Nick Woltemade hat sich nach dem Abpfiff in Nitra erst einmal den Spielball gesichert. Er schnappte sich kurzerhand die Kugel, hantierte mit ihr und steckte sie unter seinen Trainingspullover. Später ließ sie der 23-Jährige von seinen Mitspielern im Nationalteam unterschreiben und posierte damit auf Instagram – wie es nach drei erzielten Toren mittlerweile im Profifußball üblich ist. Das Souvenir vom 3:0-Auftaktsieg gegen Slowenien bei der U-21-EM wird im Hause des Stürmers nun einen besonderen Platz erhalten. „Meine Eltern waren da, die sind schon sehr stolz und happy. Denen gebe ich den Ball mal mit“, sagte Woltemade.
So weit ist diese persönliche Angelegenheit im familiären Kreis geklärt. Vom Arbeitgeber kommt ebenfalls Anerkennung. „Wir freuen uns sehr für die U 21 und natürlich ganz besonders für Nick, der Turnierauftakt hätte nicht besser laufen können“, sagt Fabian Wohlgemuth. Der Sportvorstand des VfB Stuttgart registriert neben der Leistung des Angreifers aber sehr genau, wie der Rummel um Woltemade mit jedem Tor zunimmt. Er ist der Senkrechtstarter der Saison, er ist Pokalsieger mit dem VfB, er ist Neu-Nationalspieler unter Bundestrainer Julian Nagelsmann – und er ist der Mann der Stunde bei der Juniorenauswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Slowakei.
„Die Serie bei uns ist schon unheimlich“, sagt der U-21-Coach Antonio Di Salvo. Bereits im März hatte Woltemade bei der EM-Generalprobe dreimal gegen Spanien (3:1) getroffen und große Aufmerksamkeit erregt. Jetzt kann man wohl schon vom Woltemade-Wahnsinn sprechen. Angeblich beobachten ihn Scouts des FC Chelsea während der Europameisterschaft genau. Angeblich zeigen der FC Bayern München und andere Spitzenvereine Interesse an dem 1,98-Meter-Schlaks mit der ausgefeilten Technik.
Woltemade kann ja besser dribbeln als köpfen – das macht sein Profil so außergewöhnlich und weckt im Doppelpass mit seiner Trefferquote Begehrlichkeiten. Mit Spekulationen über seine Zukunft mag sich der VfB-Profi aber während des Turniers nicht befassen. „Das sind alles Dinge, mit denen ich mich ehrlicherweise gerade gar nicht beschäftige. Ich bin sehr happy, hier zu sein und drei Tore geschossen zu haben“, sagt Woltemade. Er traf im DFB-Dress auf Vorarbeit von Nicolo Tresoldi (19.) und Max Rosenfelder (42.) sowie per Foulelfmeter (82.).
Das von Woltemade mit Händen geformte W nach Treffern wird so immer mehr zum Markenzeichen. Eine Jubelgeste, über die sich nach wie vor die Stuttgarter Anhänger freuen sollen. Trotz aller Wechselgerüchte, die den blonden Riesen neuerdings umranken. „Wir haben schon oft betont, wie zufrieden wir mit der Entwicklung von Nick sind, seit wir ihn im vergangenen Sommer verpflichtet haben. Er ist auf und neben dem Platz ein absoluter Gewinn für uns und spielt dementsprechend in unseren Zukunftsplanungen eine zentrale Rolle. Nick hat einen langfristigen Vertrag bei uns und es gibt keinerlei Überlegungen, ihn vorzeitig abzugeben“, erklärt Wohlgemuth.
Bis 2028 ist Woltemades Arbeitspapier datiert, ohne Ausstiegsklausel. Es müsste also schon ein höchst unmoralisches Angebot für die aufstrebende Offensivkraft ins Clubhaus mit dem roten Dach flattern, um die Verantwortlichen überhaupt über einen Transfer nachdenken zu lassen.
Auch Woltemade selbst erweckt nicht den Eindruck, als wolle er den VfB bereits nach einer Saison wieder verlassen. „Ich fühle mich in Stuttgart sehr wohl“, hat er vor EM-Beginn betont. Weitere Aussagen wurden als fehlendes Bekenntnis interpretiert – oder besser überinterpretiert. Doch Woltemade weiß sehr gut, was er am VfB hat. Bei den Stuttgartern genießt er die besten Aussichten auf die WM 2026. Denn erst nach Anlaufschwierigkeiten erarbeitete er sich einen festen Platz im Gefüge von Cheftrainer Sebastian Hoeneß. Der damit verbundene Leistungsschub ließ ihn zum Überflieger aufsteigen, der während der Nations League seine ersten beide Länderspiele absolviert hat.
Andersherum weiß aber auch der VfB, was er am neuen Publikumsliebling hat. „Wir wünschen Nick und der U 21 eine erfolgreiche EM und freuen uns darauf, mit ihm gemeinsam die Herausforderung der neuen Saison anzugehen“, sagt Wohlgemuth, der sich von dem Hype um Woltemade nicht treiben lassen will. Die Positionen sind so klar wie die gegenseitige Wertschätzung. Der Vertrag läuft noch drei Jahre. Lange genug also. Gleichzeitig hat der Club bereits mehrfach bewiesen, dass er das Gehalt anpasst, wenn der sportliche Wert des Spielers für die Mannschaft dauerhaft steigt. Woltemade könnte gut der nächste in dieser Reihe sein.