Hutters Gegenmittel war eine parteienübergreifende Bürgerinitiative. Auch eine einst geplante Ortsumgehung Pleidelsheims über die Auen hinweg wurde dank seiner Initiative erfolgreich verhindert.
Dennoch: „Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen“, sagt der Benninger, der bis zu seiner Pensionierung die Akademie für Umwelt- und Naturschutz Baden-Württemberg geleitet hat. Die Neckarregion sei nun mal ein starkes und unverzichtbares Wirtschaftsgebiet. Doch man könne das Rad „verantwortungsvoll nach vorne bewegen“ und dabei auch der Natur wieder mehr Raum geben. Das sei nicht nur für den Artenschutz, sondern auch für den Klimaschutz wichtig.
Und so fiel vor 25 Jahren der Startschuss für das, was viele zunächst für eine Schnapsidee hielten, was inzwischen jedoch als Neckarparadies in der Nähe der Marbacher Schleuse ein barrierefreier Anziehungspunkt für Naturliebhaber geworden ist. Vor allem jedoch wurde es ein Zuhause oder Zwischenstopp für Eisvogel, Nachtreiher und Gänsesäger, für Nachtigall, Singdrossel, Pirol, Mönchs- und Dorngrasmücke, für Frösche, Ringelnattern und viele andere Tiere.
Manche davon werden weiterziehen, andere neu dazukommen, je nachdem, wie sich das renaturierte Stück Landschaft weiter entwickelt. „Die Natur ist dynamisch und wird sich immer ändern, das muss man auch zulassen“, betont Hutter. Und – das ist ihm besonders wichtig – : Diese erste Renaturierungsmaßnahme am wohl schwäbischsten aller Flüsse, die er zusammen mit dem Benninger Unternehmer Max Maier initiiert hat, ist zum Vorbild für viele ähnliche Projekte geworden, beispielsweise im Bereich Offenau/Bad Wimpfen, aber auch mit Laichplätzen nahe Oberstenfeld. „Für mich war das nie eine singuläre Geschichte“, erklärt der Naturliebhaber.
Das Naturreservat Neckarparadies besteht aus verschiedenen Biotopen auf einer Länge von rund 700 Metern und rund 2,5 Hektar Fläche. Obwohl es damit vergleichsweise klein ist – die Zugwiesen bei Poppenweiler beispielsweise, ebenfalls ein Renaturierungsprojekt, sind größer –, gibt es dort eine enorme Vielfalt. Auch deshalb, weil es beispielsweise über Libellen und Vögel mit anderen geschützten Bereichen am Neckar verbunden ist. Rund 400 Meter lang ist der künstlich geschaffene Neckar-Seitenarm mit verschiedenen Flach- und Tiefwasserzonen, außerdem gibt es angrenzende Hecken- und Gehölzbereiche, nachhaltig bewirtschaftete Talwiesen und Auwaldstreifen. Dass das Ganze nicht immer so war, sehen heute nur noch Experten.
Mehrere Biotope auf kleiner Fläche
Zwischen der ersten Idee und der Umsetzung sind nur zweieinhalb Jahre vergangen. „Das wäre heute undenkbar“, glaubt Hutter. Ebenso wie das Zusammenwirken verschiedener Akteure vom damaligen Landrat Rainer Haas bis zum Fischereiverein, dessen Mitglieder völlig uneigennützig handelten – in dem neuen Seitenarm wird nicht geangelt. „Die Bereitschaft, etwas zu tun, ist erlahmt; die Menschen fragen nur noch, was es ihnen selbst bringt“, konstatiert der engagierte Naturschützer. Oft werde auch viel Geld für ein bisschen „Dekogrün“ ausgegeben.
Die Finanzierung war zuerst nicht gesichert
Vor 25 Jahren jedoch sei der Zeitpunkt genau richtig gewesen, die Renaturierungsmaßnahme anzugehen. Der Fluss war sauberer geworden, es schwammen keine Schaumberge mehr darauf wie noch in den 1970er Jahren. Auf Hutters Heimatgemeinde als Standort fiel die Wahl, weil die Wiesen, die umgestaltet werden sollten, dort nicht im Privateigentum waren, sondern der damaligen Neckar AG gehörten, deren Chef nach einer Besichtigung in das Projekt einwilligte. „Und mit der Erlaubnis, was machen zu können, kam der nächste Schritt“, erinnert sich Hutter. Konkret hieß das: Klinken putzen bei potenziellen Spendern. Obwohl es sowohl private Kleinspender als auch Großspender aus der Wirtschaft gab, war die Finanzierung in Höhe von 1,2 Millionen Euro am Anfang noch nicht gesichert. Ein Risiko, aber eines, das sich ausgezahlt hat.
„Es ist wichtig, die Menschen nahe an den Fluss zu bringen“, resümiert Hutter. Allerdings als erlebbare Natur, nicht mit „Halligalli“, denn: „In einem Biergarten brütet kein Eisvogel.“ Und er mahnt: „Wir dürfen trotz aller Krisen von Corona bis Ukrainekrieg die Notwendigkeiten vor der Haustür nicht vergessen. Wir brauchen ein Investment in die Natur, das bringt Zinsen.“ Wie schön und wichtig diese sind, kann man im Neckarparadies selbst erleben.