Naturschutz Wölfe dürfen schneller geschossen werden
Das Europaparlament stimmt für die entsprechende Änderung der Regeln. Kritiker befürchten einen größeren Angriff auf den Naturschutz.
Das Europaparlament stimmt für die entsprechende Änderung der Regeln. Kritiker befürchten einen größeren Angriff auf den Naturschutz.
Beim Thema Wolf kann sich Jutta Paulus einen gewissen Sarkasmus nicht mehr verkneifen. „Die Saga um die Rache für Dolly findet jetzt ihr Ende“, raunt die Europarlamentarierin der Grünen und gibt die Geschichte von Dolly, dem 30 Jahre alten Pony der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen zum Besten. Das stand im heimischen Burgdorf bei Hannover auf der Weide und wurde dort von einem Wolf gerissen. In Brüssel heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass danach die politische Stimmung gegenüber dem Raubtier eine andere gewesen sei. Und manche behaupten sogar, dass deswegen am Donnerstag nun der Schutzstatus des Wolfes vom Parlament von „streng geschützt“ auf „geschützt“ abgesenkt wurde.
Auch Jutta Paulus, die das eigentlich nicht wollte, stimmte am Ende für das dafür notwendige Eilverfahren – aber nur, um in ihren Augen Schlimmeres zu verhindern. Denn dieses Mal ging es nur um den Wolf, wäre länger verhandelt worden, so die Überlegung der Grünen-Politikerin, wäre auch noch anderen Tieren der Schutzstatus entzogen worden. Otter, Kegelrobbe, Biber, zählt Jutta Paulus auf, und die Liste ließe sich nach ihren Angaben mühelos verlängern. „Auch wenn es diesmal um den Wolf ging, offenbart sich eine grundsätzliche Bereitschaft, Natur- und Umweltschutz den Interessen mächtiger Lobbys zu opfern“, sagt sie und befürchtet „neue Angriffe“ der Konservativen im Europaparlament auf die EU-Naturschutzgesetze.
Zu den von Jutta Paulus kritisierten Konservativen zählt Daniel Caspary. „Es ist gut, dass sich unser jahrelanger Druck endlich auszahlt“, betont der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament. Er ist überzeugt: „Diese Änderung ist ein wichtiger Durchbruch bei der Bekämpfung der stetig wachsenden Wolfspopulationen. Sie wird die Ängste vieler Landwirte und ländlicher Gemeinden lindern und ein Gleichgewicht zwischen den Interessen der Bauern und dem Artenschutz sicherstellen.“
Der CDU-Mann hat die Statistik auf seiner Seite. Das Bonner Bundesamt für Naturschutz zählte im vergangenen Beobachtungsjahr 2023/24 deutschlandweit 1601 Wölfe, gut 260 Tiere mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Rudel erhöhte sich 2023/24 demnach auf 209. Hinzu kamen 46 Wolfspaare und 19 sesshafte Einzelwölfe. Die angegebenen Zahlen umfassen nur nachgewiesene Tiere – sie könnten auch höher liegen. Im Jahr 2023 wurden 1268 Wolfsangriffe auf Nutztiere gezählt. Mehr als 5000 Tiere wurden dabei verletzt, getötet oder anschließend vermisst, die meisten von ihnen Schafe. Sie sind klein genug und für die Wölfe leicht zu erbeuten, wenn sie wenig oder gar nicht geschützt werden. Betroffene Weidetierhalter haben im Laufe des Jahres 2023 Ausgleichszahlungen für ihre Schäden in Höhe von insgesamt mehr als 630 000 Euro erhalten.
Seit dem Jahr 1992 genießt der Wolf als einheimische Art in Europa einen besonderen Schutz. Festgehalten ist das in der Naturschutz-Richtlinie der EU, der sogenannten Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH). Auch bisher durften Wölfe getötet werden, allerdings nur, wenn sie sich nachweislich Menschen gegenüber auffällig verhalten oder immer wieder Nutztiere angreifen. Nach der geplanten Herabstufung auf „geschützt“, wäre die Jagd auf die Raubtiere grundsätzlich möglich, wenn der Erhalt der Art weiter sichergestellt wird. In der Fachsprache heißt das Bestandsmanagement. „Deutschland muss diese Möglichkeit schnell nutzen und umgehend umsetzen“, verlangt Daniel Caspary, denn die Umsetzung der Änderungen bleibt den einzelnen Regierungen überlassen. In Deutschland hat sich eine Mehrheit der Parteien aber bereits für einen schnelleren Abschuss ausgesprochen.
Auch Jutta Paulus wehrt sich nicht dagegen, dass einzelne Wölfe getötet werden, die notorisch Probleme bereiten. Sinnvoll sei es auch, wenn ein Biber gejagt wird, der mit seinen Dämmen ständig den Abfluss einer Kläranlage verstopft. Völlig unverständlich ist ihr aber eine Sicht mancher Menschen auf die Natur, die von ihnen vor allem als störend empfunden werde. „Wälder, Moore und Flüsse sind unsere Heimat“, sagt die Grünen-Politikerin, da müsse man der Natur bisweilen auch einfach ihren Lauf lassen.