Ein VfB-Sextett für Deutschland: Jamie Leweling, Deniz Undav, Alexander Nübel, Chris Führich, Maximilian Mittelstädt und Angelo Stiller (v. li. o./im Uhrzeigersinn). Foto: Baumann
Der VfB Stuttgart hat zwei weitere Nationalspieler. Vor allem der Blick auf das deutsche Team ist aus Sicht der Weiß-Roten ein Besonderer. Gerade mit Blick nach München und Leverkusen.
Nein, versicherte Sebastian Hoeneß am Freitagnachmittag, auch in den kommenden zwei Wochen werde er sich keinen mehrtägigen Urlaub gönnen. „Wir machen keine Pause“, betonte der Cheftrainer des VfB Stuttgart – obwohl ihn dann noch mehr seiner Schützlinge vorübergehend allein lassen werden. Denn: Zum ohnehin üppigen Kontingent an Nationalspielern, das der VfB mittlerweile stellt, kommen nun noch zwei weitere hinzu.
Atakan Karazor, der Kapitän der Stuttgarter Bundesligamannschaft, ist erstmals für Länderspiele der Türkei nominiert worden. Der 27-Jährige ist in Essen geboren, hat aber türkische Wurzeln, weshalb er in den vergangenen Tagen schon angedeutet hatte, dass er sich zwischen zwei theoretischen Optionen entscheiden konnte – und sich nun auch entschieden hat. Aus, das betonte er stets, rein sportlichen Gründen.
„Für ihn“, sagte Hoeneß am Freitag, „freut es mich riesig.“ Karazor habe nicht nur über Jahre gute Leistungen gezeigt, sondern spiele beim VfB auch eine „zentrale Rolle“. In die Überlegungen der Länderwahl war der Coach des VfB eingebunden – und kann die Entscheidung seines Kapitäns nachvollziehen: „Er rechnet sich sportlich größere Chancen aus, zu spielen.“ Ähnliche Gedanken wie Karazor machte sich jüngst auch Jamie Leweling – mit einem anderen Ergebnis.
Der Flügelspieler des VfB hat einen ghanaischen Vater, hatte zwar schon für die deutsche U-21 Spiele bestritten, hätte aber auch für die Auswahl Ghanas auflaufen können. Nun aber steht er erstmals im Kader des deutschen Bundestrainers Julian Nagelsmann. „Es ist verrückt“, sagte Sebastian Hoeneß – und bezog das nicht nur auf die Nominierung Lewelings.
VfB-Sextett trifft auf Ermedin Demirovic
Denn wenn das deutsche Nationalteam am Freitag auf Bosnien-Herzegowina (mit VfB-Stürmer Ermedin Demirovic) und am Montag auf die Niederlande trifft, wäre es in der Theorie möglich, dass über die Hälfte der DFB-Elf auf dem Platz vom VfB Stuttgart gestellt wird. Leweling nämlich ist die Nummer sechs nach Alexander Nübel, Maximilian Mittelstädt, Angelo Stiller, Chris Führich und Deniz Undav. Ein VfB-Sextett beim DFB – das gab es bislang noch nie. Und im Sommer hat in Waldemar Anton ja ein Nationalspieler Stuttgart auch noch verlassen.
Gut, Leweling rückte nun nur dadurch in diesen elitären Kreis, weil der Münchner Jamal Musiala verletzt absagen musste. Doch stand, das bestätigte Sebastian Hoeneß am Freitag, der 23-Jährige auch so bereits weit oben auf der Liste der Alternativen von Julian Nagelsmann („Er wusste, dass er zur Debatte steht“). Nun ging eben alles ein bisschen schneller – weshalb Lewelings Vereinscoach noch einmal die Entwicklungsschritte des robusten Offensivmannes erklärte.
Sebastian Hoeneß hat einige Nationalspieler entwickelt. Foto: Baumann
„Bereitschaft, Körperlichkeit und Wucht hatte er schon immer“, sagte Hoeneß über Leweling, der im Sommer 2022 zunächst Leihweise von Union Berlin gekommen war – und mit dem er dann ganz gezielt an den vermeintlichen Schwächen gearbeitet hat. Ziel dabei sei es gewesen, ein „klares Spiel“ zu entwickeln. Dazu gehört, zum Beispiel, die Chance auf ein erfolgreiches Dribbling richtig einzuschätzen. Wann lohnt sich der Alleingang? Wann ist es besser, abzudrehen und neu aufzubauen? Zudem ist die Qualität beim Torschuss und bei der Torvorbereitung noch einmal deutlich besser geworden. Alles zusammen, meinte Hoeneß, ergebe dann „für einen Trainer ein spannendes Profil“. Das aber jederzeit bestätigt werden muss.
In der Vorbereitung auf diese Saison etwa, der Profi war für rund fünf Millionen Euro fest verpflichtet worden, war der VfB-Coach alles andere als zufrieden mit der Leistung von Jamie Leweling – weil er eben jene „Klarheit im letzten Drittel“ etwas vermissen ließ. Trainer und Spieler haben dann „häufig gesprochen“, Leweling steigerte sich wieder und ist nun uneingeschränkte Stammkraft der Stuttgarter. Und Teil der nun sechsköpfigen VfB-Delegation beim A-Team des DFB.
Diese Zahl darf der Club als Auszeichnung für die sportliche Entwicklung der vergangenen Monate, aber auch der Transferpolitik sehen. Und auch Sebastian Hoeneß hat seinen Teil dazu beigetragen, dass der VfB nun jeweils das Doppelte an deutschen Nationalspielern stellt wie der Meister Bayer Leverkusen und der Rekordmeister FC Bayern. Gerade Hoeneß muss nun aber auch mit den Folgen des Erfolgs leben.
Der Trainingsplatz wird in den kommenden Tagen jedenfalls recht leer sein – beziehungsweise: Er wird mit Nachwuchskräften aufgefüllt werden. Auch beim anberaumten Testspiel gegen den Zweitligisten SSV Ulm. Am kommenden Donnerstag findet diese Partie statt – und Hoeneß kündigte schon einmal an: „Wir werden die U21 brauchen.“ Davor darf er allerdings noch einmal mit seinen Nationalspielern antreten: Am Sonntag (19.30 Uhr) gegen die TSG Hoffenheim. Wenn es in der Bundesliga um wichtige Punkte geht (Hoeneß: „Sie ist am Ende das Entscheidende“). Und wenn der Coach erneut auf den angeschlagenen Josha Vagnoman verzichten muss. Der auch schon ein Länderspiel bestritten hat – und in fittem Zustand durchaus ein Kandidat ist, im DFB-Kader bald die Stuttgarter Nummer sieben zu sein.