Naturnahes Gärtnern in Kaltental Wo Wildnis auf Zivilisation trifft

Die Kaltentaler kennen die bunten Schirmchen. Wer mehr über das Grundstück wissen möchte, ist am Tag des offenen Gartens willkommen. Foto: Schönewald/Blattwerk (privat)

Hartmut Bremer ist seit 40 Jahren selbstständiger Gartenbaumeister. Seinen Ideen von Artenvielfalt und naturnahem Gärtnern machten ihn vom Außenseiter zum Vorreiter.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Immer wieder gibt es alarmierende Meldungen über den Rückgang der Artenvielfalt und das Insektensterben. Der BUND gibt Tipps, wie man in seinem heimischen Garten etwas für die kleinen Tierchen tun kann. Nach Meinung der Umweltschützer setzt sich ein sogenannter Naturgarten aus vier Elementen zusammen: einem Bestand aus heimischen Sträuchern, einer Wildblumenwiese oder Blühfläche, einem Staudenbeet und – falls ausreichend Platz ist – einigen heimischen Laubbäumen. So steht es auf der Internetseite des BUND.

 

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So sieht das auch Hartmut Bremer. Für ihn ist der Garten ein Ort, an dem Mensch und Natur zusammenfinden. Darum hat er sich vor 40 Jahren als Gartenbaumeister selbstständig gemacht. Seit etlichen Jahren ist er nun mit seinem Unternehmen Blattwerk Gartengestaltung an der Böblinger Straße in Kaltental beheimatet – in einem Komplex, der früher ein Autohaus war. Die Idee, moderne Gärten anzulegen, welche die Artenvielfalt berücksichtigen und dennoch eine hohe Aufenthaltsqualität haben, sei damals für ihn die Motivation gewesen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. „Seinerzeit, in den 1980er Jahren, gab es eine starke Umweltbewegung“, ordnet Bremer das Ereignis ein. Auch er selbst habe dieser Umweltbewegung angehört.

Damals hätten nur Nerds vom Insektensterben gesprochen

Doch in den 1990er Jahren wurde er mit seinem Betrieb zum Außenseiter. Naturnahe Gartengestaltung „war eine Randbemerkung, das machten nur die Müslifresser“, sagt Hartmut Bremer und lacht. Viele hätten einen aufgeräumten Garten haben wollen, so wie in den kleinen Beeten vor großen Kreditinstituten, wo Pflanzen maximal noch strukturierende Momente seien. Und die Zeit um die Jahrtausendwende sei, was das Bewusstsein für Natur, Umwelt und Artenvielfalt betreffe, „eine Katastrophe“ gewesen. „Damals haben nur irgendwelche Nerds vom Insektensterben gesprochen“, sagt Bremer.

Auch er selbst habe sich in dieser Zeit zumindest ein Stück weit angepasst. Er habe ja auch Geld verdienen müssen. „Ich gehöre zur Generation, die es verbockt hat“, sagt Bremer und geht hart mit sich ins Gericht. Er habe es wieder lernen müssen, in einem Löwenzahn, der zwischen Pflastersteinen sprieße, eine schöne Pflanze zu sehen.

Was im eigenen Garten alles geht – und was es nicht braucht

In jüngerer Zeit habe sich vieles verändert. Seitdem gehöre das Summen der Insekten und das Zwitschern der Vögel für viele Menschen wieder zu einem Garten dazu. „Kein Wunder, denn der Klimawandel lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Und er ist vom Menschen gemacht“, sagt Hartmut Bremer. Diese traurige Erkenntnis hätten ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen massiven Rückenwind beschert. Das tue gut, es zeige aber auch die Not. „Mit dem Thema, mit dem wir vor 40 Jahren als Außenseiter gestartet sind, sind wir nun zum Vorreiter geworden.“

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Wie ein naturnahes, aber nicht verwildertes Grundstück aussehen kann, ist im Schaugarten oberhalb der Böblinger Straße zu sehen. Das etwa 1750 Quadratmeter große Areal befindet sich an einem steilen Hang. Als die heutigen Blattwerk-Gebäude noch ein Autohaus waren, war das Gelände „sträflich vernachlässigt worden“, sagt Bremer. „Es war nur eine Deponie für alte Autoreifen. Von denen haben wir hier etliche gefunden.“ Für Laien ist das Grundstück wegen seiner steilen Lage auch nicht leicht zu bewirtschaften. Doch Hartmut Bremer zeigt, was alles geht – und was es nicht braucht.

In seinem Garten gibt es keine Chemie

„Wildnis trifft Zivilisation“, sagt er. Und so gibt es in dem Gelände mehrere kleine Inseln, fachmännisch gestaltete Terrassenplätze, rundrum getrimmte Hecken und gepflegte Blumenbeete. Aber dahinter darf es durchaus etwas wilder sein, viel wilder. Da wachsen Giersch und Brennnesseln, Löwenzahn und Gänseblümchen. „Traue keinem Ort, an dem es kein Unkraut gibt“ und „lerne den Giersch lieben“, sagt Bremer. Die Sätze seien nicht von ihm, schiebt er hinterher. Aber sie würden seine Sicht auf die Dinge wiedergeben. Denn Chemie wird in seinem Garten nicht eingesetzt.

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Gärtnern heißt für Hartmut Bremer, etwas in Obhut zu nehmen. Früher, als die Landschaft noch wild war, waren das besondere Pflanzen, die gehegt und gepflegt werden wollten. Doch heute, wo die Natur immer weniger Natur sein dürfe, müsse man andersrum denken. Jetzt gelte es, in seinem Garten die Natur in Obhut zu nehmen. Zumindest in einigen Teilen, zum Beispiel in denen, die etwas abgelegener seien. Nicht jede Ecke im Garten müsse aufgeräumt sein, findet Bremer, er lebt das auch selbst und spricht von einer „anderen Ästhetik“.

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