Stuttgart - In unserer Zeit, in der die meisten unbebauten Flächen intensiv als Äcker oder Wiesen genutzt werden, bekommen Straßenränder plötzlich eine ungeahnte Bedeutung für den Artenschutz: Denn sie bleiben in der Regel frei von Düngung und Pestiziden und verbinden zudem über weite Strecken Naturräume miteinander. So könnten sie potenziell vielen Insekten und Wiesenpflanzen einen Rückzugsort bieten.
Und immerhin handelt es sich dabei in Baden-Württemberg um 27 000 Hektar Fläche – das ist fast anderthalb Mal so groß wie das gesamte Stadtgebiet von Stuttgart. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) betont deshalb: „Der Straßenbau und der Straßenverkehr haben über Jahrzehnte zum Artensterben beigetragen. Es ist überfällig, diesen Trend zu stoppen und umzukehren.“
Das derzeitige Mulchen verstärkt die Artenarmut
In einem sechsjährigen Modellversuch hat das Ministerium deshalb zusammen mit sechs Landkreisen und der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen untersucht, wie man dieses „Straßenbegleitgrün“, wie die Böschungen im Behördendeutsch heißen, ökologisch aufwerten könnte. Die Ergebnisse liegen nun vor.
Zum einen hat man Flächen identifizieren können, die schon jetzt eine hohe Artenvielfalt aufweisen – oft sind es Trockenwiesen, die nach Süden exponiert und nährstoffarm sind, ähnlich wie Wacholderheiden auf der Alb. Sie gilt es künftig im Auge zu behalten, damit ihre biologische Qualität gewahrt bleibt. Zum anderen hat sich die Erkenntnis bestätigt, dass das sogenannte Mulchen – das Gras wird gemäht und bleibt liegen – zu einer Verarmung der Arten führt; meist kommen nur noch wenige Gräsersorten hoch. Gerade diese Art der Pflege wird an den Straßenrändern aber bevorzugt gemacht.
Eine bessere Pflege wäre sechs Mal so teuer
Besser wäre es, die Böschungen zweimal im Jahr zu mähen und das Gras zu entnehmen. Alternativ könnte man aktiv Pflanzensamen aussäen; an ausgewählten Standorten wäre es sogar am besten, zuerst die Oberschicht des Bodens abzutragen, weil sonst bestimmte Arten schnell wieder dominieren.
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Wie so häufig liegt aber das Problem bei dieser ökologischen Aufwertung beim Geld. Das Team um Christian Küpfer von der Hochschule Nürtingen-Geislingen hat errechnet, dass das zweimalige Mähen fast sechs Mal so teuer ist wie das Mulchen – und dabei sind die Kosten für das Entsorgen des Mähguts noch gar nicht enthalten. Das wären also Mehrkosten von Millionen von Euro pro Landkreis. Die Straßenbauämter können diese bessere Pflege deshalb finanziell nicht stemmen und haben oft auch gar nicht die notwendigen Geräte dazu.
Rückzugsorte für Insekten sollen geschaffen werden
„Wir müssen sehr aufs Geld schauen“, sagt etwa Thorsten König, der Leiter des Straßenbauamtes für Esslingen und Göppingen; der Landkreis Göppingen war einer der sechs Teilnehmer am Modellversuch. Er sieht deshalb das Verkehrsministerium in der Pflicht, mehr Fördermittel zur Verfügung zu stellen. Immerhin konnte das Straßenbauamt Esslingen und Göppingen aber viele zusammenhängende Flächen erfassen und definieren, bei welchen sich eine Aufwertung lohnen würde. Schon das sei ein Gewinn des Modellversuchs, so König.
Im Hohenlohekreis, ebenfalls Partner der Studie, will man einige Maßnahmen auf jeden Fall weiterführen, sagt Oliver Bückner, der Leiter des Straßenbauamtes in Künzelsau. So sei es relativ leicht umsetzbar und wenig kostenintensiv, manche Gebiete aus der Pflege zu nehmen – Insekten könnten auf diese „Refugialflächen“ fliehen, wenn in der Umgegend gemäht wird; und sie könnten dort auch überwintern. Er spricht von 20 Prozent der Fläche. An bestimmten Standorten könne man auch den Mehraufwand mit zweimaligem Mähen leisten; dies werde bei knapp drei Hektar vom Land auch bereits über sein „Programm zur Stärkung der biologischen Vielfalt“ gefördert. Ein Sozialunternehmen, das langzeitarbeitslose Menschen beschäftigt, übernimmt dabei die Mehrarbeit. Wichtig sei vor allem auch, die Mitarbeiter der Straßenbauämter zu schulen, so Günter Thürauf, der im Hohenlohekreis das Projekt verantwortet hat.
Straßenränder können nie den Wert von artenreichem Grünland haben
Trotz aller Bemühungen vor Ort lässt sich aber aus dem Bericht herauslesen, dass es schon aus finanziellen Gründen illusorisch ist, alle Straßenränder ökologisch aufzuwerten. Teilweise ist das auch nicht möglich, weil die Verkehrssicherheit immer Priorität hat. Das Team der Hochschule Nürtingen-Geislingen hat die Erwartungen zudem grundsätzlich gedämpft. Im Abschlussbericht lautet ein zentraler Satz: „Straßenbegleitgrün wird niemals große zusammenhängende Naturschutzgebiete, vielfältige Landschaften, alte Wälder oder artenreiches Grünland ersetzen können.“
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Dominic Hahn, Naturschutzreferent des BUND Baden-Württemberg, sieht den Modellversuch deshalb zwar als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung an. Angesichts des fortschreitenden desaströsen Flächenverlusts durch neue Baugebiete oder Straßen sei es wichtig, alle nur denkbaren Lebensräume zurückzuerobern. Allerdings habe die Studie auch gezeigt, dass nur die teuersten Maßnahmen eine Verbesserung der Artenvielfalt mit sich gebracht habe. Vieles sei deshalb nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so Hahn.