bisschen drum herum gespielt. Mittlerweile ist es ganz anders“, sagt Havertz, der zuvor beim FC Chelsea unter Vertrag stand.

Mit frischem Selbstbewusstsein tritt der Champions-League-Gewinner von 2021 nun auch in der Nationalmannschaft auf. Selbst wenn er immer etwas zurückhaltend und distanziert wirkt. Wie der DFB-Kapitän Joshua Kimmich erzählt, ist er es im Mannschaftskreis aber nicht, sondern locker und lustig. Um ihn aus der Reserve zu locken, hat ihn Nagelsmann zum Co-Kapitän befördert. An der Seite von Antonio Rüdiger und hinter Kimmich.

Beförderung durch den Bundestrainer

Das verdeutlicht Havertz’ gewachsene Bedeutung im DFB-Team. Vom Ausnahmetalent zur Führungskraft, wenn man so will. Er rückt in die oberste Hierarchieebene auf, nachdem die erfahrenen Toni Kroos, Manuel Neuer, Ilkay Gündogan und Thomas Müller nicht mehr dabei sind. „Das tut ihm gut“, sagt der Bundestrainer, „er ist ein schlauer Mensch, sehr reflektiert. Ich hoffe, dass er weiter an sich glaubt.“

Immer mal wieder überkamen Havertz Selbstzweifel. Inzwischen ist mit seinen 52 Länderspielen (19 Tore) und durch seinen Werdegang in der Premier League gereift. Er sei gar ein anderer Spieler geworden, meint der 1,93 Meter große Profi selbst. Das private Glück kommt hinzu. Nach dem geplatzten Titeltraum bei der EM heiratete der gebürtige Aachener seine Freundin Sophia auf einem Schloss in Bergisch Gladbach. Sportlich will er ebenso auf Wolke sieben schweben. Mit dem FC Arsenal, mit dem Havertz die Meisterschaft anstrebt, und mit der Nationalelf, die in zwei Jahren den Weltmeistertitel gewinnen will.

Zunächst steht aber die Begegnung mit den Niederländern an. Geeignet, um die jetzt gezeigte Stärke zu bestätigen. Als Mannschaft, aber ebenso als Einzelner. Denn für Havertz ist die Konstanz auf höchstem Niveau der nächste Schritt in seiner Karriere. Zudem will er effizienter werden. Gegen Ungarn reichte es am Ende zu einem Elfmetertreffer. Davor hatte er jedoch mehrere Möglichkeiten vergeben, dabei landeten ein Kopfball und ein Schuss jeweils an der Latte. „Er läuft unglaublich viel und ist sehr clever geworden. Ihm fehlt manchmal nur ein bisschen das Abschlussglück“, sagt Nagelsmann über den Mann, der in seinem Revier öfter treffen will.

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