Hier ruht die Geschichte der Erde: Ein Besuch bei den zwölf Millionen Teilen im Archiv des Stuttgarter Naturkundemuseums.
Schätze liegen immer im Verborgenen. Das weiß, wer mit Jim Hawkins auf der „Schatzinsel“ unterwegs war oder Jack Sparrow auf der Suche nach dem Aztekengold begleitet hat. Nun trägt Rainer Schoch weder eine Augenklappe noch einen Dreispitz, doch er hat den Schlüssel zu einem der wertvollsten Schätze der Stadt. Der natürlich im Verborgenen ruht. Einen Schatz, der in einem Pferdestall zu verrotten drohte. Bis er in die Katakomben unters Verwaltungsgebäude dem Löwentormuseums kam.
Dort stehen wir mit Schoch, dem Chef der Paläontologie des Naturkundemuseums, dem Herrn der Saurier. Er öffnet eine große Metalltür, man schaut in einen langen Gang. Rechts und links an den Wänden hängen Fossilien – Fischsaurier, gefunden in der Nachbarschaft. Denn vor Jahrmillionen war hier Land unter. Die Schwäbische Alb war der Boden eines Meeres.
Im Keller des Naturkundemuseums lagern zwölf Millionen Stücke
Fünf Millionen Fossilien lagern hier, insgesamt zwölf Millionen Stücke, neben den Sauriern auch Tiere und Pflanzen aller Art. In mehreren dieser langen Räume, in Regalen, Schubläden, alle gekennzeichnet. Mit Zetteln, viele noch in Sütterlin.
Eines der ältesten Stücke der Sammlung ist der Schädelrest eines Urzeit-Riesenhirsches, darauf zu sehen ist die Jahreszahl 1600. Viele Jahre später, nämlich 1791, verfügte Herzog Carl Eugen die Abtrennung des „Naturalien-Cabinets“ von der Kunst- und Antiquitätenkammer und unterstellte es Professoren seiner Hohen Carlsschule. Er legte damit den Grundstein fürs Naturkundemuseum.
Naturkundemuseum Stuttgart – Viele Schätze wurden vor der Haustür gefunden
Die Liebe zur Natur vererbte er an seinen Neffen, König Friedrich, einen ziemlich fetten Despoten. Als 1816 in Cannstatt die Reste von Mammuts entdeckt wurden, half Friedrich trotz seiner Leibesfülle mit, zwölf Stoßzähne auszugraben. Dabei erkältete er sich, bekam eine Lungenentzündung und starb. Sein Sohn Wilhelm I. führte Württemberg in die Moderne. Und ließ das Schloss Rosenstein bauen. Wie das Leben so spielt, ist heute dort die biologische Ausstellung des Naturkundemuseums zu sehen. Den Elefanten und den Seiwal hat fast jedes Stuttgarter Kind schon bestaunt.
So wie den T-Rex oder die Mammuts im Löwentormuseum, gewidmet den Funden der Urzeit. Eingeweiht 1985. Gerade noch rechtzeitig, um den Schatz zu sichern. Jenen Schatz, den Stuttgarter Wissenschaftler bei zahllosen Exkursionen und Expeditionen rund um den Globus ins Haus brachten. Doch vor allem wurden sie vor der Haustüre fündig: Mammute in Cannstatt, Adlerkopfechsen in Kaltental, Plateo-Saurier in Trossingen; aus Steinheim an der Murr kommt der Steppenelefant und der eine Viertelmillion Jahre alte Schädel des Urmenschen. Bei den Insekten beispielsweise finden sich eine Million Käfer. Von klein bis winzig.
Exponate aus Trossingen und Tansania im Naturkundemuseum
Gigantisch ist dagegen das Bein des, nun ja, Gigantosaurus. Das hat der damalige Leiter des Kabinetts, Eberhard Fraas, in Tansania ausgebuddelt. Geld hatte er vom deutschen Kaiser Wilhelm bekommen, weil er krank wurde, musste er abreisen. Und die Grabstelle den Preußen überlassen. Die mit den Funden den Grundstock fürs Berliner Naturkundemuseum legten.
