Naturschutz in Fellbach Remsis kleine Freunde leiden Hunger

Von Michael Käfer 

Das trockene und zeitweise kalte Wetter macht Frühjahrshonig zur Mangelware. Experten befürchten sogar, dass etliche Bienenvölker verhungert sind. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf der Linde, deren Blüten reichlich Nektar und Pollen liefern.

Remsi, das Maskottchen der Remstal-Gartenschau, muss nicht mit  den Launen der Natur zurechtkommen.Foto: Patricia Sigerist Foto:  
Remsi, das Maskottchen der Remstal-Gartenschau, muss nicht mit den Launen der Natur zurechtkommen.Foto: Patricia Sigerist

Fellbach - Remsi, das kräftig gebaute Maskottchen der Remstal-Gartenschau, ist derzeit schwer im Einsatz. Winkend und für Fotos posierend wackelt die stark stilisierte Honigbiene durch die Ausstellungsflächen. Wäre Remsi ein echtes Insekt, dann würde sie diesen Marathon kaum durchhalten, denn Remsis tierische Freunde leiden Hunger.

Nektararmes Jahr

„Ich hatte im Juni immer Honig – und jetzt ist gar nichts“, sagt der Schmidener Reinhold Uetz über die Situation in und um Fellbach. Auf rund 40 Jahre Erfahrung als Imker kann der ehemalige Biologielehrer der Schmidener Hermann-Hesse-Realschule zurückblicken, aber an so ein nektararmes Jahr kann er sich kaum erinnern: „So extrem habe ich es in den letzten Jahren nicht erlebt.“

Ins gleiche Horn stößt Peter Rosenkranz, der Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. So ein schlechtes, weil für Bienen nahrungsarmes Frühjahr hat er in seiner inzwischen 37-jährigen Karriere als Imker noch nicht mitgemacht. „Ich behaupte, dass etliche Bienenvölker dieses Jahr verhungert sind“, sagt der Experte, der deswegen schon vor Wochen empfohlen hat, die Bienenvölker zu füttern.

Hauptgrund für die überaus mageren Honigvorräte in den Bienenvölkern ist der warme Februar

Im Frühjahr ist das für Imker jedoch eine überaus ungewöhnliche Maßnahme, denn gerade zur Zeit der Obstblüte schwelgen Honigbienen sowie andere Nektar- und Pollensammler hierzulande eigentlich im Überfluss. Erst danach nimmt in Fellbach und Kernen üblicherweise das Nahrungsangebot für Bienen ab.

Diesmal war jedoch alles anders. „Die Apfelblüte war in einer Woche vorbei“, sagt Reinhold Uetz. Ohnehin konnten Gartenbesitzer an vielen von der Riesenernte des Vorjahrs geschwächten Obstbäumen nur wenige Blüten finden.

Hauptgrund für die überaus mageren Honigvorräte in den Bienenvölkern ist für Peter Rosenkranz aber das Wetter. „Wir hatten einen extrem warmen Februar“, sagt der 62-Jährige. Dadurch zogen die Immen viel Brut auf und ihre Kolonien wurden rasch stärker. Diese eigentlich positive Entwicklung wird jedoch zur Falle, wenn die Tracht, also die Versorgung mit Pollen und Nektar, abreißt. Dann verbrauchen die bevölkerungsreichen Bienenstaaten viel Futter, ohne dass genügend Nahrung gesammelt werden kann. Das war dieses Jahr beispielsweise im kalten Mai der Fall und wurde zuvor noch durch die wochenlange Trockenheit verstärkt. Ohne Wassernachschub von oben und womöglich noch unterstützt von trockenen Ostwinden produzieren die Blüten kaum Nektar.

Nach den jüngsten Regenfällen sollten die Linden auch genügend Nektar produzieren können

Peter Rosenkranz musste wegen der geringen Vorräte seiner Immen kürzlich sogar eine Lehrveranstaltung für die Hohenheimer Studenten verschieben: „Wir haben keine einzige Honigwabe, die wir schleudern können.“ Immerhin: Etwas Besserung zeichnet sich ab. So entdeckte ein Fellbacher Imker kürzlich die rotbraune bepuderte Fichtenrindenlaus in einem Nadelbaum neben seinem Bienenstand. Dies deutet auf eine möglicherweise bevorstehende Ernte von Waldhonig hin. Kurzfristig könnte aber eine andere Pflanze helfen, die nach der Obstblüte im Remstal auftretende Trachtlücke zu füllen. „Ich warte jetzt auf die Linde“, sagt Reinhold Uetz. Der als Sommer- und Wintervariante in Fellbach erfreulicherweise häufig wachsende Laubbaum beginnt bereits zu blühen. Nach den jüngsten Regenfällen sollten die Linden auch genügend Nektar produzieren können.

„In den Blühflächen summt es natürlich“, sagt Reinhold Uetz über eine dritte Nektarquelle. Allerdings müssen die Flächen eine gewisse Größe haben, um sich positiv auszuwirken. Im Auftrag der Stadtwerke Fellbach hat beispielsweise der Schmidener Landwirt Wolfgang Bürkle viele tausend Quadratmeter Blühflächen angelegt. Dort blühen jetzt Dutzende von Pflanzenarten wie Klee, Phacelia und Malven. Zudem baut er die Durchwachsene Silphie an. Die für die Biogasanlage vorgesehene Energiepflanze wird in einigen Wochen gelb blühen und dann helfen, die Zwangsdiät von Remsi und ihren Freunden endgültig zu beenden.

Bienen auf Nahrungssuche

Tracht: Die Obstblüte liefert Insekten üblicherweise ausreichend Nektar und Pollen. Erst danach entsteht eine Trachtlücke, es fehlt also an Nahrung. Besonders wichtig für Honigbienen sind deswegen im späten Frühjahr und im Sommer blühende Pflanzen wie Linde, Esskastanie oder als Energiepflanze die Durchwachsene Silphie.

Wildbienen: Anders als die Honigbienen legen die meisten Wildbienenarten kaum Vorräte an. Wildbienen können nicht so weit fliegen wie Honigbienen, die nach entsprechender Dressur bis zu zwölf Kilometer überwinden. Deshalb sind gerade die häufig auf bestimmte Pflanzen spezialisierten Wildbienen auf naheliegende und artenreiche Blühflächen besonders stark angewiesen.