Naturschutz im Kreis Esslingen Ungewöhnlicher Job: Was macht ein Botschafter für Mähwiesen?

Der Steinbruch Nonnenklinge bei Esslingen soll zum Tier-Eldorado werden, führten die Landtagsabgeordnete Andrea Lindlohr, die erste Landesbeamtin Marion Leuze-Mohr und Matthias Scheider vom Grünflächenamt beim Vor-Ort-Termin (von links) aus. Foto: Roberto Bulgrin

Thomas Köhler hat einen ungewöhnlichen Beruf. Ein Besuch des Steinbruchs Nonnenklinge in Esslingen brachte aber nicht nur das an den Tag.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Bei jedem Beruferaten wäre er der Star. Denn Thomas Köhler hat einen Exoten-Job: Der Biologe ist Mähwiesen-Botschafter beim Landschaftserhaltungsverband (LEV) des Landkreises Esslingen. Um sein Jobprofil, aber auch um Beiträge eines Motorsportclubs zum Umweltschutz, die Nutzung ehemaliger Steinbrüche als Tier-Eldorado und überhaupt die LEV-Tätigkeit ging es bei einem Vor-Ort-Termin der Landtagsabgeordneten Andrea Lindlohr (Grüne) mit Umweltschützern, Politikern sowie Vertretern der Stadt und des Landkreises Esslingen. Treffpunkt war am Steinbruch Nonnenklinge hinter Wäldenbronn bei Esslingen.

 

„Guten Tag, ich bin Mähwiesen-Botschafter“. Nicht nur beim Beruferaten, sondern auch bei jeder Party dürfte Thomas Köhler damit die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicher sein. Welche Aufgaben sein Kollege Köhler, der mit einer 50-Prozent-Stelle beim Landschaftserhaltungsverband angestellt ist, zu erfüllen hat, führte LEV-Geschäftsführer Alexander Sommer beim Vor-Ort-Termin aus.

Alexander Sommer ist Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbandes (LEV) im Landkreis Esslingen. Foto: Nadine Herbrand

Der Begriff „Mähwiesen“ mag zwar erst einmal unspektakulär klingen. Doch diese Wiesen, betonte Alexander Sommer, zeichneten sich durch eine hohe Vielfalt an Tieren sowie Pflanzen aus und böten einen Lebensraum für viele, auch gefährdete Arten. Daher seien sie im Umweltschutz eine wichtige Größe – und der Job von Thomas Köhler sehr wichtig. Mit Blick auf ihren Erhaltungszustand, so Alexander Sommer, würden Mähwiesen in die Kategorien A bis C eingeteilt – wobei „C“ der schlechteste Wert sei. Zur Tätigkeit von Thomas Köhler gehöre es nun, mit den Bewirtschaftern von Mähwiesen, mit Landwirten oder Privatpersonen, zu sprechen, sie zu beraten und ihnen Maßnahmen zur Aufwertung ihrer Grundstücke vorzuschlagen: „Ziel ist es, dass die Mähwiesen in die Kategorie A aufsteigen.“

Vier Kommunen aus dem Landkreis Esslingen machen noch nicht mit

Zur A-Klasse bei den Umweltschützern gehört nach Ansicht von Marion Leuze-Mohr, auch der Landschaftserhaltungsverband selbst. Er sei ihr „Baby“, denn sie sei von der ersten Stunde an mit dabei gewesen, gestand die erste Landesbeamtin im Kreis Esslingen. Gegründet im Oktober 2016, habe der LEV seine Arbeit mit Personal am 15. Februar des Folgejahres aufgenommen. Zu seinen Anfangszeiten waren ihren Worten zu Folge 33 Kommunen im Kreis Mitglied. Inzwischen seien es 40. Vier Städte und Gemeinden würden noch fehlen – darunter auch die Große Kreisstadt Ostfildern. Sie hoffe aber, so Leuze-Mohr, die Zögernden noch überzeugen zu können. Denn die Arbeit des LEV sei sehr sinnvoll.

