Naturschutz in Baden-Württemberg Es geht endlich los im Nationalpark

Der Wildsee ist heute schon ein zentraler Anziehungspunkt im Nationalpark Schwarzwald. Foto: Baiersbronn Touristik/Max Günter

Nach jahrelangen Debatten hat der Landtag die Erweiterung des Nationalparks Schwarzwald beschlossen. Es gab viele Streitfelder, nun gibt es viele harte Kompromisse. Das sind die Fakten.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Viele Bürger können die endlosen Diskussionen um den Lückenschluss im Nationalpark Schwarzwald nicht mehr hören. Sie alle dürfen sich freuen: Am Mittwoch hat der Landtag nämlich einen Schlusspunkt gesetzt, und zwar mit der Verabschiedung des neuen Nationalparkgesetzes. Nur SPD und FDP stimmten dagegen.

 

Nun geht es also endlich los: Zum Jahresbeginn 2026 wird die Schutzfläche um 1500 Hektar größer. Doch in vielen Bereichen lagen die Regierungsparteien CDU und Grüne über Kreuz. Die Grünen sahen sich als Kämpfer für mehr Naturschutz, die CDU wollte dagegen Anwalt der Menschen in der Region sein. Erst durch die erweiterten Mitspracherechte der Kommunen könne nun von einem Bürgernationalpark gesprochen werden, sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Raimund Haser. Jedenfalls mussten Kröten geschluckt und Kompromisse gefunden werden. So sieht der neue Nationalpark aus.

Wie verändert sich der künftige Nationalpark Schwarzwald?

Die Flächen zwischen den beiden bisherigen Nationalparkflächen im Nordschwarzwald gehörten bisher der privaten Murgschifferschaft. Um die Lücke im Schutzgebiet schließen zu können, hat das Land mit ihr 2900 Hektar Wald im Wert von gut 68 Millionen Euro getauscht, die Genossenschaft erhält dafür ungefähr wertgleiche Wälder rund um Enzklösterle. Nun kann der Nationalpark deshalb vereinigt und vergrößert werden (siehe Karte). Bisher kamen jährlich 800 000 Besucher in den Park. Die Zustimmung zum Park lag auch in den umliegenden Gemeinden bei der letzten Umfrage über 80 Prozent, landesweit sogar bei 93 Prozent.

So sehen die alten und die neuen Grenzen des Nationalparks im Schwarzwald aus. Foto: Yann Lange

Kompromiss 1: nur eine kleine Fusion

Obwohl 2900 Hektar getauscht wurden, wächst der Park nur um 1500 Hektar auf 11 500 Hektar. Denn es wurden bestehende Schutzflächen vor allem auf Wunsch der CDU wieder herausgenommen. Der grüne Landtagsabgeordnete Markus Rösler kritisiert dies: Es sei europaweit einzigartig, dass eine so große Fläche einem Nationalpark wieder verloren gingen.

Grund ist das Borkenkäfermanagement: der Staatsbetrieb ForstBW soll künftig im Prinzip allein dafür sorgen, dass private Wälder rund um den Nationalpark nicht überschwemmt werden vom Borkenkäfer, indem in einem Pufferstreifen befallene Bäume rechtzeitig gefällt werden. Bisher erledigte dies die Nationalparkverwaltung in großen Teilen selbst. Zudem wird die ForstBW entschädigt für die Flächen, die die Murgschifferschaft erhalten hat. Insgesamt bekommt der Betrieb jährlich 1,6 Millionen Euro.

Manche munkeln deshalb, ForstBW sei neben der Murgschifferschaft einer der Gewinner der Nationalpark-Erweiterung, zumal ihr jetzt auch mehr Sitze und Stimmen im Rat und Beirat des Nationalparks zugesprochen wurden.

Kompromiss 2: Mehrere Zugeständnisse an Bewohner

Die extremen Konfrontationen bei der Gründung des Parks vor zwölf Jahren sollten sich nicht wiederholen – deshalb hat das Land den Anwohnern etwa in Hundsbach oder Schönmünzach zugesagt, dass alle Wege im neuen Gebiet bis auf Weiteres offen bleiben. Sie können vorerst also weiter im Wald spazieren gehen oder Pilze sammeln. Allerdings mussten die Bürgerinitiativen schwer kämpfen, um sich Gehör zu verschaffen. Und Beschränkungen sind nicht aus der Welt – über die künftigen Konzepte soll noch gemeinsam beraten werden.

Kompromiss 3: Verschwendung von Steuermitteln?

Die Murgschiffer waren zu einem Tausch von Wäldern nur bereit, wenn sie zugleich die Genossenschaftsanteile des Landes zurückkaufen konnten – so hat das Land dort künftig keinen Fuß mehr in der Tür. Am Ende erhielt das Land 40 Millionen Euro für die Anteile, ein Gutachten bezifferte den Wert aber auf 57 Millionen Euro, die SPD im Landtag sogar auf 90 Millionen Euro. Martin Rivoir (SPD) und Klaus Hoher (FDP) sprachen deshalb von Verschwendung von Steuergeldern. Auch der Rechnungshof hatte das Vorgehen der Regierung gerügt.

Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) hatte zuletzt sogar eingeräumt, dass die Anteile unter dem Marktwert verkauft wurden: Aber die Erweiterung des Nationalparks stehe im besonderen Landesinteresse, diesen politischen Preis müsse man zahlen. Zudem könne man, wenn man das Geld gut anlege, künftig mehr Rendite erwirtschaften als man bisher von den Murgschiffern erhalten habe.

35 Millionen Euro gehen in einen „Zukunftsfonds Wald“. Zwei Millionen Euro werden für den Bau von bis zu drei Wildgehegen verwendet, vermutlich am Ruhestein, bei Freudenstadt und in Herrenwies. Mit drei Millionen Euro will das Land mehr Moorflächen aufkaufen, um das Klima zu schützen.

Der Schurmsee liegt im neuen Teil des Nationalparks. Foto: Faltin

Was lohnt es sich im neuen Teil des Nationalparks anzuschauen?

Der Schurmsee liegt als Kleinod mitten im neuen Erweiterungsgebiet. Er kann bei einer elf Kilometer langen Wanderung erreicht werden. Ein 17 Kilometer langer Premiumweg namens „Baiersbronner Himmelwege: Romantik-Tour“ führt im neuen Gebiet durchs Schönmünztal und über den Huzenbacher See in der alten Nationalparkfläche zurück nach Schönmünzach.

Bei der Verabschiedung des Gesetzes betonten die Grünen, dass der Naturschutz der größte Gewinner der Erweiterung sei. Für Staatssekretär Andre Baumann besitzt der Nationalpark eine nationale Bedeutung. Innerhalb von 30 Jahren sollen drei Viertel der Fläche ganz sich selbst überlassen bleiben.



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