Naturschauspiel am Federsee Die Kornweihen sind da

Kornweihen bewegen sie sich meist in geringer Höhe, um mithilfe ihrer scharfen Augen und ihres Hörsinns den Boden nach ihrer Leibspeise abzusuchen: Wühlmäuse. Foto: Nabu/Klaus Mendla

Kornweihen sind hierzulande als Brutvögel ausgestorben. Am Federsee kann man die Greifvögel dennoch entdecken.

Windstill. Bitterkalt. In der glatten Wasseroberfläche spiegelt sich das weiße Licht der tief stehenden Wintersonne. Die Schneeschmelze und der heftige Dezemberregen haben große Teile der Riedwiesen überflutet. Wo noch kein Wasser steht, äsen in aller Ruhe Rehe. Dann durchbricht ein Schwanenpaar im Tiefflug mit seinen kräftigen Flügelschlägen die Stille des dämmernden Nachmittags.

 

Katrin Fritzsch setzt das Fernglas an und sucht einen der noch nicht überfluteten Wiesenstreifen hinter dem Schilfgürtel ab. „Wer Vögel beobachten will, braucht Geduld“, sagt die 53-jährige Leiterin des Naturschutzzentrums Federsee. Draußen, auf dem mehr als anderthalb Kilometer langen Holzsteg, der am Ortsrand von Bad Buchau bis hinaus aufs offene Wasser führt, sind an diesem Wochentag kaum Menschen anzutreffen.

Dabei würde es sich lohnen: Jetzt, kurz vor Sonnenuntergang, ereignet sich hier zwischen November und März ein Schauspiel, das in Baden-Württemberg seinesgleichen sucht. Vom Aussichtsturm am Federseesteg liegt der Blick frei auf die Winterschlafplätze der Kornweihen, einer in ganz Deutschland vom Aussterben bedrohten Greifvogelart, die im Südwesten seit Jahrzehnten nicht mehr brütet und damit in Baden-Württemberg als Brutvogel als ausgestorben gilt. In Deutschland zählen die Ornithologen aktuell nur noch rund 40 bis 60 Brutpaare, fast alle an der Nordseeküste. Beobachtet werden kann dieser extrem selten gewordene Vogel in unseren Breiten nur noch, nachdem er im Spätsommer seine Brutgebiete in Nord- und Nordosteuropa verlassen hat und hierzulande überwintert.

Weibchen oder männliches Jungtier?

Plötzlich, tief am Horizont, ein dunkler Punkt am Himmel, der sich langsam, aber zielstrebig dem See nähert. Einige Sekunden später erkennt Katrin Fritzsch, noch immer konzentriert durch das Fernglas blickend: „Ein weibchenfarbenes Exemplar.“ Das Gefieder der weiblichen Kornweihe besitzt eine braune Grundfärbung. An der Unterseite ist es gelblich-weiß mit braunen Strichen.

Das Problem: Weibchen ähneln frappierend männlichen Jungtieren. Eine exakte Geschlechtsbestimmung im Flug ist anspruchsvoll. Die erwachsene männliche Kornweihe lässt sich dagegen durch ihre blaugraue Färbung der Flügel und der hellen Bauchseite auf Anhieb von einem Weibchen unterscheiden. Deshalb der Ausdruck „weibchenfarben“. Er betont, dass es sich bei dem vermeintlich weiblichen Vogel genauso gut um ein junges Männchen handeln könnte.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Aus fast allen Himmelsrichtungen gleiten die Kornweihen in ihrem typisch langsamen Gaukelflug den Schlafplätzen im Federseeried entgegen. Kreisen sie über dem Areal, ist gut zu erkennen, dass sie die Flügel V-förmig nach oben halten, nur unterbrochen von rhythmisch wiederkehrenden Flügelschlägen. Anders als Bussarde bewegen sie sich meist in geringer Höhe, um mithilfe ihrer scharfen Augen und ihres Hörsinns den Boden nach ihrer Leibspeise abzusuchen: Wühlmäuse.

„Am Federsee haben wir im Winter in den vergangenen Jahren immer mehr als 100 Kornweihen gezählt“, berichtet Fritzsch. Bei der letzten Zählung im November waren es 128. Der Spitzenwert lag in den vergangenen Jahren bei rund 160 Individuen. Das Federseemoor ist damit, wie die Leiterin des Naturschutzzentrums Federsee des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) betont, das wichtigste Überwinterungsgebiet der Kornweihen im gesamten südlichen Mitteleuropa.

Wie auf Bestellung kehren die Vögel Tag für Tag kurz vor Sonnenuntergang von ihren Beutezügen zurück. In einem Umkreis von rund 15 Kilometern gehen sie tagsüber auf Wühlmausjagd. „Sie fressen dabei rund ein Dutzend Mäuse“, sagt Fritzsch. Zurück an ihrem Schlafplatz, kreisen sie noch eine Weile über den feuchten Wiesen, bevor sie plötzlich herabstürzen und dann nicht wieder auftauchen, bevor der Morgen graut.

„Sie übernachten in kleinen Schlafmulden am Boden“, erklärt Fritzsch. Selten sind es zweimal dieselben Mulden, aber fast immer dieselben Schlafplätze, die sie in Gruppen aufsuchen. „Wichtig ist ein Pflanzenaufwuchs von rund 50 Zentimetern oder mehr“, sagt die Biologin.

