Nazi-Historie Die Frage nach Schuld und Sühne

Der KZ-Forscher Harald Roth hat sich für die Erhaltung der Pfeiler eingesetzt, die zur  einstigen Flugzeughalle gehörten. Foto: Horst Rudel
Der KZ-Forscher Harald Roth hat sich für die Erhaltung der Pfeiler eingesetzt, die zur einstigen Flugzeughalle gehörten. Foto: Horst Rudel

Der Forscher Volker Mall von der KZ-Gedenkstätteninitiative Hailfingen/Tailfingen berichtet von einem vermeintlich „äußert seriösen Mann“, der für die Organisation Todt im Einsatz war – und von einem Nazi-Bauleiter, der Häftlinge zu Tode prügelte.

Böblingen: Günter Scheinpflug (gig)
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Gäufelden/Rottenburg - Der eine wurde Ehrenbürger seiner Heimatstadt und blieb unbehelligt, der andere wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt und nach drei Jahren begnadigt. Bruno Störzer war zeitlebens in Höpfingen (Neckar-Odenwald-Kreis) ein angesehener Bauunternehmer. Karl Bäuerle blieb eine längere Strafe erspart. Beide waren unter der Nazi-Herrschaft für die Organisation Todt (OT) im Einsatz gewesen, um den Nachtjägerflugplatz in Hailfingen auszubauen. Sie hatten dafür das Kommando über Kriegsgefangene und jüdische Häftlinge des KZ Hailfingen/Taiflingen, die sie zur Arbeit zwangen und misshandelten. Einige starben eines qualvollen Todes. Der Nazi-Forscher Volker Mall von der KZ-Gedenkstätteninitiative Hailfingen/Tailfingen schildert die Verbrechen in einem neuen Band in der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ und wirft die Frage nach Schuld und Sühne auf.

Wie viele Zwangsarbeiter starben?

Nicht nur die Opfer der Nazi-Greuel lassen Volker Mall (76) und dessen Forscherkollegen Harald Roth (68) nicht mehr los. Die beiden knien sich auch in ihre Recherchen über die Täter auf dem einstigen KZ-Gelände in Gäufelden-Tailfingen (Kreis Böblingen) und Rottenburg-Hailfingen (Kreis Tübingen). Von den dortigen 601 jüdischen Häftlingen starben nach den bisherigen Erkenntnissen von Mall und Roth mindestens 189. Von den rund 2000 Kriegsgefangenen deckten sie bisher eine Handvoll Todesfälle auf. „Da hinken wir noch hinterher“, sagt Roth. Es könnten hundert bis zweihundert Gefangene gewesen sein, die wegen der menschenverachtenden Verhältnisse umkamen oder von den Wachmännern und den Nazi-Kommandeuren ermordet wurden.

„Es muss zeitweise ein einziges Durcheinander geherrscht haben“, sagt Volker Mall. Wer auf dem Flughafen was zu sagen hatte, darüber habe es zwischen der Luftwaffe, der Wehrmacht, der SS und der OT oft Meinungsverschiedenheiten gegeben. Mall und andere KZ-Forscher ermittelten immerhin rund 20 Namen der Täter.

Nur ein „Mitläufer“?

Unter ihnen ist auch der im Jahr 1994 gestorbene Bruno Störzer, der von 1959 bis 1975 im Höpfinger Gemeinderat saß, sieben Jahre lang als stellvertretender Bürgermeister fungierte und 16 Jahre als Vorsitzender des örtlichen Turn- und Sportvereins. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde in den 1960er Jahren eingestellt, Störzer wurde als „Mitläufer“ eingestuft. „Der als äußerst seriös geltende Mann erhielt das Bundesverdienstkreuz und die Silberne Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg“, hat Mall herausgefunden.

Störzer sei von Juli oder August 1944 an in Hailfingen gewesen, habe als OT-Bauleiter die Oberaufsicht beim Flugplatzbau gehabt, habe für eine strengere Bewachung der Zwangsarbeiter gesorgt und sei mitverantwortlich gewesen für das Leiden der Kriegsgefangenen und jüdischen KZ-Häftlinge. Viele von ihnen seien wegen Mangelernährung, Kälte, Krankheiten und durch Gewalt gestorben, bilanziert Mall.

„Sadist und Menschenschinder“

Karl Bäuerle dagegen – der einstige OT-Schachtmeister starb im Jahr 1979 – wurde sofort nach dem Einmarsch der Franzosen am 18. April 1945 festgenommen. An Weihnachten 1952 kam der von Zeitzeugen beschriebene „Menschenschinder“ frei. Die Häftlinge hatten auf seine Befehle hin Bäume zu fällen und Rollbahnen zu planieren. Ein KZ-Häftling sagte vor Gericht aus, dass Bäuerle auf einen ungarischen Juden, der am Ende seiner Kräfte gewesen sei, mit einem Stock eingeschlagen habe, sodass dieser auf dem Rückweg ins Lager gestorben sei. Ein anderer Überlebender schilderte Bäuerle als Sadisten. Er habe Häftlinge gezwungen „mit schweren Hölzern unterm Arm durch den Regen zu rennen“.

Um eine Flugzeughalle zu errichten, mussten die Gefangenen, die mit Nummern erfasst wurden, Steine aus Steinbrüchen herbeischleppen. Zwölf Pfeiler sind von dem Gebäude noch übrig, die an das Grauen erinnern. An einigen prangt der Schriftzug „Der Mensch hat einen Namen“ – auf Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Russisch und Hebräisch.




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