Naturschützer protestieren gegen Uni Nachhaltig bauen ohne Naturschutz

Auf diesen Parkplatzflächen könnte nachverdichtet werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Auf dem Vaihinger Campus der Uni Stuttgart soll ein neues Forschungsgebäude zum Thema nachhaltigen Bauen entstehen. Naturschutzaspekte werden dabei allerdings nicht berücksichtigt.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Das ist ein Zukunftsszenario: Alle, die mit dem Bau eines Gebäude befasst sind, vom Gutachter über die Planer bis zu dem, der den letzten Dachziegel setzt, sitzen zusammen und sind miteinander vernetzt. Bei der Gelegenheit wird dann auch erforscht, wie mit der Hilfe von Robotern effizienter gebaut werden kann. Derlei plant die Universität Stuttgart, die auf ihrem Vaihinger Campus-Gelände am Pfaffenwaldring ein so genanntes Large-Scale Construction Robotics Laboratory (LCRL) erstellen will. Es ist bundesweit das erste Objekt, in dem eine Universität als Bauherr auftritt. Hier soll nachhaltigeres Bauen weiterentwickelt werden, da viele Planungs- und Entwicklungsschritte dann an einem Ort interdisziplinär stattfinden.

 

Bis zu 200 Jahre alte Eichen in Gefahr

Doch die Natur auf dem für diesen Bau vorgesehenen Grundstück hat dabei offensichtlich keinen Fürsprecher. Naturschutzverbände wie zunächst Robin Wood, jetzt auch BUND und NABU zeigen sich jedenfalls entsetzt über die Pläne. „Für den Bau dieses neuen Clustergebäudes soll noch im Dezember dieses Jahres ein fast 0,8 Hektar großes Waldareal gerodet werden“, schreibt Robin Wood. Der BUND beschreibt dies genauer: Auf diesem Areal befinden sich offensichtlich 100 bis 200 Jahre alte Eichen, an die 20 Stück. Und etwa 60 weitere größere Bäume wie Rotbuchen. Gerhard Pfeifer vom BUND: „Da etliche Bäume Höhlen, Spalten und Risse aufweisen, sind von der Rodung eine Reihe von geschützten Fledermaus- und Vogelarten sowie von seltenen Holzkäferarten wie Rosen- und Goldkäfer betroffen. Die Fortpflanzungs- und Ruhestätten dieser Tiere würden bei einer Fällung der Bäume zerstört. Bei den Vögeln sind streng geschützte Arten wie Grünspecht, Mittelspecht und Hohltaube besonders betroffen.“

Was die Naturschutzverbände zusätzlich ärgert: Rings um das geplante Bauvorhaben gebe es viele versiegelte Flächen, die kaum genutzt werden. „Parkplätze sind auf dem Uni-Campus im Überfluss vorhanden“, sagt Eberhard Linckh von Robin Wood, „zudem ist der Campus sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.“ Deshalb fordert Stefan Kress vom NABU: „Das Land als Bauherr hat eine hohe Verantwortung für den Erhalt der Biodiversität und ist an der Einhaltung seiner Natur- und Flächenschutzziele an dem Projekt zu messen.“

Lichtemissionen sind zu befürchten

Was BUND und NABU auch noch missfällt: Das Gebäude direkt am angrenzenden Naturschutzgebiet Rotwildpark, insbesondere am besonders streng geschützten Gebiet „Glemswald und Stuttgarter Bucht“ soll zwölf Stockwerke hoch werden. Die Pufferwirkung der bestehenden Waldfläche zwischen Schutzgebiet und Unigelände würde so entfallen. Künftige Lichtemissionen des Neubaus, die weit in den Rotwildpark ausstrahlen, seien insbesondere für Insekten nachteilig. Dazu sagt Eberhard Linckh von Robin Wood: „Es ist absurd, dass ausgerechnet ein Projekt, das mit Nachhaltigkeit wirbt, bei der Umsetzung ohne Not gegen Nachhaltigkeit verstößt. Mitten in der Klimakrise zählt jeder Baum, gerade auch in Großstädten wie Stuttgart. Deshalb fordern wir, die Bauplanung so zu ändern, dass keine alten Bäume gefällt werden.“ Das müsse ein Leichtes sein, weil die Universität Bauherrin des Vorhabens sei, sagt er.

Der BUND-Regionalgeschäftsführer Gerhard Pfeifer sagt dazu: „Großflächige Waldkahlschläge auf der Gemarkung der hochverdichteten Landeshauptstadt konterkarieren die Klimaschutz- und Klimaanpassungsziele des Landes und der Stadt. In Stuttgart fand die letzte größere Waldrodung für den Neubau der EnBW-City im Gewerbegebiet Fasanenhof-Ost statt – das war vor etwa 20 Jahren. Wir glaubten, die Zeit der Waldkahlschläge für Bauprojekte in der Großstadt zwischen Wald und Reben sei endgültig vorbei. “

Forscher aus sieben Bau-Fakultäten

Die Universität begrüßt das Projekt. Das sie als Bauherr auftritt, sind Abstimmungen mit dem Wissenschafts- , dem Finanzministerium, der staatlichen Vermögens- und Hochbauverwaltung, mit dem Universitätsbauamt nicht mehr nötig. Und in diesem Gebäude arbeiten Forschende aus sieben Fakultäten zusammen. Eben jene, die mit Bauen zu tun haben. Nur die Fakultät, die den Naturschutz im Sinn hat, wurde offensichtlich vergessen.

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