Die Tiere finden Ruhe in hoher Vegetation

Nur in hoher Vegetation fühlen sich die Kornweihen sicher und finden Ruhe. Deshalb sei es so wichtig, dass auch in den landwirtschaftlich genutzten Flächen am See entsprechende Brachflächen erhalten werden.

Ein Problem für die Greifvogelart ist heftiger Schneefall, wie er in diesem Winter Anfang Dezember kurzzeitig über das Land hereingebrochen war. Dann fällt den Kornweihen nicht nur die Jagd auf die Wühlmäuse schwer. Weil die Schneelast auch das hohe Gras der Riedwiesen niederdrückt, verlieren die Kornweihen nach Schneefall auch schnell einen gut Teil ihrer Schlafplätze. In solchen Fällen ziehen sie sich, wenngleich offensichtlich nur ungern, ins höhere und robusterer Schilf zurück oder sie verlassen die Gegend, um in mildere Regionen wie den Bodenseeraum umzuziehen. Mangels ausgedehnter Riedwiesen sind dort aber die Bedingungen grundsätzlich schlechter als rund um den oberschwäbischen Federsee.

Weil genau das in diesem Winter passiert ist, finden sich momentan rund um den See etwas weniger als die noch im November gezählten 128 Kornweihen ein. Beobachten kann man sie dennoch weiterhin wie kaum sonst irgendwo im Land. „An den Aussichtsplattformen und -türmen am Federsee kommt man ihnen sehr nahe“, sagt Fritzsch. „Das ist einmalig.“ Wie viele Kornweihen im Winter den Südwesten erreichen, hängt stark ab vom jeweiligen Bruterfolg der Vögel in ihren nordeuropäischen Brutgebieten. Der europäische Brutbestand wird aktuell auf 30 000 bis 54 000 Paare geschätzt, wobei die Ornithologen von einem stetigen Rückgang ausgehen.

„In Deutschland ist der Lebensraum der Kornweihen nach und nach vernichtet worden“, sagt Katrin Fritzsch. Vor allem die Entwässerung von Feuchtgebieten und damit einhergehend die Intensivierung der Landwirtschaft haben dem Greifvogel hierzulande die Lebensgrundlage entzogen. Dazu kommen Aufforstungen von Niedermoorflächen und die Umnutzung von Grün- in Ackerland. Pestizideinsatz und die Erschließung von Bauland tun ihr Übriges.

„Für das Überwintern der Kornweihen im Federseemoor waren die Renaturierungsmaßnahmen der letzten 20 Jahre extrem wichtig“, erklärt die Biologin. Zuletzt wurden 2014 im Rahmen eines sogenannten LIFE-Projekts größere Flächen im Ried extensiviert und die Pflegemaßnahmen entsprechend angepasst. „Damals sind potenzielle neue Lebensräume und Schlafplätze für die Kornweihen entstanden“, sagt Fritzsch.

Frühaufsteher können die Vögel beobachten

Die für die Bestandsüberwachung wichtige Zählung der Tiere kann nur im Morgengrauen stattfinden, wenn die Vögel nahezu gleichzeitig von ihren Schlafplätzen aufsteigen. „Dazu müssen wir am Abend zuvor schauen, wo die Vögel niedergegangenen sind. Zuletzt war das an vier verschiedenen Gruppenschlafplätzen der Fall.“

Acht Helfer haben sich daraufhin am folgenden Morgen gegen 7 Uhr mit Fernglas und mit Schreibblöcken auf die jeweils geeigneten Aussichtsplattformen verteilt. Jedes Team hat einen bestimmten Schlafplatz im Visier. „Da muss man dann auf Zack sein“, sagt Katrin Fritzsch, zumal möglichst auch noch das jeweilige Geschlecht des Vogels bestimmt werden soll.

„Hinter diesen Bulten steigen sie zum Beispiel auf“, erzählt die Leiterin des Naturschutzzentrums und zeigt auf einige Großseggen weit draußen im Ried. Sie sehen aus wie überdimensionale, mit hohem Gras bewachsene Sitzpolster. „Jeder Helfer zählt nur die Vögel eines bestimmten Schlafplatzes.“ Ist der kurze morgendliche Aufstieg der Weihen vorüber, ist das Zählen in der Luft nicht mehr möglich.

Außer den seltenen Greifvögeln können im Winter am Federsee auch Gänsesäger, zahlreiche Entenarten, Haubentaucher, Graureiher oder mit etwas Glück Große Rohrdommeln beobachtet werden. Auch Raubwürger und Merline, die kleinste europäische Falkenart, überwintern im Moor. Wer die Kornweihen selbst beobachten will, sollte sich rund eine bis zwei Stunden vor Sonnenuntergang an den Aussichtsplattformen im Südwesten des Rieds oder auf dem Aussichtsturm am Federseesteg mit einem Fernglas einfinden. Bis zum Heimzug der Greifvögel in ihre Brutgebiete etwa im März bestehen auch bei den öffentlichen Führungen des Naturschutzzentrums gute Beobachtungsmöglichkeiten.

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