Nationalspieler des VfB Stuttgart So denkt Angelo Stiller über die Belastungen im Fußball

Spürt nun auch die Mehrfachbelastung: VfB-Profi Angelo Stiller Foto: imago//Julien Becker

Mehr Spiele, weniger Pausen: Die Spitzenprofis leiden unter der Terminhatz im Fußball – zu beobachten auch bei der DFB-Elf um Angelo Stiller vor den Partien in der Nations League.

Sport: Marco Seliger (sem)

Spötter könnten in diesen Wochen der Debatten über die hohe Belastung für Fußballprofis einwenden, dass die deutsche Nationalelf in den vergangenen Jahren ja stets für eine gesunde Regeneration gesorgt hat – indem sie sich regelmäßig seit 2018 frühzeitig von den großen Turnieren verabschiedete. Als die anderen um den Titel spielten, lagen die Deutschen am Strand. Billige Sprüche oder Witze dieser Art aber macht in dieser Lage am Limit keiner mehr. Zu ernst ist die Problematik um die großen Strapazen für die Spieler auf dem höchsten Niveau.

 

Zu beobachten ist das nun auch bei der DFB-Elf – die bei den Partien in der Nations League an diesem Freitag in Bosnien (20.45 Uhr/RTL) und am Montag in München gegen die Niederlande (20.45 Uhr/ZDF) auf eine Vielzahl an Akteuren verzichten muss. Jeder Verletzungsfall ist dabei anders gelagert, und ob jeder einzelne etwas mit der Terminhatz zu tun hat, wird sich nie beweisen lassen.

Was klar ist: Die Belastung und damit die Verletzungsgefahr steigt – was Kapitän Joshua Kimmich vor den beiden anstehenden Spielen aufstöhnen lässt „Es ist verrückt“, sagt er: „Gefühlt ist die halbe Mannschaft weg und sind zehn Neue dabei.“ Es sei, so Kimmich weiter, „schwierig, das aufzufangen“.

Der berühmte Rhythmus

Das ist es wohl. Ein Trost, der in dem Fall eher keiner ist: Die DFB-Elf ist mit diesen Problemen nicht allein. Denn alle internationalen Spitzenspieler, die in Europas Topligen bei den Topclubs aktiv sind, sind davon betroffen – und damit auch ihre Nationalteams. Die Problematik liegt auf der Hand: Die Profis sind permanent unterwegs, im berühmten Drei- oder Viertagesrhythmus sind sie im Einsatz.

Die gefragtesten Vielspieler werden am Ende der Saison 2024/25 bei mehr als 60, 70, in Extremfällen vielleicht sogar 80 Einsätzen stehen, während ihre Kollegen, die nur in nationalen Wettbewerben aktiv sind, bei 35 oder 40 Pflichtspielen landen werden.

Die Diskussion über die immense Belastung ist nun ja nicht neu – der spanische Europameister Rodri hat sie kürzlich nur neu befeuert. 63 Pflichtspiele absolvierte der Mittelfeldmann in der Saison 2023/24 für Manchester City und Spanien. Mit der erweiterten Champions League und der aufgeblähten Club-WM im Sommer werde es nun „zu viel“, sagte der 28-Jährige, die Spieler seien „nah dran“ an einem Streik. Sechs Tage später verletzte sich Rodri schwer am Knie.

Die Spielergewerkschaft FIFPro spricht in diesen Wochen von einer „Kannibalisierung des Kalenders“ zulasten der kickenden Akteure. Bereits Ende Juli hat sie aufgrund des engen Terminplans eine Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht.

Auch Angelo Stiller kennt seit Neuestem die Tücken der großen Belastungen. Mit dem VfB Stuttgart darf er in dieser Saison erstmals in der Champions League ran, obendrein ist er nun auch Nationalspieler. Alles neu und alles toll also? Mitnichten. Im Kreise der DFB-Elf sagt Stiller, dass er die Belastung schon merke. Man müsse körperlich und mental noch stabiler als zuvor sein: „Ich habe großen Respekt vor den Profis, die das jetzt schon über zehn Jahre so machen, das darf man nicht unterschätzen – ich habe es schon in meinen ersten Wochen gespürt.“ Was Stiller neben den Spielen an sich meint: Die Reisen, das späte Einschlafen nach den Partien, das frühe Aufstehen und die Rückflüge nach Auswärtsspielen – all das zehrt.

Trotz all dieser Problemfelder gibt es ja noch immer kritische, mitunter polemische Stimmen – teils auch aus anderen Sportarten –, die sich am Ende etwas zugespitzt formuliert so zusammenfassen lassen: Die verwöhnten Fußballer sollen nicht jammern. Die verdienen genug. Und: Die Belastung in anderen Sportarten ist doch eh viel höher.

Der Quervergleich

Hier lohnt womöglich ein Quervergleich mit dem Blick aufs Eis und aufs Parkett. So absolvierte der deutsche Eishockey-Star Leon Draisaitl in der NHL-Saison 2023/24 inklusive Play-offs 106 Spiele, stand im Schnitt aber jeweils nur rund 21 Minuten auf dem Eis. Das entspricht etwa einem Drittel der Nettospielzeit eines Fußballers. Basketballer Dennis Schröder kam in der vergangenen NBA-Saison auf 80 Partien und insgesamt 2486 Minuten (31,1 im Schnitt). Pro Spiel legte er auf dem Parkett 3,78 Kilometer zurück. Ein Fußballer schafft in 90 Minuten auf dem Rasen etwa das Dreifache.

Rund zweieinhalb mal pro Saison ist ein Fußballprofi verletzt, etwas mehr als die Kollegen im Eishockey, Handball und Basketball – was mit den komplexeren Bewegungsabläufen und den Zweikämpfen, die von Kopf bis Fuß die Verletzungswahrscheinlichkeit erhöhen, zu tun hat. Und mit der Platzgröße, die ein Fußballer zu beackern hat.

Bis zu 7800 Quadratmeter groß ist so ein Feld. Und wenn nur oft genug darauf gespielt wird, bietet das genügend Raum für immer neue Belastungen. Und: Verletzungen.

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