Naturschutz im Stuttgarter Norden Ein Dschungel mitten in der Innenstadt

Von Eva Funke 

Um der Bevölkerung die Natur in nächster Nachbarschaft näher zu bringen, macht die Naturschützerin Barbara Drescher regelmäßig kostenlose botanische Führungen zu Orten, die kaum jemand kennt.

Barbara Drescher (rechts) erklärt, warum die Wilde Möhre einen schwarzen Punkt in der Mitte ihrer Blüte  hat. Foto: Eva Funke
Barbara Drescher (rechts) erklärt, warum die Wilde Möhre einen schwarzen Punkt in der Mitte ihrer Blüte hat. Foto: Eva Funke

Stuttgart - Wie Finger ragen die Schotterflächen vom Neckar in das Nordbahnhof-Areal. Und mit den Güterzügen sind nach Auskunft von Barbara Drescher Pflanzen aus fernen Ländern nach Stuttgart gekommen. Die 71-jährige Landschaftsplanerin bietet ehrenamtlich für den Naturschutzbund (Nabu) Stuttgart botanische Führungen zu weitgehend unbekannten Ecken in Stuttgart an. Sie will so die Menschen auf oft am Wegrand übersehene Pflanzen aufmerksam machen.

Ein Dutzend Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer sind bei der Exkursion im Nordbahnhofviertel dabei. Einige haben bereits Nabu-Führungen mitgemacht wie Sabine Eberspächer. Die 80-Jährige war vor ein paar Tagen bei einer Exkursion zum Thema Insekten dabei und war begeistert: „Das war hochinteressant.“ Die anderen in der Gruppe sind gespannt, was in Ecken so alles wächst, die sie nicht kennen.

Bereits am Wegrand beim Treffpunkt S-Bahnhof an der Nordbahnhofstraße gibt es Überraschendes zu sehen. Die besonders geschützten Wildbienen surren auf Nahrungssuche zwischen Beifuß, Kletten und Goldrute umher, die überall dort wachsen, wo die Natur Wunden hat. Weiter geht es entlang der Schienen der Gäubahn. Sommerflieder, der es gern heiß mag und eine mittlere Jahrestemperatur von um die zehn Grad bevorzugt, verwilderte Birne und die Wilde Möhre machen die Strecke zu einem Dschungel mitten in der Innenstadt. „Ärgerlich sind allerdings die Zigarettenkippen, Plastikbecher und Tüten, die überall rumliegen, stellt Drescher fest.

Die Wilde Möhre lockt Fliegen mit einem besonderen Trick an, damit die zu ihrer Vermehrung beitragen. Drescher: „Der schwarze Punkt mitten in der Blüte gaukelt den männlichen Fliegen vor, dass dort ein Weibchen bereit zur Paarung sitzt.“ Auch die Grasblättrige Kresse, die auf der roten Liste steht, blüht an der Gäubahnstrecke. Der seltene schmalblättrige Hohlzahn gedeiht dort ebenfalls. Er wird sogar als Eisenbahnpflanze bezeichnet, weil er auf Waggons eingewandert ist und sich in den Schotterbetten wohlfühlt. Außer durch Güterzüge verbreiten sich die Samen der Pflanzen durch den Wind, die Vögel sowie durch die Besiedlung, stellt Drescher fest.

Ein Stück weiter entsteht nach den Worten der Naturschützerin ein „junger, wilder Wald“. Unter der Gäubahnbrücke wachsen Brombeersträucher. Sie tragen üppig Früchte. Vorbei an Robinien, Zitronenmelisse und Wilder Waldrebe geht es ins „Kulturschutzgebiet“ der Wagenhallen. „Obwohl ich schon ewig in Stuttgart lebe, kenne ich diese Ecke überhaupt nicht“, sagt eine 63-jährige Teilnehmerin. An den Wagenhallen angekommen, zeigt Barbara Drescher ihrer Gruppe eine der „letzten wilden Wiesen“ in Stuttgart. Dort wachsen der Weiße Steinklee, Bitterkraut, Echte Kamille und das Jakobs-Greiskraut. „Die Pferde wussten früher, dass sie Greiskraut nicht fressen dürfen. Heute fressen sie es und bekommen Koliken.“ Drescher vermutet, dass die Fohlen nicht lange genug bei ihren Müttern sind, um zu lernen, was gut und was nicht gut für sie ist. Für Insekten und Vögel ist die wilde Wiese ein Paradies: Distelfinken und Rotschwänzchen zeigen sich.

Die Abschlussbesprechung der Teilnehmer findet unter den Zweigen der Trauerweide auf dem Stadtacker statt. Wie ein grünes Zelt spendet sie in der Sommerhitze Schatten.

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