Der Rummel um Nick Woltemade nimmt zu. In Stuttgart, in München, in Bratislava. Über Nacht hat das Spekulationskarussell schwindelerregende Züge erreicht, plötzlich heißt es: Der Stürmer habe sich bereits mit dem FC Bayern über einen Wechsel in diesem Sommer geeinigt. Diese Nachricht löst rund um den VfB Stuttgart natürlich Wirbel aus. Einerseits befürchten die Fans, dass der Senkrechtstarter, kaum dass er beim Fußball-Bundesligisten abgehoben hat, bald schon wieder weg ist und beim ungeliebten Südrivalen zündet. Andererseits macht sich im Clubhaus mit dem roten Dach eine Mischung aus Verwunderung und Entschlossenheit breit.
Verwunderung, weil die VfB-Führung zunächst nichts von den Bayern-Bossen über die Gespräche mit Woltemade erfahren hat. Mittlerweile haben die Münchner ihr Interesse hinterlegt. Zudem hat auch die Spielerseite nichts über die konkreten Verhandlungen mit dem Rekordmeister berichtet. Und die Entschlossenheit von Vorstandschef Alexander Wehrle und Sportvorstand Fabian Wohlgemuth richtet sich nun darauf aus, dass sie betonen: Der Spieler steht nicht zum Verkauf. Punkt!
Der VfB will gegenüber dem Branchenriesen Stärke zeigen und Woltemade nicht ziehen lassen. Jedenfalls nicht für die kolportierte Ablösesumme von 50 oder 60 Millionen Euro. Um den schwäbischen Markt zu sprengen, müssten die Bayern wohl eher ihr berühmtes Festgeldkonto plündern. 100 Millionen Euro wären wohl eher die Dimension, um die sich die Gedanken an der Mercedesstraße drehen. Eine verrückte Summe für einen Spieler, der erst seit einem halben Jahr auf höchstem Niveau auftrumpft.
Das wissen auch die Münchner um den Sportchef Max Eberl an der Säbener Straße. Doch im Ringen zwischen einem realistischen Marktwert und einem möglichen Fantasiepreis werden öffentlichkeitswirksam die Positionen bezogen und Standpunkte festgemacht. Hier die kampfbereiten Stuttgarter, die sich ihre Mannschaft nicht einfach zerpflücken lassen wollen und sich in einer guten Verhandlungsposition befinden. Denn es gibt im bis 2028 datierten Vertrag keine Ausstiegsklausel, und finanziell steht der VfB nach schwierigen Jahren stabil da.
Dort die trotzigen Bayern, die nach dem Platzen ihrer Wunschtransfers (Florian Wirtz, Nico Williams) unter Druck stehen und demonstrieren wollen, dass sie noch immer eine Edeladresse für die Stars der Szene sind – gerade wenn es sich um einen deutschen Nationalspieler handelt.
Zwei A-Länderspiele hat Woltemade bislang bestritten und zuletzt die U-21-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit seinen sechs Toren in das EM-Finale in der Slowakei geführt. An diesem Samstag (21 Uhr/Sat 1) bestreitet das DFB-Team gegen England das Endspiel. „Finalsieg, Tor“, hat der bislang überragende Dribbelriese seine Traumvorstellung von der Begegnung mit dem Titelverteidiger zusammengefasst.
Diese Aussage wiederholte sich in unterschiedlichen Formen am Freitagnachmittag auf der Pressekonferenz in Bratislava, wo Woltemade an der Seite von Trainer Antonio Di Salvo saß und Fragen beantwortete – allerdings nur zum Spiel, Fragen über die Zukunft des Angreifers waren nicht erwünscht. Darauf wies der Sprecher der Europäischen Fußball-Union mehrfach hin. „Es gibt immer Sachen, die um einen herum passieren“, sagt Woltemade, „aber ich habe nun die einmalige Chance in meinem Leben, den U-21-Titel zu gewinnen. Darauf fokussiere ich mich.“
Nach dem Finale wollen die Münchner Verhandlungen mit dem VfB aufnehmen – und der Poker wird in seine heiße Phase treten, nachdem sich Woltemade offenbar in Stuttgart nicht wertgeschätzt fühlt. Jedenfalls gemessen an der Vertragsanpassung, die vorgenommen werden sollte.
Die Stuttgarter wollten das Gehalt erhöhen und die Laufzeit verlängern. Von eineinhalb auf zweieinhalb Millionen Euro im Jahr sollte es in der ersten Stufe angeblich gehen. Die Spielerseite hatte da weitaus höhere Vorstellungen und lehnte das Angebot ab.
Bei den Bayern dürfte Woltemade mit Sicherheit ein Vielfaches verdienen – im zweistelligen Millionenbereich. Ob er im Jahr vor der WM aber sportlich die gleiche Rolle einnehmen kann wie beim VfB, ist dagegen eine ganz andere Frage. In Stuttgart ist er zum Ziel- und Schlüsselspieler avanciert. In München sehen sie in Woltemade weniger die Alternative zu Torjäger Harry Kane, sondern einen Thomas-Müller-Ersatz. Ein riskanter Part für Woltemade, aber ebenso eine Perspektive, die mit dem Geld gewaltig lockt.