Nationalpark Schwarzwald Kretschmann schwärmt von der Wildnis für Jahrhunderte
Ministerpräsident Kretschmann besucht den Nationalpark Schwarzwald. Er schaut sich an, was durch das 1200 Hektar großen Erweiterungsgebiet entstanden ist.
Ministerpräsident Kretschmann besucht den Nationalpark Schwarzwald. Er schaut sich an, was durch das 1200 Hektar großen Erweiterungsgebiet entstanden ist.
„Nicht vergessen“, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon im Shuttlebus auf den serpentinenreichen Wegen zum Schurmsee. „Das ist ein Projekt, das auf 600 Jahre angelegt ist.“ Gerade hat Berthold Reichle, einer der beiden Nationalparkleiter, erklärt, dass die Kernzonen des Nationalparks „unsere Heiligtümer“ sind, dass das Parkmanagement den Nachbarn, deren Gärten unmittelbar an der Nationalparkgrenze endet, aber auch entgegenkommt: Dafür sind die Managementzonen an den Rändern der Siedlungsgebiete da. Dort gilt kein Betretungsverbot wie in den Kernzonen des Nationalparks. Stattdessen können die Leute, so wie sie es gewohnt sind, im angrenzenden Wald Pilze oder Heidelbeeren suchen oder spazieren gehen. „Durch solches Entgegenkommen in den Randzonen schaffen wir Vertrauen“, erklärt Reichle.
Kretschmann, der an diesem nebeligen Tag gemeinsam mit Umweltministerin Thekla Walker zu Besuch am Ruhestein im Nordschwarzwald gekommen ist, weiß ganz genau, wovon die Rede ist. Er erinnert sich nur zu gut an die Anfangszeiten, als seine Regierung die Errichtung eines Nationalparks in Baden-Württemberg durchgesetzt hat. „Damals bei der Gründung, die Halle in Baiersbronn – das war ein Hexenkessel“, erzählt Kretschmann in der Erinnerung an den Widerstand vor Ort. Es war alles andere als leicht, die Bevölkerung für das Projekt zu gewinnen. Am 1. Januar 2014 wurde der Nationalpark offiziell gegründet. Und heute, wo Kretschmann die letzten Tage und Wochen seiner Amtszeit als Ministerpräsident in Baden-Württemberg absolviert, ist er sicher, hier ein Erbe „für unsere Kinder, Kindeskinder und Urenkel“ geschaffen zu haben. „Selbst wenn ich sonst nichts anderes hinbekommen hätte, was nicht der Fall ist, hätte es sich deshalb schon gelohnt.“
Kaiserwetter herrscht nicht an diesem Tag im Nordschwarzwald, eher im Gegenteil. Und Kretschmann steht auch nicht wie der Wanderer über dem Nebelmeer, den Caspar David Friedrich eins gemalt hat, auf dem Diebaukopf und kann runterschauen auf das Land, das er nun seit 15 Jahren regiert. Dieser Teil der Wanderung wurde schon vor dem Start gestrichen. Denn dort war der Nebel wirklich undurchdringlich. Man muss schon Ranger sein, um wie Berthold Reichle und seine Kollegen sagen zu können, dass das Wetter „eigentlich perfekt“ oder jedenfalls typisch für einen Besuch im Nationalpark sei: Der Nebel ist dicht, das Nieseln stetig und beim Gang durch den Wald schälen sich die Umrisse der Tannen teilweise erst langsam und schemenhaft aus den grauen Schleiern der Atmosphäre hervor.
An diesem Apriltag ist Kretschmann zum ersten Mal im 1200 Hektar großen Erweiterungsgebiet des Nationalparks. Zugleich ist es sein letzter amtlicher Besuch als Ministerpräsident. Er hofft, wie er auf der Runde um den Schurmsee erzählt, dass er künftig als „gemeiner Bürger“ mindestens einmal im Jahr zurückkommen kann. Dann will er gerne länger bleiben als die zwei Stunden, bei denen es bisher in seiner politischen Funktion immer maximal geblieben ist.
Der Schurmsee selbst – ein Kar, das die Eiszeitgletscher geformt haben – liegt mitten im Erweiterungsgebiet, mit dem die bisher zwei Nationalparkteile jetzt zu einem mehr als 10 000 Hektar großen zusammenhängenden Gebiet verbunden worden sind. Am diesem Montag wird das abends mit einem Festakt im Neuen Schluss in Stuttgart noch einmal offiziell und groß gefeiert.
Doch vorerst steht Kretschmann im Wald und kann genießen, was dort ist und was dort fehlt. Wenn alle Begleiter drei Minuten ganz still sind, die Kretschmann und Thekla Walker bei dieser Wanderung folgen, kann man hören, was dieser Lückenschluss bedeutet: Dann ist tatsächlich nur Vogelgezwitscher in der Luft. Geräusche, die von der eben nicht ganz so nahe gelegenen Zivilisation künden könnten? Straßenlärm? Hintergrundlaute? An diesem Ort gibt es sie nicht.
Ein paar hundert Meter weiter steht eine besonders stolze, 250 bis 300 Jahre als Weißtanne am Wegrand. Sie widmet die Nationalparkverwaltung Kretschmann. Ein Schild soll dort später angebracht werden, ebenso an der Säulenfichte – der höchsten Fichte im Land, wie die Ranger betonen – die Umweltministerin Walker für ihren Beitrag zur Nationalparkentwicklung gewidmet wird. Walker dankt Kretschmann für seinen Einsatz bei der Gründung und Weiterentwicklung des Nationalparks. Ohne ihn, da ist sie sich sicher, wäre das ganze Projekt nicht möglich gewesen.
Dass hier Wildnis erlebt werden kann, ist für Kretschmann die zentrale Errungenschaft, die durch den Nationalpark im Schwarzwald erst möglich wird. „Das ist etwas Großes“, sagt er zum Abschied. „Ein Nationalpark – das ist ein echtes, nationales Projekt“.