So entfaltet sich Geschichte anhand von Knochen. Diese Geschichte kann man aber auch anders erzählen. Da reisen Europäer nach Afrika und klauen Fossilien, die sie publikumswirksam ausstellen. Noch gar nicht lange ist es her, dass Schoch Besuch aus Tansania empfing. Eine Delegation war da, schaute die Knochen des Gigantosaurus an und befand: Man kümmere sich gut in Stuttgart darum, die Knochen sollen ruhig weiter im Archiv lagern. Das ist ein Thema, dem sich die Naturkundemuseen stellen werden müssen. In Stuttgart allerdings sind diese Raubknochen eine Rarität, denn „Baden-Württemberg ist Saurierland“, so Schoch.
Saurier aus Heiningen – eine neue Gattung
Da sind etwa die schwäbischen Seedrachen. Entdeckt in Heiningen im Jahre 1975. Dort hatten Geologie-Studenten in einer Tonschicht Knochenreste gefunden. In einer Schicht, in der nach damaligen Erkenntnissen keine Knochenreste sein dürften. Aus Stuttgart kamen Paläontologen, sicherten den Fund. Er kam in Kisten ins Archiv.
35 Jahre später öffnete die Kanadierin Erin Maxwell die sechs Holzkisten aus Heiningen. Der Präparator Olav Maaß fand eingewickelt in vergilbtes Zeitungspapier Brocken aus Tonstein mit Knochenresten. Nach einem halben Jahr Feinarbeit war der 1,6 Meter lange, leicht gequetschte Schädel freipräpariert. Ein schwäbischer Seedrache, von dem bis dato nur drei Exemplare bekannt waren. Doch der Saurier aus Heiningen war anders, eine neue Gattung.
Das Naturkundemuseums wird im Krieg zerstört
Viel, sehr viel kleiner sind sandkorngroßen Schnecken, die Franz Hilgendorf 1863 auf ein kleines Stück Karton geklebt hat. Es ist der erste Stammbaum der Welt. Hilgendorf hat die Schnecken im Kalkboden des Steinheimer Beckens am Albuch ausgegraben. Wenn sich zwei Schnecken ähnlich sahen und die eine in einer höheren und damit jüngeren Schicht lag, nahm Hilgendorf an, dass sich diese aus der älteren entwickelt habe. In der dritten Ausgabe seines Klassikers „Die Entstehung der Arten“ erwähnte Charles Darwin den Steinheimer Stammbaum als Beleg für seine Theorie. Der Stammbaum landete im Archiv des Stuttgarter Naturkundemuseums.
Und wäre beinahe verloren gegangen. 1944 wird das Museumsgebäude an der Ecke Neckar-/Archivstraße durch Bomben zerstört. Ein Großteil der Sammlung war allerdings ausgelagert worden. Bis 1948 sammelte man die verstreuten Teile wieder, bringt sie nach Ludwigsburg in die Wilhelmskaserne. Sie lagern dort in ungeheizten und feuchten Räumen. 1970 schlägt Museumsdirektor Professor Bernhard Ziegler Alarm, die naturwissenschaftliche Sammlung drohe zu verrotten. Der Landtag beschließt mit knapper Mehrheit einen Neubau. Für 66 Millionen Mark baut man das Löwentormuseum. 1985 eröffnet OB Manfred Rommel den Neubau.
