Naturkatastrophe vor 200 Jahren Jahre ohne Hoffnung

Von Gunter Haug 

Vor 200 Jahren hat der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora auch extremes Unglück über Württemberg gebracht – die Folgen hierzulande waren Hungersnot und Auswanderung. Doch die Naturkatastrophe war auch ein Anstoß für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Der Tambora in Indonesien ist weiterhin aktiv. Seine Eruption im Jahr 1815 ist die größte Vulkankatastrophe in den letzten etwa 26.000 Jahren. Die Auswirkungen trafen damals auch Baden-Württemberg hart. Foto: dpa
Der Tambora in Indonesien ist weiterhin aktiv. Seine Eruption im Jahr 1815 ist die größte Vulkankatastrophe in den letzten etwa 26.000 Jahren. Die Auswirkungen trafen damals auch Baden-Württemberg hart. Foto: dpa

Stuttgart - Vor 200 Jahren hat sich in Südostasien eine Naturkatastrophe ereignet, deren Auswirkungen das Leben in Württemberg dramatisch verändern sollten. Am 5. April 1815 ist auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora explodiert und hat eine gigantische Aschewolke in den Himmel geschleudert. Zehn Tage lang, bis zum 15. April. Und hinterher war der ehemals 4300 Meter hohe Vulkan nur noch 2850 Meter hoch. Die Sprengkraft von umgerechnet 170 000 Hiroshimabomben hat ihn in Stücke gerissen.

Es war der größte Vulkanausbruch der Neuzeit, die stärkste Eruption seit 26.000 Jahren, mehr als zehnmal so heftig, wie der Ausbruch des Krakatau im August 1883. Mehr als 70.000 Menschen auf Sumbawa und den umliegenden Inseln sind 1815 im glühend heißen Ascheregen und durch den abschließenden Tsunami gestorben.

Ein gewaltiger Teil der Aschewolke ist extrem hoch in die Atmosphäre geschossen und hat seinen Weg in die nördliche Halbkugel genommen. Mit dramatischen Auswirkungen auf das Wetter in Europa. Auf 1815 folgte das kälteste und dunkelste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. So ist 1816 längst als „Das Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingegangen.

Vor allem das Gebiet zwischen Main und Alpen hat es durch ungünstige meteorologische Verhältnisse ganz besonders schlimm erwischt: die fahle Sonne hinter einem diffusen Schleier versteckt, die Temperaturen weit unter dem Jahresdurchschnitt, dafür permanente Regengüsse, sodass Baden, Württemberg und Vorarlberg beinahe im Wasser versanken.

Das Getreide verschimmelte am Halm

Im Juni fiel noch Schnee, im August gefror schon wieder der Boden. Das Getreide verschimmelte am Halm, die Kartoffeln verfaulten in den Äckern, Äpfel, Birnen und Trauben wurden nicht reif. Und das, nachdem schon die Jahre zuvor in klimatischer Hinsicht und durch den elend langen Krieg mit Napoleon schlimm genug verlaufen waren.

Als Folge schraubten sich die Lebensmittelpreise in astronomische Höhen. Unbezahlbar für den Großteil der Bevölkerung. Nur ganz wenige konnten es sich leisten, Essen oder Saatgut zu kaufen. So kam es zu einer gravierenden Hungersnot. Oft genug haben sich die verzweifelten Menschen mit Bucheckern den Magen gefüllt, mit zu Brei zermahlenen Eicheln, mit Wurzeln und anderen Sattmachern von eher zweifelhaftem kulinarischen Nährwert.

Die nächste Station war das Armenhaus. Oder die Auswanderung.

Es kam zu einem massenhaften Exodus, wobei die Schultheißen vieler Orte den „Hungerleidern“ sogar noch die Reisekosten bezahlten, damit sie nicht mehr aus öffentlichen Kassen und der Dorfgemeinschaft unterstützt werden mussten.