Nato in Litauen Ungemütliche Nachbarn

Bundeswehrsoldaten auf dem litauischen Militärstützpunkt Rukla Foto: PAO - Lisa Engler - Bundeswehr /Lisa Engler

Litauen sieht sich selbst als Frontstaat gegen Russland und Belarus. Vor Ort bereitet sich die Nato längst vor.

Oberleutnant Oliver Kersch beugt sich über die Rampe eines gottverlassenen Güterbahnhofs in der südlitauischen Großstadt Kaunas. Zwei Schienenstränge halten vor der Rampe. Die Streben des einen Strangs sind verrostet und mit Gras überwuchert. Der andere wirkt wie blank gewienert. Es handle sich um frisch verlegten europäische „Normalstrang“, erklärt Kersch. Er sei um einige Zentimeter enger als der alte aus sowjetischer Zeit. Züge können auf den neuen Schienen ohne Probleme aus dem Westen nach Litauen rollen.

 

Der Oberleutnant der Bundeswehr schaut regelrecht verliebt auf die neuen Schienen. Hier soll der Güterzug mit neuem Gerät der Panzerbrigade 21 aus dem nordrhein-westfälischen Augustdorf halten. Die Panzer sollen dann über die Rampe auf das staubige Gelände rollen. Sie nehmen einen kurzen Weg vorbei an ausgeweideten Autowracks und Dixi-Klos über eine Sandpiste zu einer weiteren Rampe. Dort wird ein weiterer Güterzug auf sie warten. Er soll das schwere Gerät dann direkt zu einem Entladebahnhof an der Basis der Nato auf dem Militärstützpunkt Rukla transportieren.

„Schlechte Nachrichten, der Zug hängt fest“

Kersch hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Die elfte Rotation der in Litauen stationierten Bundeswehrsoldaten packt ihre Sachen. Sie übergibt die Aufgaben im August an die zwölfte Rotation. Ausgeruhte Soldaten ersetzen die seit Februar in ständiger Einsatzbereitschaft operierenden Kameraden. Sie bringen auch neues Kampfgerät mit.

Doch etwas stimmt nicht. Kersch erhält einen Anruf auf seinem Diensthandy. „Schlechte Nachrichten, der Zug hängt fest“, meint er. Ein Dutzend Kraftfahrer der Bundeswehr erhalten die Anweisung, erst einmal zu warten. Nieselregen benässt die Uniformen. Stunde um Stunde vergeht. Vom Güterzug mit den neuen Panzern fehlt jede Spur. Kersch gibt am Abend auf. Für den Transport seien die nationalen Bahnunternehmen verantwortlich, meint er. Von denen bekäme er keine klaren Ansagen. Der Oberstleutnant gibt schließlich den Befehl zum Abmarsch.

Das Herz der sogenannten enhanced Forward Presence Battle Group (eFP) der Nato liegt in einem eingezäunten Containerwürfel auf dem litauischen Militärstützpunkt Rukla. Die Computer in den Containern müssten besonders vor Cyberattacken des Gegners geschützt werden, erklärt ein Presseoffizier der Bundeswehr. Fotografieren ist verboten. Die Soldaten dürfen ihre echten Namen nicht nennen.

Olaf Scholz kündigte an, die Bundeswehrpräsenz deutlich aufzustocken

Oberstleutnant Daniel Andrä heißt auch in Wirklichkeit so. Der Kommandeur der Bundeswehr in Rukla empfängt in seinem Containerbüro. Andrä scheint den Kaffee in seinem Becher gut gebrauchen zu können angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine und der „Zeitenwende“. Ein halbes Jahr lang sei der in Litauen stationierte Nato-Kampfverband mit Kontingenten aus Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg, Tschechien und Norwegen unter der Führung der Bundeswehr „hellwach und gut vorbereitet“ gewesen. Jetzt sei es Zeit, den Stab an die Nachfolger weiterzugeben.

Mehr als 350 zusätzliche Soldaten der Bundeswehr trafen vor und nach dem russischen Angriff in Litauen ein. Doch das ist erst der Anfang. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kündigte im Juni bei einem Besuch in Litauen an, die Bundeswehrpräsenz deutlich aufzustocken. Der Kanzler versprach den Litauern eine „robuste Kampfbrigade“. Eine Brigade umfasst in der Regel 3000 bis 5000 Soldaten. Die Nato will im Baltikum Zähne zeigen. Aber reicht das aus?