Baustellen als Fundgruben für Saurier
Und damit endlich einen angemessenen Platz für den Schatz. Und sicherte ihn damit für die Zukunft. Schoch zeigt einem eine Gipsplatte: 1977 beim Autobahnbau in Heilbronn hatte man einen Schädel gefunden. Der wurde eingegossen und wartet darauf, dass sich jemand ihm widmet. „Es ist okay, wenn es erst in 200 Jahren jemand macht.“ Hier unten läuft die Zeit anders. „Wir leben unser Leben auf der menschlichen Skala“, sagt Schoch, „aber das ist der Vorteil der Institution, wir bewahren für künftige Generationen. Unsere Nachfahren stellen vielleicht Fragen, die uns noch gar nicht einfallen.“
So wie er heute froh ist, dass sie viele Dutzend Zähne von Fischsauriern in ihren Schubladen haben. Was für seine Vorgänger alles gleich aussah, liefert heute dank der Technik unendlich viele Informationen. Nicht nur über die Körperwärme der Tiere und was sie gefressen haben, der Zahnschmelz verrät auch den Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt, der in der Luft herrschte. Und das über Jahrmillionen hinweg.
Eine Weltsensation wurde in Stuttgart entdeckt
Direktor Lars Krogmann sagt: „Mit über zwölf Millionen Objekten bewahren wir ein einzigartiges Archiv des Lebens.“ Und unserer Erde. Wo man früher Knochen sammelte, um Fossilien zusammenzubasteln, erforscht man heute Landschaften, baut aus winzigsten Spuren ein Abbild der Vergangenheit. Mit Hilfe des Archivs. Wie das funktioniert, kann man derzeit in der Ausstellung „Triassic Life“ oben im Löwentormuseum sehen.
Sie nahm hier unten ihren Anfang, beim Stöbern im Schatz. Schoch und seinen Mitarbeitern waren zwei Steine aufgefallen – der gut erhaltene Abdruck eines Reptils und eines Flügels. Oder war es gar kein Flügel? Der Mitarbeiter Stephan Spiekman fand in jahrelanger Detektivarbeit heraus, wie der Wundersaurier Mirsaura Grauvogeli aussah und dass die Evolution ihm eine „Federalternative“ spendiert hatte, die man so noch nirgends gefunden hatte.
Eine Weltsensation, die die Stuttgarter in der Bibel der Forscherpublizierten, dem Magazin „Nature“. Aber wichtiger noch ist des Grauvogelis Rolle als Zeuge einer Epoche, in der „die Evolution am Rad drehte“, das Trias. Vulkane ließen die Temperatur auf 35 Grad Celsius klettern, 80 Prozent des Lebens starb. Was eine unvorstellbare Katastrophe war, mündete in neues Leben. Die Erde blühte wieder auf. Pflanzen wuchsen, Tiere wagten sich hervor. Auch die Vorläufer der Säugetiere hatten sich angepasst. Die Stuttgarter Ausstellung zeigt, wie sich das Leben im Trias erholt hat, und wie die Wissenschaftler dies entschlüsselt haben.
Archiv im Naturkundemuseum – „Man muss gut lüften“
Mit Hilfe der Technik. Aber auch mit Hilfe ganz alter Inventurbücher. Jeden Fund hat man darin erfasst, mit Datum und Fundstelle. Angefangen von der Nummer 1, einem Reptil, der Nummer 2, einem „Saurus de 1749“, bis ins neue Jahrtausend hinein, ehe im letzten Buch ein grüner Klebezettel sagt: „Ab sofort nur noch über Computer“.
Schoch sagt, er schaue immer noch gerne in die Bücher, an der Handschrift erkenne er sofort, wer den Eintrag gemacht hat. Wer in den Büchern blättert, erkennt, mit wie viel Elan, Enthusiamus und Akribie über Jahrhunderte hinweg Menschen diesen Schatz zusammengetragen haben.
Apropos, kein Schatz kommt ohne einen Fluch aus. Und tatsächlich, die Dinos können auch im Tode noch bissig sein. Natürlich vorkommendes Uran wandert bei der Versteinerung in die Fossilien und wird dort eingelagert. Über die Jahre hinweg zerfällt es zu Radon, einem radioaktiven Gas. Mittlerweile weiß man das, man muss gut lüften. Doch früher, so erzählt, Rainer Schoch, „ist einem schon mal blümerant geworden, wenn man eine Schublade aufgemacht hat“. Er gibt seine Geheimnisse nicht leichtfertig preis, der Schatz im Verborgenen.