Emre Can erging es wie den anderen Nationalspielern. Das Lächeln wollte einfach nicht aus seinem Gesicht verschwinden. Man konnte gar den Eindruck gewinnen, dass der 30-Jährige noch einen Tick glücklicher als der Rest im Kader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) war. Die Geschichte ist ja auch verrückt für ihn gelaufen, ehe der Mittelfeldspieler als ein Gewinner nach dem 5:1-Sieg im EM-Eröffnungsspiel gegen Schottland dastand.
„Ein geiles Gefühl“, sagte Can, „ich war ja vor zwei Tagen noch im Urlaub“. Dann erfolgte der Anruf Julian Nagelsmann. Verkürzt lautete die Frage des Bundestrainers nach dem krankheitsbedingten Ausfall von Aleksandar Pavlovic (FC Bayern): beleidigt oder bereit? Und die Antwort kam schnell und klar: Die Freude, kurzfristig noch auf den Europameisterschaftszug aufspringen zu können, überwog. Can packte umgehend seine Sachen und machte sich am vergangen Mittwoch auf den Weg nach Herzogenaurach in das DFB-Mannschaftsquartier.
Jetzt ist der nachnominierte Kapitän von Borussia Dortmund plötzlich EM-Torschütze. Sein Schlenzer setzte in München den fulminanten Schlusspunkt im ersten Gruppenspiel gegen überforderte Schotten. Zehn Minuten zuvor war Can für den starken Toni Kroos eingewechselt worden. Dabei bewies Nagelsmann laut dem ebenfalls eingewechselten Torschützen Niclas Füllkrug ein „tolles Fingerspitzengefühl“, da er seinem BVB-Kollegen mit dem Teileinsatz viel Wertschätzung entgegenbrachte. „Für Emre freut es mich sehr“, sagte Füllkrug, „nach einer Trainingseinheit gleich so einen rauszulassen. Das tut auch ihm gut.“
Die westfälischen Joker stachen also zum Auftakt der Europameisterschaft und für Can ist es die Rückkehr in den DFB-Kreis, nachdem Nagelsmann ihn zuvor nicht berücksichtigt hatte. Sein bislang letztes Länderspiel hatte der Defensivspezialist im September 2023 bestritten, unter dem Interimscoach Rudi Völler beim 2:1-Erfolg im Test gegen Frankreich. Nun veredelte er im 44. Einsatz für sein Land diesen mit dem zweiten Tor im DFB-Trikot.
Die Rollen im defensiven Mittelfeld bleiben jedoch verteilt, wie sie sind. Toni Kroos gibt den Takt vor, Robert Andrich ist der Mann für die Aufräumarbeiten und Pascal Groß vorerst die Allzwecklösung, die von der Bank kommt. Can bietet nun eine weitere Option. „Er ist sehr schnell, sehr kopfballstark und er hat sehr gut reagiert“, begründete Nagelsmann die Entscheidung für ihn. „Wenn es eng wird, können wir seine Fähigkeiten gut gebrauchen“, erläuterte der Bundestrainer.
Zudem erfährt Can eine hohe Akzeptanz in der Mannschaft. Die Mitspieler hören auf den Routinier. An seinem Status als Herausforderer nörgelt er dennoch nicht herum. „Ich bin vielmehr dankbar, jetzt dabei zu sein und mein Land zu vertreten“, erklärte der Spieler, der im Club als Alphatier gilt und auf dem Platz im Stile einer alten Führungskraft auch mal Zeichen mit lauten Tönen und heftigen Grätschen setzt.
Doch aufgrund von Cans Bereitschaft, sich einzuordnen, hatte Leon Goretzka bei der Nominierung wieder das Nachsehen. Der Bayern-Star weilt deshalb weiterhin im Urlaub, während der BVB-Rivale in München eine schöne Reise mit der Nationalmannschaft begonnen hat. „Der erste Schritt ist gemacht, mehr nicht. Wir müssen auf dem Gaspedal bleiben“, sagt Can. Getreu seinem Motto im Internet: „WeCan“ – auch spontan.