Das Regierungspräsidium gibt zu, dass der Schutz für die Amphibien mangelhaft ist – und bessert nach.

Weil der Stadt - Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt Werner Retz und seufzt. Ob’s diesmal klappt? Der agile und aktive Naturschützer und langjährige Chef des Fischervereins ist skeptisch. Denn Erfahrung mit den Kröten-Schutzprojekten des Stuttgarter Regierungspräsidiums hat er mittlerweile genug gesammelt.

 

Vom kommenden Montag an folgt ein weiteres Kapitel. Dann rücken die Bagger und Bauarbeiter zu der derzeit brachliegenden Baustelle auf der Landesstraße zwischen Weil der Stadt und Schafhausen an. Schon vor Weihnachten ist die Baustelle für kurze Zeit eingerichtet worden, samt einseitiger Ampelregelung. „Da hatten wir recht kurzfristig mit den Arbeiten begonnen“, gibt Désirée Bodesheim, die Pressesprecherin des Regierungspräsidiums, zu. Man müsse aber fertig sein, bis die Krötenwanderung im Frühjahr wieder beginnt. „Die Fertigstellung ist dann für Mitte Februar vorgesehen, das hängt auch von der Witterung ab“, gibt sie bekannt.

Schon einige Krötentunnel im Würmtal

In dieser Zeit sollen vier weitere „Durchlässe“ gebaut werden, wie sie im Behördendeutsch heißen, also vier weitere Tunnel, durch die Lurch, Frosch und Kollegen in jedem Frühjahr vom Steckental zum Maisenbachweiher wandern und im Herbst wieder zurück.

Krötentunnel im Würmtal? Gibt’s da nicht schon welche? Richtig, schon einige. Drei Durchlässe hat das Regierungspräsidium bereits 2009 gebaut. 2013 folgen dann weitere drei Tunnel, damals kam sogar die Staatssekretärin Gisela Splett (Grüne) zur Eröffnung, um die „grüne Infrastruktur“, wie sie damals sagte, zu feiern. Fast eine halbe Million Euro hatte die Landesregierung für die Kröten bis zu diesem Zeitpunkt immerhin schon ausgegeben.

Nur einer freute sich nicht mit: Werner Retz, der Schafhausener „Mr. Kröte“. Seit Jahren schon engagiert er sich dort, sammelt von Hand Kröten ein und bringt sie über die Straße. Und befürchtete 2013, das auch weiterhin tun zu müssen, trotz aufwendiger Anlage.

In der Tat: Etliche Tiere findet Retz auch weiterhin und muss sie einsammeln, mittlerweile hilft ihm sein Enkel Lars (11). Die Tunnel seien an der völlig falschen Stelle angebracht, kritisiert er immer wieder, ruft bei Behörden und Zeitungen an und empört sich über die Anlage, die „unnötig“ sei, „wie ein Kropf“. Die jetzt auf unsere Nachfrage hin veröffentlichten Zahlen der Oberen Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums scheinen ihm recht zu geben.

Anlage reicht nicht aus

2284 Erdkröten und 65 Bergmolche fielen damals in die angebrachten Eimer und mussten von Hand über die Landesstraße gebracht werden. Nach Fertigstellung der zusätzlichen Tunnel waren es 2014 immer noch 1224 Erdkröten, drei Bergmolche und drei Grasfrösche. „Wir haben festgestellt, dass die Anlage nicht ausreicht – und daraus Konsequenzen gezogen“, formuliert es RP-Sprecherin Désirée Bodesheim.

Diese Konsequenzen setzt die Behörde jetzt vom kommenden Montag an um und baut die weiteren Tunnels und verlängert die Amphibien-Leiteinrichtung aus Beton entlang der Straße um weitere 80 Meter. 115 000 Euro kostet diese Maßnahme.

Im finanziell klammen Weil der Stadt reibt man sich die Augen über die Großzügigkeit der Landesregierung in Sachen Kröte. Nicht nur, weil das Regierungspräsidium wohl keinerlei Informationen über seine Projekte an die beteiligten Kommunen publiziert. Auch, weil 2013 die damals beteiligten Baufirmen einige Feldwege beschädigt hatten. Und überhaupt: Die über die Amphibientunnel verlaufende Landesstraße hätte aus Sicht einiger Gemeinderäte schon längst viel dringender saniert werden sollen. Da allerdings greift nicht der Naturschutz, sondern das Landesstraßensanierungsprogramm. „Das Brutale ist, dass es tatsächlich noch Straßen gibt, die eine Sanierung noch dringend nötig haben“, sagte Bürgermeister Thilo Schreiber dazu in der jüngsten Gemeinderatssitzung.

Kommentar: Alle schütteln den Kopf

Von Florian Mader

Josef Weber, der SPD-Fraktionschef im Gemeinderat nimmt’s da lieber mit Humor. „Für das Geld hätte man lieber zwanzig Jahre eine Vollzeitkraft eingestellt, die die Kröten einsammelt“, stellte er fest. Und Werner Retz, der Kröten-Grandseigneur, hofft, dass das viele Geld jetzt endlich wirkt und wenigstens den Kröten hilft. „Ich beobachte es genau“, kündigt er an und schüttelt immer noch den Kopf. „Hätten sie es doch lieber gleich richtig gemacht.“Das Regierungspräsidium hört sogar auf die Schüler des Weiler Gymnasiums. Kurz vor Weihnachten hatten sie einen eigenen Staat simuliert, samt Regierung und Bundeskanzler. Dessen Forderung: Ein Krötentunnel müsse her, am besten von der Bank direkt in seine Regierungszentrale.

Kröten dieser monetären Art scheint das ganz reale Regierungspräsidium einige zu haben. Denn diese Mittelbehörde, die im direkten Auftrag der Landesregierung arbeitet und das Land – unter anderem – mit deren Geld beglückt, doktert jetzt seit mittlerweile fast zehn Jahren an dem Krötentunnel im Würmtal herum.

Mehr als eine halbe Million Euro an Steuergeld haben die Beamten dann dort verbuddelt, wenn das Projekt Ende Februar vorerst abgeschlossen sein wird. Dass das niemanden zufrieden stellt, lässt den Laien ratlos zurück. Die örtliche Stadt fühlt sich überrumpelt und hat Angst um die dortige Infrastruktur, die das RP offenbar mehr beschädigt als verbessert.

Und sogar Naturschützer, die solche Millionenbeträge in Glück versetzen müssten, schütteln den Kopf. Selbst wer Werner Retz bisher vielleicht als eigenbrötlerisches Unikum betrachtet haben sollte, muss jetzt zugeben: Er hatte recht. Dass ein engagierter Ehrenamtler mehr Ahnung als die hoch bezahlten Beamten, Gutachter und Fachleute hat, verwundert noch mehr. Ist ein solcher Amphibientunnel unter einer schnurgerade verlaufenden Landesstraße doch eben kein Unikum. Da hätte die Behörde lieber gleich auf den Laien gehört, und ihre Kapazität in andere Projekte investiert, die noch ein bisschen dringender als der Krötentunnel auf ihre Planung warten. Zum Beispiel der Belag auf der Landesstraße. Oder der Lückenschluss.