Seine Partner für Projekte sucht sich der Verband nicht nur im klassischen Öko-Umfeld. Mit dem Motorsportclub Frickenhausen etwa besteht laut Alexander Sommer eine enge, eine fruchtbare Zusammenarbeit bei einem der Artenschutzprojekte. Auf dem Gelände des Clubs würden sich gefährdete Gelbbauchunken tummeln. Die Amphibien würden sich gerne in Tümpeln aufhalten, dort aber seien zum Beispiel gefräßige Libellenlarven eine Gefahr für ihre Kaulquappen. Nach einem Jahr Nutzung sollte die Unke daher im Idealfall in ein neues Gewässer umziehen. Der Motorsportclub beteilige sich am Erhalt der Tiere, indem er einen benutzten Tümpel nach zwölf Monaten zuschütte und als Ersatz einen neuen grabe. Motorgeräusche des Clubs oder ein Durchfahren der Tümpel mit den Motorrädern würden die Unke nicht stören, so Alexander Sommer, und die ungewöhnliche Open-air-WG von Tier und Motorsportlern funktioniere perfekt.

Jede einzelne Hecke in Erkenbrechtsweiler hat sich das Team angeschaut

Doch auch abseits der Hilfestellungen von naturverbundenen Bikern ist der LEV aktiv. In Erkenbrechtsweiler haben sich die Mitarbeitenden von 2020 bis 2024 jede einzelne Hecke angeschaut, sie katalogisiert und für die gesamte Gemeinde ein Heckenpflegekonzept mit Ratschlägen für Verbesserungen erstellt.

Natürliche Rasenmäher: die Schafbeweidung im Naturschutzgebiet Teck. Foto: Nadine Herbrand

Und in verlassenen Steinbrüchen hat das Team laut Alexander Sommer für neues Leben gesorgt. Im Neuffener Hörnle-Jusenberg etwa wurden die Laichhabitate verbessert, indem das Areal nach der Aufgabe der Bewirtschaftung großflächig aufgefüllt wurde. Und auch im Steinbruch Nonnenklinge bei Esslingen hat der Landschaftserhaltungverband ein Projekt umgesetzt. Auf dem Areal, so führte Matthias Scheider vom städtischen Grünflächenamt aus, sei bis 2004 Sand abgebaut worden, der als Baumaterial verwendet wurde. Danach sei das Gelände, in dem auch Gelbbauchunken und Zauneidechsen leben, als Biotop aufgebaut worden.

Schaffung von Lebensräumen mit Unterstützung des LEV: Trockenmauern im Gewann Bregel in Esslingen. Foto: Nadine Herbrand

Hilfe beim Behörden-Jogging gewährt der LEV auch. Der Landschaftserhaltungsverband unterstützt Landwirte, Vereine, Privatleute oder Kommunen bei der Abwicklung und der Antragstellung im Rahmen der Landschaftspflegerichtlinie. Aus diesem Förderprogramm des Landes Baden-Württemberg werden Maßnahmen zur Pflege der Kulturlandschaft wie Sanierungen von Trockenmauern, Biotopgestaltung, Nisthilfen oder die Anlage von Laichgewässern finanziell unterstützt. Im Vorjahr wurden laut Alexander Sommer Fördermittel in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro beantragt. Ausgezahlt wurden über 1,66 Millionen Euro. Manche Projekte seien aber noch in der Pipeline und könnten im laufenden Jahr bewilligt werden.

Missionare für die Landschaft

Aufgabe
In 33 der insgesamt 35 baden-württembergischen Landkreise gibt es laut Alexander Sommer Landschaftserhaltungsverbände. Aufgabe der gemeinnützigen Vereine auf Landkreisebene sei es, Kulturlandschaften mit einer besonderen biologischen Vielfalt oder einer Bedeutung für das Landschaftsbild zu erhalten und weiterzuentwickeln. Die LEVs verstehen sich als Brückenbauer zwischen Mensch und Natur.

Mitglieder
Zum LEV Esslingen gehören der Landkreis, 40 Kreiskommunen, drei Privatpersonen sowie Mitgliedsverbände und -vereine. Insgesamt hat der Verband 58 Mitglieder.

Team
Der LEV Esslingen ist im Amt für Bauen und Naturschutz des Landratsamts angesiedelt und hat seinen Sitz in der Röntgenstraße 16 bis 18 in Esslingen. Das Team ist derzeit vierköpfig. Eine weitere Mitarbeiterin kommt ab 1. September aus der Elternzeit zurück.

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