Mit dem Transfer nach Leipzig zum Nations-League-Duell mit Ungarn erfolgt für Bundestrainer Hansi Flick auch der WM-Startschuss. Schafft es Niclas Füllkrug noch zur WM?

Die besten deutschen Fußballer können sich dem Zeitgeist nicht entziehen. Angenommen, die Nationalmannschaft hätte vom DFB-Campus den kurzen Weg zum Frankfurter Flughafen per Bus genommen, um sich in einen Charter zu setzen, der keine Stunde später in Leipzig gelandet wäre: Eine Welle der Kritik wäre über den Deutschen Fußball-Bund (DFB) geschwappt. Stattdessen stiegen die Protagonisten also nach Training, Pressekonferenz und Mittagessen ressourcenschonend in den Zug, der vom Frankfurter Hauptbahnhof bis in die Messestadt Leipzig gewöhnlich drei Stunden benötigt. „Kein Problem“, versicherte Hansi Flick. Als viel reisender Bundestrainer benutzt er selbst häufiger die oft gescholtene Deutsche Bahn. Hauptsache, von A nach B kommen.

Höllenprogramm bis zur Abreise nach Katar

Dass die positiv auf Corona getesteten Manuel Neuer und Leon Goretzka aus der Reisegruppe zum Nations-League-Duell gegen Ungarn in Leipzig an diesem Freitag (20.45 Uhr/ZDF) entfernt werden mussten, nahm Flick gewohnt pragmatisch hin. Diese Fälle zeigten doch nur, „wie schnell jemand ausfallen kann“: Für die WM in Katar sei das vielleicht sogar eine „gute Vorbereitung“. Der 57-Jährige sah ob der Infektionen keinen Anlass, öffentlich einen Besuch des FC Bayern beim Oktoberfest zu verteufeln; er riet zwar dazu, in Zukunft „vielleicht die Kontakte zu reduzieren, aber wir können uns nicht ewig fesseln lassen“. Von einem Virus, das irgendwann auch mal aus den Köpfen muss, auch wenn es nicht aus der Welt ist. Flick hat indes genug damit zu tun, seine Gedanken für den WM-Auftakt gegen Japan (23. November) in zwei Monaten zu ordnen.

Seine Spieler haben noch ein Höllenprogramm bis zur Abreise über den Oman (14. November) zu bewältigen, weshalb der Bundestrainer ihnen auch eine Trainingseinheit ersparte und stattdessen eine Videositzung abhielt. Der übergeordnete Auftrag für den Doppelpack gegen Ungarn und in England (Montag, 20.45 Uhr/RTL) ist klar: „Es wäre eine Statement, die Gruppenphase als Erster abzuschließen.“

Thomas Müller trägt Kapitänsbinde mit Aufschrift „One Love“

Die Ungarn können übrigens bereits an diesem Freitag auch Gruppensieger werden, sollten sie gegen den vierfachen Weltmeister gewinnen und Italien nicht England besiegen. Der Bundestrainer erwartet einen „taktisch klugen Gegner, der dem Gegner kaum Räume lässt“. Die DFB-Auswahl hat es sowohl bei dem 1:1 im Hinspiel in Budapest als auch dem 2:2 im EM-Gruppenspiel 2021 leidvoll erfahren.

Derjenige mit den meisten Länderspielen soll beim „WM-Startschuss“ (Flick über die Ungarn-Partie) diesmal anstelle von Neuer die Kapitänsbinde tragen. Was also Thomas Müller (116) zum ersten deutschen Spielführer machen dürfte, der am Arm die Botschaft „One Love“ sendet. Eine Einsatzgarantie erhielt Marc-André ter Stegen im Tor, der eben die Nummer zwei sei, wie Flick klarstellte. An dritter Stelle steht dann der für sein Verhalten als Musterreservist gepriesene Vollprofi Kevin Trapp.

Werner bedankt sich bei Flick für Vertrauen

Wie es überhaupt an diesem sonnigen Tag in Frankfurt viele warme Flick-Worte für einzelne Protagonisten gab. Bei Jamal Musiala, dessen lange Risswunde am Bein verheilt ist, ähneln sich die Lobreden („Ein Genuss, ihn spielen zu sehen, hat eine Komplettheit, die uns guttut“) inzwischen. Bei Timo Werner („Betreibt einen hohen Aufwand, arbeitet gut gegen den Ball“) hat das Zureden geholfen, dass der Stürmer die besten Scorerwerte im ersten Flick-Jahr (acht Tore, zwei Vorlagen) aufwies.

Werner rechnete es dem Bundestrainer bei der Pressekonferenz auf dem DFB-Campus hoch an, „dass er mir das Vertrauen geschenkt hat, wenn ich bei Chelsea unglücklich gespielt habe“. In den Telefongesprächen sei es aber auch darum gegangen, was er selbst tun müsse. Und gänzlich zufrieden mit dem 26-Jährigen ist ja auch Flick noch nicht: „Es wäre schön, wenn er sich für seine Arbeit noch öfters belohnen würde. Dann wäre das Selbstverständnis, Tore zu schießen, für ihn noch größer.“

Füllkrug noch mit zur WM?

Generell sieht der oberste Fußballlehrer im Lande hier ein Ausbildungsproblem. „Es ist nicht so, dass wir Weltklassestürmer ausbilden. Da haben wir nicht eine so hohe Dichte an Qualität“, sagt Flick.

Deshalb ist es sehr wohl ein Diskussionspunkt, noch einen klassischen Mittelstürmer zur Wüsten-WM mitzunehmen, wenn es vielleicht in den letzten Minuten eines K.-o.-Spiels um die Lufthoheit geht. Da würde sich doch der kopfballstarke Niclas Füllkrug anbieten? Dem Bremer Angreifer schlug Flick nicht die Tür vor der Nase zu. Im Gegenteil: Da man im WM-Kader drei Optionen mehr habe, „überlegen wir im Trainerteam natürlich auch, was wir an Qualitäten in gewissen Situationen brauchen, quasi eine Wenn-dann-Situation“.

Es heißt, dass sich der Bundestrainer am 7. Oktober beim Heimspiel der TSG Hoffenheim gegen den SV Werder Bremen die Brechervariante norddeutscher Bauart mal anschauen will. Flick muss zur Arena in Sinsheim nicht mal den Zug nehmen. Er wohnt in Bammental ganz in der Nähe. Einfache Strecke im Auto: 20 Kilometer.