Litauen hat zwei ungemütliche Nachbarn. Es teilt im Süden eine 679 Kilometer lange Grenze mit Belarus, das von Alexander Lukaschenko beherrscht wird, der mit Russland verbündet ist. Die russische Exklave Kaliningrad liegt im Nordwesten. Sie hieß bis 1946 Königsberg. Die Sowjets eroberten die ostpreußische Stadt im Zweiten Weltkrieg. Nur ein 65 Kilometer langer Korridor verbindet Litauen und damit das gesamte Baltikum mit Polen und der von der Nato kontrollierten Landmasse Europas. Das Gebiet hat im Nato-Jargon einen nicht zufällig historisch anmutenden Namen. Wie einst im Kalten Krieg von der „Fulda-Lücke“ wird jetzt von der Suwalki-Lücke gesprochen. Die Stadt gleichen Namens liegt auf der polnischen Seite des Korridors. So wie die Nato in den 80ern mit einem Angriff aus dem Osten in Richtung Fulda rechnete, geht sie heute davon aus, dass Russland und Belarus die Suwalki-Lücke besetzen, um das Baltikum im Handstreich von Nachschub auf dem Landweg abzuschneiden. Die Bundeswehr in Rukla wäre dann mit Millionen Litauern, Letten und Esten eingeschlossen. Militärstrategen bezeichnen Kaliningrad als ihren persönlichen sicherheitspolitischen Albtraum. Und die Regierungen in Vilnius vermuten schon lange, dass die Russen die Aufrüstung der Exklave über Litauens Territorium abwickeln.

Litauen fühlt sich sicher – noch

Am 18. Juni war damit Schluss. Vilnius berief sich auf die EU-Sanktionen gegen Russland und stoppte den Transport bestimmter Waren in die Exklave. Russland schäumte vor Wut. Drei Tage stellte die EU klar, dass der zivile Warentransport von Russland nach Russland nicht die Sanktionen verletze. Litauens Regierung murrte, will sich aber an die EU-Vorgaben halten.

Die litauische Sicherheitsexpertin Dovile Jakniunaite macht sich Gedanken darüber, wie es weitergehen könnte im Streit um die russische Exklave. Dovile Jakniunaite kann sich vorstellen, dass die litauischen Grenzer künftig leise aber spürbar die Kontrollen der russischen Güterzüge in die Länge ziehen werden. Eines steht für die Expertin fest: Allein die Nato-Präsenz halte Russland in Schach. Litauen fühlt sich sicher, solange ein russischer Angriff nur um den Preis eines Dritten Weltkriegs möglich ist.

Liudivikas Jakavicius hat sich im Hotel Kempinski unweit der Kathedrale von Vilnius zum Tee Petit Fours bestellt. Solchen Luxus wolle er sich bald sparen, um wieder fitter zu werden, meint der 39-Jährige. Der in Mexiko geborene Litauer mit argentinischen Wurzeln ist freiwilliger Reservist bei den litauischen Streitkräften. Der Ernstfall könne morgen kommen, in fünf Jahren oder nie, niemand wisse es. Er würde aber auch zur Not untrainiert in den Kampf ziehen, sagt er.

Wohin könnten die Litauer im Kriegsfall fliehen? Der Reservist bleibt einen Moment die Antwort schuldig. Der Landweg nach Polen wäre wohl als Erstes verschlossen. Die russische Marine könnte von Kaliningrad aus die Küste blockieren. „Dann säßen wir wohl in der Falle“, sagt der Reservist.

Jakavicius meldete sich freiwillig zur Reserve, weil er die Bedrohung durch Russland schon vor Jahren ernst nahm. „Die Russen hassen uns mehr, als sie die Ukrainer hassen. Wir waren die Ersten, die sich gegen die Sowjetunion aufgelehnt haben“, sagt Jakavicius. Die Litauer würden mit allen Mitteln gegen eine Invasion kämpfen.

„Fragen wir doch mal die Russen, was sie von unseren Fotos halten“

Güterzüge mit kyrillischer Aufschrift stauen sich am Bahnhof von Kybartai. Ein Vogelschwarm fliegt über sie hinweg in Richtung Russland. Der Landwirt Robertas Mickevicius wartet in seinem BMW. Die pensionierte Englischlehrerin Vidute Miklusine steht am Bahnsteig. Miklusine und Mickevicius gehören zu einer lokalen Gruppe, die zum 9. Mai Poster mit Fotos von russischen Gräueltaten direkt an der Zollabfertigung für russische LKW-Transporte aufgehängt haben. Der 9. Mai ist der in Russland groß gefeierte Tag des Sieges über Hitlerdeutschland. „Wir wollten nicht, dass die Russen hier an diesem Tag in Kybartai feiern. Sie sollten lieber sehen, was wirklich in der Ukraine passiert“, sagt Miklusine.

Die Aktivisten steuern den Parkplatz an. Einige wenige russische Lastwagen stehen nahe den aufgehängten Bildern aus Butscha und Mariupol. Vidute Miklusine ist kaum zu bremsen. „Fragen wir doch mal die Russen, was sie von unseren Fotos halten“, sagt sie. Sie klopft an ein Lastwagenfenster, das tatsächlich heruntergekurbelt wird. Der russische Fahrer in Tennissocken beruft sich auf die Meinungsfreiheit. Er glaube, die Ukrainer bombardierten sich selbst, um es den Russen in die Schuhe zu schieben. Er verabschiedet sich mit der Bemerkung, dass er früher gerne nach Litauen gefahren sei, um Süßigkeiten zu kaufen. „Wir sind doch Nachbarn“, sagt er.

Auch Miklusine und ihr Mitstreiter scheinen die Hoffnung auf ein Miteinander noch nicht begraben zu haben. „Wenn einer von zehn zum Nachdenken kommt, ändert sich vielleicht etwas“, meint der Landwirt aus Kybartai. „Russland muss sich ändern“, sagt er.

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