Nick Woltemade weiß genau, wo er sich zu positionieren hat. Zwischen den Verteidigern im Strafraum. Wie schon gegen Italien, als er nach einem Eckball per Kopf traf. Mit der Wucht von 1,98 Metern und mehr als 90 Kilogramm wird der Stürmer auch an diesem Mittwoch (21 Uhr/Sat.1) versuchen, im Halbfinale gegen Frankreich in den Ball zu laufen, um bei der U-21-Europameisterschaft wieder erfolgreich zu sein. Mit einem untypischen Woltemade-Tor, wenn es sein muss. Denn bislang gehörte das Kopfballspiel noch nicht zu den Stärken des Angreifers vom VfB Stuttgart – trotz seiner auffälligen Körpergröße.
Doch wie Woltemade beim Juniorenturnier in der Slowakei eindrucksvoll demonstriert, hat sich sein Kopfballspiel deutlich verbessert – als Torschütze und Vorlagengeber, da bei dem 23-Jährigen nicht nur das Gefühl für den Ball und das Gespür für die Situation vorhanden sind, sondern nun zudem Timing und Technik stimmen. Wie die Vorbereitung des zweiten deutschen Treffers gegen Italien (3:2 nach Verlängerung) durch Nelson Weipert zeigt, als er das Spielgerät umsichtig verlängerte. „Das war so geplant, da die Entfernung zum Tor für einen eigenen Kopfball zu groß war“, sagt der neue Star in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
So schätzt Fabian Wohlgemuth die Lage ein
Es kann also gut sein, dass Woltemade bald ein kompletter Stürmer ist, so wie es der DFB-Sportdirektor Rudi Völler im Rahmen von dessen ersten A-Länderspielen prognostiziert hat. Weil der VfB-Profi hart an sich arbeitet und eine außergewöhnliche Entwicklung genommen hat, die viel mit dem gewachsenen Selbstvertrauen zu tun hat, aber wohl noch mehr mit dem individuellen Training, das er seit seinem Wechsel vor einem Jahr von Bremen nach Stuttgart absolviert. „Nick ist nicht nur ein herausragender Spieler, sondern ein wunderbares Beispiel dafür, wie gut die sportliche Struktur beim VfB insgesamt funktioniert. Diejenigen, die sich bei uns mit dem nationalen und internationalen Spielermarkt beschäftigen, haben nicht nur einen Spieler mit extrem hohen Potenzial entdeckt, sondern auch jemanden, dessen Transfer zum damaligen Zeitpunkt für uns wirtschaftlich gut darstellbar war“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.
Woltemade kam ablösefrei. Mittlerweile liegt sein Marktwert bei mehr als 30 Millionen Euro und bereits in den Gesprächen vor der Verpflichtung eröffnete ihm der Chefcoach Sebastian Hoeneß, wo er Verbesserungsbedarf sah – auf Basis eines profunden Profils, das erstellt wurde. „Komplett wird diese Erfolgsgeschichte dadurch, dass sich Nick in dem von unseren Trainern geschaffenen sportlichen Umfeld so hervorragend entwickeln konnte. Und er ist auch nicht das erste Beispiel für Spieler, die unter Sebastian Hoeneß einen regelrechten Entwicklungssprung vollzogen haben“, erklärt Fabian Wohlgemuth.
Bei Woltemade waren es noch vor dem Kopfballspiel zwei zentrale Bereiche, die definiert wurden, um sein Spiel zu bereichern. Zunächst ging es darum, in die torgefährlichen Räume zu kommen. Dafür brauchte es ein neues Bewusstsein, da sich Woltemade während seiner Jugend meist auf sein Talent verlassen konnte. Am liebsten erhielt der Dribbelriese den Ball an der Strafraumgrenze, tanzte zwei Gegner aus und schlenzte die Kugel ins Tor. Im Profibereich klappte diese Erfolgsmasche nur noch selten, weshalb ihm Hoeneß und Co. klar machten, dass er nach seinen Ballkontakten mit guten Verlagerungen oder Ablagen Anschlussaktionen benötige. Tiefenläufe im Sprint, um bei den schnellen VfB-Angriffen rechtzeitig in die rote Zone zu gelangen, den Sechzehner.
Es folgten aufschlussreiche Videoanalysen und gezielte Übungseinheiten auf dem Platz. Immer und immer wieder. Woltemade musste neue Laufwege nehmen, um sich in das Stuttgarter Spiel einzubringen. Das brauchte Zeit. Monatelang war er Ersatz oder Ergänzung. Und vielleicht war es auf lange Sicht sogar ein (schmerzhafter) Vorteil, nicht für die Champions League nominiert worden zu sein. Ein ausgeruhter Woltemade legte fleißig Extraschichten ein, reifte in der Liga und startete in der Rückrunde durch.
Der einstige Schlaks legt an Muskeln zu
Jetzt profitieren der VfB und das DFB-Team vom Leistungsschub. Die erste Bestätigung seiner erweiterten Spielweise erhielt Woltemade im Trikot mit dem Brustring bereits im Januar, als er den 2:1-Siegtreffer in der Bundesligapartie gegen RB Leipzig erzielte. Im Mittelfeld hatt er als Zielspieler den Ball gesichert, den Angriff mit einem Pass eingeleitet und war nachgelaufen. Schließlich blockte er am Fünfmeterraum das Spielgerät gegen David Raum ins Netz.
In der DFB-Mannschaft hat Woltemade bereits fünf EM-Treffer erzielt. Aus ganz unterschiedlichen Lagen. Per Direktabnahme, per überlegtem Abschluss, per Elfmeter und zweimal per Kopf. Das Repertoire ist vielfältig – und mit jedem weiteren Tor macht er noch mehr auf sich aufmerksam. Zumal sich der begehrte Stuttgarter (17 Pflichtspieltore in der ersten Saison) in einem weiteren Bereich enorm gesteigert hat: Mit dem Rücken zum Tor.
Sprang Woltemade anfangs noch recht häufig die Kugel weg oder schob ihn ein Abwehrspieler einfach beiseite, behauptet sich sich der Angreifer nun – mal mit Finesse, wenn er sich mit Ball am Fuß elegant um die Verteidiger windet; mal mit Kraft, wenn er sich in direkten Duellen Platz verschafft. Denn körperlich hat der einstige Schlaks mächtig an Muskeln zugelegt – und wo er sich im Strafraum zu positionieren hat, weiß Woltemade auch immer besser.