Um das frühere Naturfreibad im Oberstenfelder Ortsteil Gronau (Kreis Ludwigsburg) ranken sich Geschichten. In den 1960er Jahren tickte die Welt noch anders.
Karlheinz Massas Augen leuchten, wenn er sich an das Naturfreibad in seinem Heimatort Gronau erinnert. „Ich habe da das Schwimmen gelernt“, erzählt der 76-Jährige und zeigt auf das Bild eines Teichs, der nur dadurch entstand, dass die Kurzach aufgestaut wurde. Das waren die frühen 1960er Jahre – Massa war etwa zwölf Jahre alt und wusste noch nicht, dass er später einmal Ortsvorsteher in dem kleinen Oberstenfelder Teilort am Fuße der Löwensteiner Berge werden würde.
Karlheinz Massa kennt die Geschichten rund um das Naturfreibad. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)
Um das Naturfreibad ranken sich viele Geschichten. Massa hat viel zu erzählen. Etwa, wie er zunächst mit einigen anderen Jungen den Bach weiter unten aufstaute, dann aber der Keller eines Nachbarn volllief. Der Dummejungenstreich blieb nicht folgenlos: „Die Gemeinde Gronau reagierte und baggerte den Bereich vor dem Aquädukt aus.“ Das Naturfreibad entstand. Im etwa drei bis vier Meter tiefen und rund zehn mal 50 Meter messenden Teich ließ es sich besser schwimmen als im Bach, in dem man zwar bei 1,50 Meter noch stehen konnte, aber nicht viel Platz hatte.
Einen geregelten Badebetrieb gab es in den 1960er Jahren noch nicht. Weder passten Schwimmmeister auf, noch wurde an einer Kasse Eintritt erhoben. „Die Leute kamen einfach, stellten ihre Autos an der Straße ab und gingen schwimmen, um sich im Sommer abzukühlen“, erzählt Karlheinz Massa, der sich daran erinnert, das sich an den Wochenenden durchgängig immer so um die 20 bis 30 Menschen dort aufhielten. „Mit den langen Besuchen von Familien in heutigen Freibädern ist das nicht vergleichbar.“
Die Gäste des Naturfreibads kamen sogar bis aus Stuttgart
Ins Gronauer Bad kamen laut Massa vor allem Ortsansässige oder Leute aus den unmittelbaren Nachbarorten. „Es gab auch ein Freibad in Großbottwar im Bereich der heutigen Feuerwehr und eins in Ilsfeld, aber mit Eintritt.“ Andererseits schätzten Städter das Naturidyll. „Die Leute kamen bis aus Stuttgart“, erinnert sich Massas Ehefrau Adelheid. Eine kleine Holzhütte diente als Umkleidekabine, Toiletten gab es nur in Form einer notdürftig mit einer Bretterwand verkleideten Grube.
An gepflegten Rasen, wie er heute in Freibädern Standard ist, war nicht zu denken. Die Gemeinde ließ möglicherweise die Liegewiese zwischendurch mal mähen, berichtet Karlheinz Massa, „aber da musste man schon Glück haben“. Dornengewächse trübten den Badespaß zuweilen. Junge Leute übten sich im Kopfsprung, mussten aber, so Massa, mit Anlauf etwa zwei bis drei Meter Strecke überwinden, um im Teich zu gelangen. „Einmal landete ein Freund in den Brombeeren – er hatte die ganze Brust aufgerissen.“
Sprünge waren aber nicht die einzigen misslungenen Manöver am Ufer. „Einer kam mit seinem Moped und bremste immer scharf vor dem See“, erinnert sich Karlheinz Massa. Einmal hielt er zu spät an – „auf einmal platschte das Moped ins Wasser“. Viel Aufhebens wurde nicht gemacht, „jeder war mehr für sich verantwortlich“. Von Diebstählen am Ufer habe er nie etwas gehört. Müll, Zigarettenkippen? „Ganz wenig.“ Offenbar benahmen sich die Menschen.
Einen Bereich für Nichtschwimmer gab es, für FKKler aber nicht
Ob sich Pärchen nachts zum Schwimmen trafen? Massa schmunzelt ob dieser delikaten Frage. „Was da alles passiert ist, weiß ich nicht.“ Es habe jedenfalls keinen FKK-Bereich gegeben. Nur für Nichtschwimmer war der See abgeteilt. Ein Drahtseil diente als Abtrennung.
Wie sich das Naturfreibad entlang der Landesstraße von Gronau nach Prevorst erstreckt, zeigt eine Luftaufnahme des Instituts für Geoinformation und Landentwicklung in Kombination mit einer historischen Luftaufnahme aus dem Jahr 1968. Der Marbacher Reinhard Wolf, Spezialist für Kleindenkmale im Raum Marbach und im Bottwartal, hat das Objekt erfasst: „Ich kenne das Freibad seit etwa 1975, da war das Naturbecken noch nicht mit Gebüsch verwachsen, aber abgelassen und wurde nicht mehr genutzt.“
Reinhard Wolf erinnert sich an ein etwa fünf Meter breites Plateau als Liegewiese und an ein Sprungbrett direkt am Mönch des Aquäduktes, der über ein Brückenbauwerk führt und die Gronauer Mühle im Mühlbach mit Wasser versorgt. Die Gemeinde Oberstenfeld wollte den Abriss dieses Bauwerks durch den Hochwasserzweckverband Bottwartal zunächst – auch wegen der Eile des Hochwasserschutzes – zulassen, besann sich dann aber nach Einsprüchen des BUND Heilbronn-Franken und des Historischen Vereins Bottwartal, einem Kompromissangebot aus dem Landratsamt Ludwigsburg und einer veränderten Beschlusslage im Hochwasserzweckverband Bottwartal anders.
Das Naturfreibad und der Schlamm – ein besonderes Kapitel
Erst gegen Ende des Naturfreibads lernte Manfred Hollenbach die Örtlichkeit kennen. Der spätere langjährige Bürgermeister von Murr kam 1966 als Kämmerer nach Oberstenfeld. In Gesprächen mit dem damaligen Gronauer und Schmidhausener Bürgermeister Heinz Heeger erfuhr er, dass Heeger kurz nach Beginn seiner Amtszeit 1962 die Feuerwehr beauftragen musste, vor der Badesaison Schlamm und Schmutz von Boden und Ufer zu entfernen. „Das geschah aber mit den Schläuchen so vehement, dass die geballte Ladung Schlamm die Pächter der Gewässer und Inhaber der Fischereirechte verärgerte.“ Danach sei offenbar behutsamer gereinigt worden.